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Theater unter Morphium – “Die Sehnsucht der Veronika Voss” im Rationaltheater // Dominik Frank

Anscheinend zwingt dieser Raum zur Stille. Die beiden Inszenierungen von Lina Hölscher, die ich seit der Nezeröffnung des Schwabinger Rationaltheaters dort gesehen habe, waren leise, konzentrierte und höchst spannende Abende. Nun gab Jungregisseur Dominik Frank sein Rationaltheater-Debut – und zeigte in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ ebenfalls einen ruhigen Stil, den man von seinen bisherigen extrovertierten oder schrillen Arbeiten nicht gewohnt ist. Das Spiel der eindringlichen, langen Blicke und langsamen Gesten, die manchmal an der Grenze der Hörbarkeit gesprochenen Worte scheinen unter Morphium zu stehen wie die Hauptfigur, eine verzweifelnde Ex-Filmdiva, deren Glanzkarriere mit dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschland endete und die nun von einer Nervenärztin in stofflicher Abhängigkeit gehalten wird.

In der beeindruckend schlichten Bühne von Julie Boniche regiert folgerichtig klinisches Weiß, was der eigentlich winzigen Bühne Tiefe und Leichtigkeit verleiht. Und so schwebt auch die Handlung wie in Trance federleicht über Zeit- und Ortswechsel hinweg. Dieser stilistische Ansatz funktioniert großartig – und beweist nebenbei, wie mühelos das Theater sich ein schnittreiches Filmdrehbuch (die textliche Grundlage der Aufführung bildet das von Pea Fröhlich und Peter Märthesheimer geschriebene Drehbuch zu Fassbinders gleichnamigem Film) anzueignen vermag. Nicht der äußere Rahmen von Raum und Zeit verbindet und strukturiert die Szenen, vielmehr werden die Emotionen, die Begehrlichkeiten der Figuren zum fliegenden Teppich, der sie im Handumdrehen zum nächsten Einsatzort, zum nächsten Wendepunkt ihrer Leidensgeschichte trägt. Oft bemerkt man erst nach einigen Sätzen, dass die Szene gewechselt hat, wo und wann man sich jetzt gerade befindet, und diese Vernachlässigung äußerer Details zugunsten des Innenlebens entwickelt einen ganz besonderen Sog.

Dominik Frank beweist, dass er auch diesen Stil beherrscht. Der Sog bricht nur ein, wenn die Eintönigkeit des Bühnenbildes auf die Textdeklamation abfärbt. Da vertraut Frank einer falsch verstandenen Form von purem, ungekünsteltem Sprechen, das letzten Endes nur monoton wird. Besonders längere Monologe sind hochgefährdet. Mehr rhythmische Variation, mehr lebendige Durchdringung der Worte wäre hier dringend notwendig gewesen.

Einheitlich ist nicht nur die Farbe der Ausstattung, sondern auch das Geschlecht des Ensembles: Sechs identisch gewandete Frauen spielen alle Rollen, männliche wie weibliche. Als Sinnbild für egozentrische Wahrnehmung und Selbstbespiegelung besticht diese Lösung ebenso wie als Moment atmosphärischer Ödnis, führt aber doch zu erheblichen Verständnisproblemen, da einzelne Schauspielerinnen mehrere Figuren verkörpern und deren Kennzeichnung durch unterschiedliche schauspielerische Haltungen nur halbherzig geschieht. Anna März bleibt ihrer Rolle als Veronika treu und zeichnet ein gutes Portrait, wenn man sich auch noch mehr sichtbaren Realitätsverlust und emotionale Unberechenbarkeit gewünscht hätte. Den leidenschaftlichsten Part gestaltet Nadine Badewitz als Journalist Robert, der in Veronikas Schicksal hineingezogen wird: Eine überzeugende Darstellung, die insbesondere nie der Versuchung erliegt, aufgesetzt männlich wirken zu wollen. Marie Golüke bringt mit ihrer schroffen Zeichnung von Roberts Lebensgefährtin nicht nur herrliche Komik, sondern auch einen sinnvollen inhaltlichen Kontrast ins Spiel, da sie der selbstzerstörerischen Emotionalität der beiden Hauptfiguren einen bodenständigen, fast dümmlichen Pragmatismus entgegensetzt. Subtilen Schauer verströmt die Nervenärztin Dr. Katz in Aline Mauchs leiser, eiskalter Interpretation, während der Rest des Ensembles deutlich hinter den genannten Darstellerinnen zurückbleibt.

Am Ende geht ein Stern auf, der am Anfang vom Himmel fiel und verglühte. Wieso diese plakativen Videoeinspielungen? Der restliche Abend macht doch klar, dass das Theater in der Lage ist, die Spannung mit den ihm eigenen Mitteln mühelos zu halten. Ein schöner Beitrag zum Fassbinder-Jahr, den man noch an zahlreichen Terminen bis Juni wird erleben können.


Herz aus Gift – Lina Hölscher

Rationaltheater München

KLICK

Eines vorweg: Ja ich stehe bei diesem Stück unter den Mitwirkenden, bin aber nur in einer Filmszene zu sehen und habe an der restlichen Inszenierung nicht mitgewirkt, noch sie vor der Premiere gesehen. Meine eigene Szene werde ich natürlich nicht kritisieren.

So und nun zum Stück.

Lina Hölscher hat schon bei Hasse Karlsson bewiesen, dass sie inszenieren kann. Nun stellte sie es einmal mehr unter Beweis.

Hintergrund des Stückes von Andrea Funk ist die Geschichte von der Serienmöderin Gesche Gottfried, die von 1813-1828 fünfzehn Menschen durch Gift ermordet hat, darunter auch ihre eigene Familie. 1828 wurde sie verhaftet und öffentlich hingerichtet.

Das Theaterstück spielt nun mit dem Gedanken, was passiert wäre, wäre Gesche nicht hingerichtet worden. Was wäre wenn sie aus ihrer Zeit entflieht und versucht ihre Taten hinter sich zu lassen um einen Neuanfang in einer deutschen Kleinstadt zu starten. Sie meldet sich bei einer Heiratsvermittlung an. Mattes, der dort arbeitet, verliebt sich in sie und wird in unabsehbare Dinge mithineingezogen. Heinz Kross, ein Klatschreporter, versucht Gesche auszuhorchen. Gesche kann von ihren Mustern nicht ablassen und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Andrea Funk fügt noch zwei weitere Serienmörder in ihr Stück mit ein, Jürgen Bartsch und Myra H. Von ihnen werden original Zitate eingebaut, so bekommt die Geschichte noch einmal eine ganz neue Brisanz, da Myra H. bis 2002 lebte. Auch heute sind die Nachrichten mehr denn je mit Mordtaten durchflutet. Letztes erschreckendes Beispiel war der Massenmörder Breivik aus Norwegen. Wir alle können uns an die Bilder im Fernsehen erinnern. Warum tut jemand so etwas? Im Fall von Breivik wurden die Gründe geklärt, im Fall von Gesche Gottfried versucht das Stück und die Inszenierung Antworten zu finden und gräbt sich in ihre Gedanken.

Lina Hölscher macht aus dem Theaterstück eine Mischung aus packendem Krimi und menschliches Drama.

Sinikka Schubert lotet alle Fassaden von Gesche Gottfried aus und das waren einige gewesen. Man müsste sie eigentlich mal fragen, ob sie die Gründe der Morde ihrer Figur gefunden hat. Wer weiß schon was in solch einem Menschen vor sich  geht, vielleicht ist Sinikka Schubert durch ihre Darstellung der Gesche dem ein bisschen näher gekommen. Aus ihrer Spielweise, könnte sich das durchaus ableiten lassen. Sie spielt emotional und macht den Eindruck, dass sie die Figur und ihre Geschichte lebt. Maike Specht, die in Hasse Karlsson ihre mütterliche Seite zeigte, wurde hier zur alternden Chefin der Heiratsvermittlung, die mit schwarzem Humor und Sarkasmus besticht. Christopher Goetzie sah man seine begonnene Ausbildung an einer Schauspielschule an. Er ging so in der Rolle des etwas zurückgebliebenen  Klatschreporters auf, dass sogar die Bewegungen seiner Fingerspitzen zur Figur passten! Timocin Ziegler, der Mattes spielte, ging leider etwas unter. Entweder waren die anderen zu stark oder er zu schwach in seiner Figur. Als eine der Hauptfiguren hätte ich ein bisschen mehr erwartet.

Mit wenig Mitteln und Requisiten wurde die Welt der Gesche dargestellt. Stellwände, Teppich und Blumenerde….und Butterstullen! Ich bin nicht einmal ausgestiegen und es wird einem nicht langweilig. Die großartige schauspielerische Leistung und auch die gesamte Inszenierung schaffen es, dass man gepackt wird von der Geschichte und sich fragt WARUM? Gesche spielt Gott. Sie entscheidet wer leben darf und wer nicht. Was muss man in sich tragen bzw. erlebt haben, um so einen Hass auf die Menschen zu haben. Die einzige Antwort die Gesche dazu hat ist, dass faule Kartoffeln von den gesunden getrennt werden müssen!

Es lohnt sich auf jeden Fall noch hinzugehen, denn einmal mehr hat Lina Hölscher bewiesen, dass sie es versteht  die Figuren herauszuarbeiten und ein gesamtes stimmiges Bild zu erzeugen in dem wunderbare Geschichten erzählt werden.

Weitere Vorstellungen am 8.1 und 15.1.2012 im Rationaltheater an der Münchner Freiheit.

„Es sind die Frauen, die Leben geben können. Und es sind die Frauen, die Leben nehmen können.“


Der gewissenlose Mörder Hasse Karlsson enthüllt die entsetzliche Wahrheit, wie die Frau über der Eisenbahnbrücke zu Tode gekommen ist // Rationaltheater

„Warum macht man Dinge, die man nicht tun will?“, schreibt Hasse Karlsson mit Kreide an die schwarze Bühnenrückwand – und kommentiert, nach vorn gewandt: „Ich weiß es nicht.“ Aber während der Protagonist in Henning Mankells Stück rückblickend seine eskalierenden Jungenstreiche mit unschuldiger Ratlosigkeit erzählt, ist der Mechanismus seiner Geschichte von außen betrachtet ziemlich einfach: Hasse schließt Freundschaft mit Schwalbe, einem Jungen aus finanziell besseren Verhältnissen, und wird bald von dessen Anerkennung abhängig. Daher nimmt er an Schwalbes sogenannten Racheaktionen an der Erwachsenenwelt teil – kleinen und größeren Streichen, die schließlich zum Kältetod einer Frau führen. Die Antwort, wofür eigentlich sich die beiden Jungen rächen sollen, bleibt Schwalbe seinem Freund Hasse schuldig – und so bezieht sich die exponierte Frage nach dem Grund des sadistischen Handelns unausgesprochen auch auf ihn, den Verführer.

Den Anlass für Hasse, diese Episode seines Lebens noch einmal im Wechsel von szenisch ausagierten und vereinzelten erzählerischen Momenten zu durchleben, liefert der bevorstehende Tod seiner Mutter – und das macht das Stück eigentlich spannend, denn der Zusammenhang zwischen Hasses Mittäterschaft und seinem erwähnten langjährigen Zerwürfnis mit der Mutter bleibt lange aufgespart und wird auch zuletzt eher angedeutet als dargestellt. Am Ende eines großen Bekenntnisses steht also wieder die Scheu, den eigentlich schmerzhaften Punkt zu benennen.

Die Regisseurin Lina Hölscher erzählt diese Geschichte geradlinig, mit klugem Minimalismus in der Ausstattung und großem Einfühlungsvermögen in die Unsicherheit der handelnden Figuren. Hasse, Schwalbe und die Mutter sind sauber gearbeitete Charaktere, die innerhalb kürzester Zeit Interesse wecken. Die wahrlich winzige Bühne des Rationaltheaters zwingt die Schauspieler zu präzisem, überlegtem Spiel – aber damit erzeugen sie eine Spannung, die den Raum immer wieder bis an seine äußersten Grenzen dehnt. So gewinnen die körperlichen Rangeleien zwischen den beiden Jungen unglaubliche Wucht, und die verzweifelte Suche nach Hasses (bedrückenderweise immer unsichtbar bleibendem) Vater gerät gerade wegen der engen Verhältnisse zu einer intensiven Szene.

Die Schauspieler sind dem gnadenlos intimen Rahmen zweifellos gewachsen. Eindrucksvoll vor allem die vollendet natürlich spielende Maike Specht, der es als Mutter gelingt, vereinnahmende Dominanz und liebevolle Herzlichkeit in ein und demselben Moment erfahrbar zu machen. Benjamin Jorns ist als fragil gebauter Jüngling mit scheuen Augen eine ideale Besetzung für Hasse; er verleiht der Aufführung einen melancholischen Grundton und macht die Hilfslosigkeit seiner Figur auf beklemmende Weise deutlich. Ihm zur Seite zieht der körperlich imposante Christopher Goetzie nicht nur alle Register eines komödiantischen mimischen Talents, sondern schafft mit Schwalbe auch eine zwiespältige Figur, indem er neben der angeberischen Aggressivität immer wieder kindliche Naivität durchscheinen lässt: Ein Täter mit der Aura des Unschuldigen. Sandra Obermeier in verschiedenen kleinen Opferrollen verfällt leider mitunter in einen affektierten, künstlichen Ton, trägt aber mit gleicher Präzision zu einer beachtlichen Ensembleleistung bei.

Ein ruhiger, nachdenklicher und rührender Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte!


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