Die Dreigroschenoper – Christian Stückl

Manege frei!

Christian Stückl inszeniert Bertolt Brechts Dreigroschenoper am Volkstheater als bunten Jahrmarktsrummel rund um Macheath, Polly, Peachum und das restliche Gesindel.

Die Story ist folgende: Macheath, genannt Mackie Messer, Mörder und Dieb lebt in Soho, dem Schmuddel-Bezirk Londons zur Zeit des Stücks. Er heiratet Polly Peachum, die Tochter des Bettlerkönigs (alias „Ärmster Mann Londons“) gegen den Willen des Vaters, der ihn nun innerhalb einer Woche hängen sehen will – noch vor der Hochzeit der Königin. Ansonsten, so droht er, wird ein Bettlerauflauf genanntes Fest in ewig ungute Erinnerung rücken. Auch Mackies bezahlter bester Freund Polizeiinspektor Tiger Brown sieht sich gezwungen, sich von ihm zu lösen.

Was einem die Bühne schon beim ersten Anblick entgegen schreit, bestätigen die Kostüme: Retro-Jahrmarkt ist angesagt. Für beides verantwortlich ist Stefan Hageneier, den über die Passionsspiele Oberammergau eine lange Zusammenarbeit mit Christian Stückl verbindet. In der ersten Hälfte des Abends bilden ein Bretterboden mit drehbarem, senkrecht ausfahrbarem Gesicht – das Firmenlogo von Peachum & Co. – und eine bemalte Leinwand im Hintergrund den Raum. Später wird diese dann abgenommen und entblößt ein Holzgittergerüst. Ist Mackie in diesem Raum, in sich selbst gefangen? Dann sitzen sie alle darin, wie im Kolosseum, um seiner Hinrichtung beizuwohnen. Der Mund des Firmenlogo-Gesichts tut sich als Symbol des Kapitalismus des Öfteren auf, um Figuren auszuspucken oder zu verschlucken.

Schlechte Nachrichten noch bevor die Vorstellung beginnen kann: Stefan Ruppe, der Darsteller des Peachum ist krank und kann nicht spielen, wird aber wie schon in den vorangegangenen Aufführungen von Christian Stückl persönlich ersetzt. Und der macht seine Sache sogar richtig gut, so dass man voller Abscheu auf einen durchtriebenen Kapitalisten blickt. Frau Peachum (Ursula Maria Burkhart) ist eine Trinkerin, ihr Wesen ekelt einen an. Die Tochter Polly, gespielt vom Ensemble-Neuzugang Sybille Lambrich, wirkt einfältig und dumm. Auch Polizei-Inspektor Tiger Brown (Tobias van Dieken) wirkt nicht mit Klugheit gesegnet. Und Macheath (Pascal Fligg) selbst wirkt wie ein Tier, vor allem als sich Lucy (Kristina Pauls), eine seiner Geliebten, im Gefängnis an ihn ranmacht. Einen äußerst unterhaltsamen Auftritt hat Thomas Kylau als Pfarrer. Die Figuren präsentieren sich als Typen, die sich nicht entwickeln. Aber es macht Spaß den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie über die Bühne Fegen und Drive ins Spiel bringen. In Ballungsszenen stehen 26 (!) Schauspieler auf der Bühne, eine kleine Entschuldigung für die lang geratene Beschreibung nur der wichtigsten Personen.

Schön herausgearbeitet sind die Frauen in Mackie Messers Leben: Polly, die er am kürzesten kennt, die er heiratet und die ihn unbewusst als erste verraten wird. Spelunken-Jenny (Xenia Tiling) kennt er am längsten. Er war ihr Zuhälter und lebte ein halbes Jahr mit ihr zusammen. Sie verrät ihn zweimal – bewusst. Jenny ist sein Judas, die Szene des ersten Verrats verwirklicht Stückl als letztes Abendmahl: plastikbrustbehängte Huren und fummelnde Diebe bilden die Jüngerschar. Lucy will Mackies Leidenschaft, aber für sich allein und konkurriert mit Polly in einem Duett um ihn. Für mich einer der Höhepunkte des Abends.

Am Dramentext wurde für diese klassische Inszenierung nicht sehr viel gestrichen – 3 Stunden mit Pause –, doch man wird so gut unterhalten, dass man die Zeit beinahe vergisst. Dazu trägt nicht zuletzt Kurt Weills brillante Musik, gespielt von einem achtköpfigen Orchester und mit einer positiv überraschenden gesanglichen Leistung der Schauspieler, bei.

Es gäbe noch zu viel zu sagen, aber es ist besser Ihr schaut euch Die Dreigroschenoper am Volkstheater selbst an. Mein persönliches Fazit ist: die Version, die Christian Stückl uns bietet, mag nicht die innovativste sein, aber sie ist gründlich und unterhält. Es ist einfach wie es sein muss: Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren. Ein Moritatensänger singt eine Moritat.

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