They shoot horses, don`t they? – Susanne Kennedy

Kammerspiele München

KLICK

„Sadismus ist sexy und Masochismus ist ein Talent“

Eine offene Probe ist etwas anderes als seine Vorstellung. Es gibt keinen Schlussapplaus.

Von Zeit zu Zeit veranstalten die Kammerspiele offenen Proben für Studenten und Interessierte. Ich  ging mit einem Freund hin. Erstens, um Geld zu sparen und zweitens, um mal zu schauen, wie die Proben da so laufen. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging.

Bei einer kleinen Einführung erzählte uns eine Frau, die gerade die Treppe hochgerannt war und fast  keine Luft bekam, dass es sich um einen Tanzmarathon in Amerika zur Zeit der großen Depression handelt. Sie erzählte uns, dass es damals sadistische Züge angenommen hätte und in großen Dramen endete. Jeder wollte das Preisgeld haben und alle tanzten bis zu Erschöpfung und noch viel weiter.  Die Vorlage für dieses Stück ist eine Novelle von Horace McCoy (1953), in der er solch einen Tanzmarathon beschreibt.

Wir gingen in den Werkraum. Ich kannte ihn bis dahin nur von XY Beat von Pollesch. Sie hatten die Gogostange entfernt und vor der ersten Reihe „abgesperrt“. Es sah aus wie in einer Zirkusmanege.  Die Figuren waren schon da, als wir reinkamen. Sie sahen alle aus, als wären sie einer Freakshow entsprungen, ich fand es aber echt toll. Die Kostüme waren wirklich toll und sie erinnerten mich an den Jahrmarkt bzw. Rummel der 1920er Jahre, wo man alles Groteske zeigte, wie z.B. „Die fettesten Zwillinge der Welt“ und alle strömen herbei, um sich diese Freaks anzuschauen. Genauso sah das hier auch aus.

Es ging los, der Moderator der Veranstaltung reicht die ganze Zeit und hatte so etwas Gelangweiltes an sich, das ist großartig.  Er führt durch die ganze Veranstaltung und den Abend. Völlig versifft steht er da und versucht die Teilnehmer anzuspornen. Alle anderen Figuren sind Typen. Alles runtergekommene Existenzen, die sich mit dem Preisgeld ihr Leben wieder aufbauen wollen. Die gescheiterte Schauspielerin, der Boxer, der Seemann usw.

Walter Hess, Nico Holonics, Lasse Myhr, Thomas Schmauser, Anna Maria Sturm, Cigdem Teke spielen diese Typen.

Man denkt sich: „Ja das kann lustig werden, ist auf jeden Fall eine tolle Ausgangssituation“, aber nein, man wird etwas enttäuscht.

Susann Kennedy hat versucht, die Schnelligkeit des Tanzes und die Länge eines Marathons in ein Stück zu packen und es wurde sehr langatmig. Es gibt große Pausen zwischen den Dialogen oder Monologen und meine Begleitung wäre fast eingeschlafen. In der Mitte gibt es eine tolle Szene, aber sonst…

Man kann es meiner Meinung nach nur verstehen, wenn man weiß, wie ein Tanzmarathon normalerweise aussieht. Ich hatte zufällig mal einen amerikanischen Tanzmarathon ausschnittsweise gesehen, deswegen wusste ich, wie so etwas abläuft. Aber wenn man es gar nicht kennt, ist man in dem Stück wirklich aufgeschmissen, da es ja diesen Tanzmarathon karikieren will.

Irgendwann war das Stück dann zu Ende und ich bin mit meiner Begleitung gegangen- wir beide sind ziemlich erschöpft gewesen. Ich hab mich gefühlt, als würde ich die Langsamkeit des Stückes noch mit mir rumschleppen. Es war, als würde ich genauso langsam gehen wie die Figuren in dem Stück. Das war schon sehr strange. Man ist erschlagen danach. Mit Leere.

„Sadismus ist sexy und Masochismus ist ein Talent“

Mein Lieblingsspruch des Abends- trifft sowohl auf das Thema als auch auf den Abend generell zu.

Premiere: 27.02.2011

Hier ein Trailer aus dem Film von Sydney Pollack


 

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Über Marie

Studium der Theaterwissenschaft an der LMU München und MA Performance Studies an der Universität Hamburg. mariegolueke.de Zeige alle Beiträge von Marie

One response to “They shoot horses, don`t they? – Susanne Kennedy

  • antoniatheresa

    Offene Probe heute 23.02.2011, Eindrücke (kurz;):

    Beklemmend der Beginn: Auf die motorisiert und unnatürlich wirkenden Andeutungen tänzerischer Bewegungsabläufe kann man sich nicht einlassen – auch eine Einordnung dieser fällt schwer. Die wenig euphorische Ansage des Moderators/Tanzmarathonleiters (?) setzt dann aber das Karusell in Bewegung:

    Die Haltung zum Geschehen schwankt zwischen Distanz zu einer „Freak-show“ und Mit-Leiden mit zerbrochenen Gestalten.
    Sounddesign (Richard Janssen)und Licht (Christian Mahrla) sind großartig. Das zwanghafte Fort-Dauern des Tanzmarathons überträgt sich bis zur Unerträglichkeit auf den Zuschauer. Tanz, so zeigt die Inszenierung, verliert jeglichen ästhetischen Wert, es geht nur um´s Weitermachen. Klar, dass der Tod attraktiv scheint, wenn das Kleid geklaut wird.
    Sie sie springen, sie laufen, sie drehen sich bis zur Besinnungslosigkeit: bis zum Umfallen. Das Karussel dreht sich weiter, und wieder von vorne.
    Der Gnadenschuss erfolgt natürlich (leider/zum Glück) nicht hörbar auf der Bühne, trotzdem sind die Pferde getroffen.
    Das Publikum auch: Sieht man von einigen störenden, überflüssigen schauspielerischen Einlagen bzw. Regiestreichen ab (die bis zur Premiere vielleicht noch verschwinden), lohnt es sich, das Stück ab dem 27.2. anzusehen – schon um zu erleben, wie der Werkraum in eine Halle verwandelt wird.

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