Der Prozess – Andreas Kriegenburg

Kammerspiele München

KLICK

Ich hatte den Prozess von Kafka nicht ganz fertig gelesen. Um ehrlich zu sein hatte ich ungefähr ein Drittel vom ganzen Buch gelesen.  Auf der einen Seite fand ich es schon spannend aber irgendwie war es nicht der richtige Zeitpunkt gewesen Kafka zu lesen, da ich irgendwie schnell ermüdete,  also legte ich das Buch wieder weg. Das war vor ein paar Monaten.

Heute nun wollte ich in die Kammerspiele gehen und mir dort die Inszenierung von Kafka, „Der Prozess“, anschauen. Ich war wirklich gespannt, ob ich verstehen würde warum es geht. Alle hatten gesagt, es sei die beste Inszenierung die sie seit langem gesehen hatten und da ich seit „Alles nur der Liebe wegen“ Kriegenburg mochte, war ich gespannt was er aus diesem Roman gemacht hat.

Das Licht ging aus, der Vorhang war weg und es bot sich mir ein Bühnenbild, das ich erst mal verdauen musste.  Es war ein riesiges Auge und auf der Pupille waren Stühle und Tische angeklebt damit sie nicht runterfielen,  denn die Pupille war senkrecht zur Bühne und  die Schauspieler saßen auf diesen Stühlen. Ich brauchte eine Zeit lang  bis diese völlig neue Raumdimension sich in meinem Kopf erschloss und ich rausbekommen habe wie sie das gemacht haben. Es war eine krasse Wirkung, die man gar nicht mit einem Mal begreift. Da ich ja den Anfang gelesen hatte, war es nicht so schlimm, dass ich am Anfang mehr mit dem Bühnenbild beschäftigt war als mit dem Text.

Die Schauspieler (Anette Paulmann, Walter Hess, Sylvana Krappatsch, Lena Lauzemis, Oliver Mallison, Bernd Moss, Katharina Maria Schubert, Edmund Tlegenkämper) sahen alle gleich aus, sie hatten alle schwarzen Anzüge an und waren weiß geschminkt. Sie erinnerten mich alle an Charlie Chaplin, nachher hab ich rausgefunden das es eine Anlehnung an die Pantomime aus den 20ergn war.

Die Schauspieler voll führten Wahre Akrobatik auf der senkreckten Drehscheibe. Sie mussten sich ja immer so bewegen, damit sie nicht runterfielen. Das Stück dauerte 3 Stunden und hatte eine Pause und in der Pause wurde die „Pupille “ von den Möbeln frei geräumt und sie war leer. Im Laufe des 2. Teils hangelten sich die Schauspieler an Stäben entlang. Ich kann das gar nicht beschreiben, man muss es selbst gesehen haben.

Was ich noch sehr faszinierend fand, war die Geräuschkulisse, die im ganzen Stück herrschte. Alle sprachen durch Mikrofone und dadurch wurden ihre Stimmen mal mehr, mal weniger entfremdet. Auch die Geräusche, die manche Schauspieler in ein Mikrofon machten und die dann wiederholt wurden – grandios! Dieser Geräusch Teppich spiegelt für mich die Welt wieder in der Herr K lebt. Total skurril und verrückt, aber das ganze Stück spiegelt diese groteske Tatsache in der er sich befindet total gut wieder. Das Bühnenbild, die Kostüme,  die Geräusche, die Mimiken und Gestiken der Schauspieler, aus allem spricht der Wahnsinn, der sich hinter dieser Geschichte verbirgt.

Ich möchte eigentlich gar nichts weiter drüber schreiben, weil es dem ganzen Zauber der Inszenierung nicht gerecht werden könnte. Aber eines hat diese Inszenierung auf jeden Fall geschafft, sie hat mich in diese skurrile, verrückte und wahnwitzige Welt des Herrn K. entführt. Sie hat es volle drei Stunden geschafft, dass ich nicht einmal unaufmerksam war und das ist im Theater schon was Besonderes.

Also wer es noch nicht gesehen hat, sollte hingehen. Man versteht es auch, wenn man das Buch nicht gelesen hat.  Eine Inszenierungen, die mich wirklich nachhaltig beeindruckt hat.

Ich habe bis jetzt 2 Inszenierungen von Kriegenburg gesehen und ich finde ihn toll. Ich finde, er versteht es noch, diesen alten Zauber des Geschichtenerzählens zu gebrauchen und dabei trotzdem moderne Inszenierungsmittel benutzt, sich aber nie darin verliert.

Aber schaut es euch selber an, ich finde diese Inszenierung kann man eigentlich gar nicht beschreiben.

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Über Marie

Studium der Theaterwissenschaft an der LMU München und MA Performance Studies an der Universität Hamburg. mariegolueke.de Zeige alle Beiträge von Marie

2 responses to “Der Prozess – Andreas Kriegenburg

  • Teresa

    Ich bin ganz deiner Meinung! Super Inszenierung und bestes Bühnenbild ever!!!
    Inwiefern meinst du das mit dem dass du kein einziges Mal unaufmerksam warst? Weil ich war schon insofern unaufmerksam, dass ich zwar mit meinen Gedanken auf der Bühne war, aber nicht beim Text. Ich finde teilweise gab es schon so eine Art Reizüberflutung (aber nur im guten Sinne), dass ich dann entweder ganz in die Musik/Töne/Geräusche versunken bin oder eben nur noch auf die Drehscheibe geachtet hab, und das wirkliche Geschehen auf der Bühne gar nicht mehr mitbekommen habe. Wobei das meiner Meinung nach bei diesem Stück überhaupt nicht schlimm ist, denn ich finde, dadurch wurde der surreale Effekt nur noch verstärkt… Schauts euch unbedingt an, wenn ihrs noch nicht gesehen habt!

    • Marie

      Hey,

      ja mit nicht abschweifen meinte ich, dass ich mich nicht mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt habe, die nichts mit dem Stück zu tun hatten, was mir manchmal passiert. Aber ich war auch nicht immer beim Text, sondern wie du gesagt hast man konzentriert sich immer auf verschiedene Sachen aber dadurch wird der surreale Effekt noch verdeutlicht.

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