Winterreise – Johan Simons

Münchner Kammerspiele

KLICK

Ich sitze in den Kammerspielen. Nach langer Zeit eine Inszenierung eines Textes, von Elfriede Jelinek. Johan Simons ist Regisseur. Es ist die erste Arbeit die ich von ihm sehe. Ich sitze in der vorletzten Reihe. Die schwarze Brandschutztür, des Theaters, ist heruntergelassen. Davor liegen grobe, unbehandelte Bretter. Der Boden ragt weit in den Zuschauerraum. Hinter der Bühne sind gewaltige Ventilatoren aufgestellt. Der Wind pustet mir ins Gesicht. Ein unheimlicher Schauer kriecht mir den Rücken runter. Der Geruch von trockenem Holz erfühlt den Raum. Ein Geruch den man von alten Dachböden kennt, den ich aber immer mit Theater verbinden werde. An der Rückwand der Bühne öffnet sich eine Tür. Ein Mann betritt die Bühne. Der Wind scheint ihn am Eintreten zu hindern. Sein Körper ist über und über mit Schnee bedeckt. Eine dicke Eisschicht hat sich auf seinem Pullover gebildet, die nun zu schmelzen beginnt. Dabei habe ich das Gefühl, der ganze Mann würde schmelzen. Mir wird kalt. Ich ziehe meine Jacke wieder an. Obwohl ich weiß dass ich mir die Kälte nur einbilde, ist das Gefühl zu frieren sehr real. Der Wanderer wirft einen Schneeball an die Wand. Ich muss ihn beobachten, bis sein Wasser den Boden berührt.

Gespannt warte ich auf den Text von Elfriede Jelinek. Der Wanderer beginnt zu sprechen. Wie schon in ihrem „Würgeengel“, ist ihre Sprache gewaltig. Sie, und vielleicht noch Samuel Beckett, sind für mich die einzigen, die es schaffen, einen ursprünglichen Gedanken in Text zu verwandeln. Es scheint bei Jelinek keinen Filter zu geben. Ihre Sprache wirkt unverfälscht. Dabei unterscheidet sie nicht zwischen „wichtigen“ oder profanen Aussagen. Egal wie schmerzhaft, wie peinlich oder grausam ein Gedanke ist. Hier wird er ausgesprochen und dem Zuschauer bleibt nichts erspart.

Inzwischen haben sich sieben Personen auf der Bühne versammelt. Der Text handelt anscheinend über einen Bank-Skandal in Österreich. Hier ärgere ich mich, dass ich zu wenig Zeitung lese. Dennoch das Thema verbindet. Die übersatten Banken, die willkürlich über uns herrschen, sind ein anerkanntes Feindbild. Damit kann man keinem auf die Füße treten. Johan Simons inszeniert Benny Claessens als fette Braut im Abendkleid. Gemeinsam zelebrieren wir unseren seichten Humor.  Nun aber wird es unverdaulich. Mit sadistischer Leidenschaft wird die Geschichte von Natascha Kampusch aufgeworfen. „Und warum kommt die mit sowas ins Fernsehen – – Und ich nicht.“ Immer wieder wird ein junges Mädchen aus dem Proszenium, wie aus einem Kellerloch gezogen. Jelinek zeigt mir wieder wie geheuchelt das Mitleid sein kann. Ich hab kaum noch Spucke, so zornig bin ich. Im Moment hasse ich die Menschen und mich selbst. Alle falsche Trauer, Empörung, Rücksichtnahme und Emotion wird hier entlarvt.

Im Hintergrund lauert Andre Jung. Bis zum Ende der ersten Hälfte sagt er nichts. Kurz vor der Pause werden alle Türen aufgerissen. Der Wind pfeift mir wieder um die Ohren. Nur noch Jung und das Mädchen aus dem Proszenium sind auf der Bühne. Gemeinsam singen sie einen Teil aus dem original  Liederzyklus „Winterreise“ von Wilhelm Müller. An der Rückwand werden Filme einer Überschwemmung gezeigt. Autos und Häuser werden von den Fluten weggerissen. Dabei wird die Projektion immer größer, bis sie die ganze Wand einnimmt. Selten habe ich ein Bild gesehen das so schrecklich und gleichzeitig grausig-schön war. Auf den Schreck kippte ich mir, in der Pause, einen Wein hinter.

Die zweite Hälfte wird von Jung dominiert. Er feuert einen Monolog von  biblischem Ausmaß ab. Verstört, dement und kränklich wankt Andre Jung über die Bühne. Ich habe das Gefühl, einen sterbenden zu beobachten, der sich an das Leben klammert. Von seiner Familie in ein Altersheim abgeschoben. Allein gelassen.

Das Mädchen, mit dem er gesungen hatte, folgt ihm wie sein Schatten. Das Mädchen trägt Holzschuhe. Sie krachen laut, auf dem Bretterboden. Dann ist sie allein auf der Bühne. Sie beginnt zu Tanzen. Auf ihren Holzschuhen, tanzt sie Ballett. Einige lachen. Ich finde es nur Grotesk. Alle Lichter erlöschen. Nur aus der Tür der Brandschutzmauer, strahlt es hell. Langsam geht das Mädchen ins Licht und verschwindet. Einige Zeit höre ich noch die Ventilatoren und spüre den Wind.

Später habe ich ein Gedicht von Heinrich Heine gefunden. Sein Anfang beschreibt meine Beobachtungen, an diesem Abend, ganz gut.

„Ein Traum, gar seltsam schauerlich,

Ergötzte und erschreckte mich.

Noch schwebt mir vor manch grausig Bild,

Und in dem Herzen wogt es wild.“

Es war eine lange Winterreise durch die Nacht. Ich glaube aber sie ist, für uns alle, eine notwendige Zumutung.

Advertisements

Über Marie

Studium der Theaterwissenschaft an der LMU München und MA Performance Studies an der Universität Hamburg. mariegolueke.de Zeige alle Beiträge von Marie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: