EROS – Christine Eder

Nach dem Roman von Helmut Krausser, Bearbeitung: Christine Eder und Katja Friedrich

Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält. (Max Frisch) – Prgrammheft zur Insz.

Die Koproduktion des Münchner Volkstheaters mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen hatte schon im Mai 2009 in München Premiere und noch immer scheint die Geschichte von Alexander und Sofie spielplantauglich zu sein.

Eigentlich geht es aber nur um Sofie, um ihre Geschichte, achja, und um den Eros der Macht, dem nicht nur der Dichter verfällt, wenn er eine Erzählung fingiert, sondern dem möglicherweise auch jeder erlegen ist, der auf sein Leben zurückblickt. Aber das Fazit kommt ja zum Schluss.

Auf der Kleinen Bühne entfaltet sich in der durch braune Ledersofas und kleinem Glastisch hergestellten Wohnzimmeratmosphäre schnell der Zauber einer Romanerzählung: Am Anfang steht der Auftrag des 1930 geborenen Alexander von Brücken für einen, DEM Wein von damals nicht abgeneigten, Autor eben die Geschichte seiner Liebe zu Sofie nieder zu schreiben, um sie dadurch nicht nur unvergessen, nein um sie dadurch geschehen zu machen.

Das Geschehen auf der Bühne ist daher von Beginn an geprägt von raschen Ebenen- und Perspektivwechseln: von der Erinnerung des alten v. Brücken, über das Erleben seines jungen Ichs, wieder hin zur Erzählung des Autors oder der Perspektive des Freundes des Hauses, Lukian, der bald auch Gefühle für Sofie entwickelt usf. Die Ereignisse überstürzen sich und die Vorstellungskraft des Zuschauers wird herausgefordert, denn das Wohnzimmer wird zum Spielort der unterschiedlichsten Stationen der für die Bühne adaptierten Erzählung.

Die einzige Konstante bleibt der sinnierende, schwelgende und bemüht selbstkritische Senior, der von seiner festen Sofaposition aus unentwegt beobachtet, wie die Erinnerung an die Vergangenheit mit der Fantasie des Autors spielt.

In den historisch bedeutsamen und problematischen Jahren des geteilten Deutschlands versucht Sofie ein eigenständiges Leben zu führen und ihre individuellen Träume zu verwirklichen, während Alexander scheinbar unbemerkt eben dieses beobachtet, verfolgt und lenkt, sich damit auf eine Ebene mit der StaSi begibt.

Seine Obsession für Sofie kann er nicht erklären und sie findet die Liebe in verschiedenen Varianten (mit Ralf, mit Harry…). Nahe sind sich die beiden nur für die Dauer von drei Minuten, für einen Tanz, in einer Umarmung und auch, wenn sie ihn für einen Mann namens Boris hält, steht für ihn und in der Inszenierung die Zeit einen Augenblick lang still und man glaubt doch verzückt an das Gute, das Glück und eine Bestimmung. Doch dieser Moment kann im Strom der Zeit nicht bestehen, wird eingeholt von der Realität, vom Tod des Demonstranten Benno Ohnesorg.

Zur Musik von den Beatles u.a. wird hemmungslos getanzt, gefeiert, demonstriert, politisiert und geliebt. Mit mitreißender Spielfreude nimmt das Ensemble (Wolfram Kunkel, Friedrich Mücke, Stefan Murr, Jean-Luc Bubert, Xenia Tiling, Mareile Blendl) in wechselnden Rollen das Publikum nicht nur mit auf eine Zeitreise durch deutsche Geschichte, sondern auch auf die tendenziell hoffnungslose Suche nach dem, was richtig ist.

Denn trotz des hohen Tempos und der zahlreichen komischen Elemente beweist die Lesart von Regisseurin Christine Eder auch Feingefühl und lässt Raum für nachdenkliche Momente in den auf der Bühne dargestellten politischen und/oder persönlichen Situationen der einzelnen Figuren, die sich besonders gegen Ende der Inszenierung verdichten.

Jede Lebenssituation hat ihre unwiderlegbare Wahrheit. Aber jede Wahrheit hat auch ihren Ausweg: Die Fiktion. (Peter E. Schumacher) – Programmheft zur Insz.

In diesem Sinne lässt sich abschließend sicher nicht sagen, welcher der Figuren man glauben konnte an diesem Abend oder wessen Geschichte hier nun erzählt wurde oder nicht, aber man darf sich darüber freuen, dass das manchmal eben nicht wichtig ist.

Den Roman werde ich jetzt lesen.

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