Extremities – Bis zum Äußersten – Harald Gilbers

Blutenburg-Theater München

 KLICK

Eines vorweg: Die neue Inszenierung des Münchner Blutenburg-Theater ist nichts für schwache Nerven. Der Psychothriller des amerikanischen Autors William Mastrosimone aus dem Jahr 1982 thematisiert ein Problem, das damals wie heute nicht nur in den USA totgeschwiegen wird.

Die Handlung: In der Küche ihres Hauses wird die junge Frau Marjorie (Julia Lowack) von Raoul (Wolfgang Haas) überrascht, der über sie herfällt und versucht, sie zu vergewaltigen. Sie fleht um ihr Leben, wehrt sich später verbissen gegen Raoul. Schließlich bekommt sie eine Dose Insektengift in die Hände und schafft es so, den Eindringling außer Gefecht zu setzen. Mit Klebeband und Stromkabeln gefesselt und mit verbundenen Augen muss der Verbrecher mit anhören, wie die traumatisierte Marjorie über sein Schicksal entscheidet. Auch ihre Mitbewohnerinnen Terry (Katrin Klewitz) und Patricia (Erika Čeh), die sich nicht sicher sind, was nun tatsächlich vorgefallen ist, können ihre Freundin scheinbar nicht von ihrer grausamen Rache abhalten.

Die Inszenierung von Regisseur Harald Gilbers schafft es, den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Sekunde zu fesseln. Dabei steht weniger die körperliche Gewalt im Vordergrund, die sowohl Marjorie als auch Raoul angetan wird, sonder vielmehr der psychische Druck aller Beteiligten, der sich unweigerlich auch auf der Publikum überträgt. Oft sind es Momente des Schweigens, die den tiefsten Eindruck hinterlassen. Beispielsweise als Marjorie ihrer Freundin Terry 20 Minuten gibt, um Medikamente für den Gefangenen zu besorgen, und ihn nach Ablauf der Frist töten will. Allein das Ticken der Eieruhr baut eine ungeheure Spannung auf.

Unterstützt wurde Gilbers von der Terry-Darstellerin Katrin Klewitz, die die Bühnenkämpfe zwischen Marjorie und Raoul realitätsnah und überzeugend choreografierte. Sie ist die erste Kampfchoreografin  Bayerns und unterstützt bereits seit der letzten Winter-Spielzeit das kleine Privattheater.

Die Atmosphäre wird ergänzt durch das Bühnenbild von Axel Ploch, dem Licht von Tom Kovacs und dem Sound von Kai Taschner.

Ohne das herausragende Ensemble würde natürlich die beste Inszenierung nicht funktionieren. Julia Lowack stellt die Verwandlung von der ängstlichen jungen Frau zur brutalen Rächerin völlig überzeugend und mitreißend dar. Sie wirkt traumatisiert und doch entschlossen, will sich mit aller Kraft gegen ihre Freundinnen durchsetzten, von denen sie sich missverstanden fühlt.

Der einzige Mann der Runde ist Wolfgang Haas als Raoul. Er schafft es ebenfalls, sämtliche Facetten seiner Figur auszuspielen. Dabei geht die Bandbreite von brutalen Verbrecher, der sogar leicht psychopathische Züge aufweist, über das „unschuldige“ Opfer, der versucht die Freundinen gegeneinander aufzuhetzten, bis hin zum ängstlichen Häufchen Elend.

Eine überraschende Wendung nimmt der der Charakter Terrys, gespielt von Katrin Klewitz. Terry ist diejenige der Frauen, die am meisten Probleme mit der Situation hat und sich am heftigsten gegen Marjories Rachepläne wehrt. Dies tut sie jedoch weniger aus Angst vor einer Gefängnisstrafe als vielmehr wegen der schrecklichen Erinnerung an ihre eigene Vergewaltigung, die durch die Vorfälle in der Wohngemeinschaft wieder aufgefrischt werden.

Erika Čeh als Patricia versucht als Einzige, einen kühlen Kopf in der Situation zu bewahren. Auch wenn sie im Grunde ihrer Freundin Marjorie glaubt versucht sie doch die anderen zu überzeugen, dem verletzten Raoul helfen zu können. Sie ist es auch schließlich, die Marjorie überzeugen kann, dass sie nicht selbst über den Gefangenen richten darf.

Ich fand die Inszenierung sehr spannend und anspruchsvoll. Man fiebert im Publikum unweigerlich mit und ist hin- und hergerissen zwischen Hass und Mitleid, Grauen und Faszination. Aber am meisten beeindruckt hat mich, dass ich nicht mehr die Darsteller auf der Bühne gesehen habe (die ich auch abseits der Bühne kenne), sondern ausschließlich die Bühnenfiguren. Der Thriller regt unglaublich zum Nachdenken an. Wie würde ich in so einer Situation reagieren? Ist die Gewalt Marjories gerechtfertigt oder nicht? Reagiert sie zu heftig? Jeder muss diese Fragen für sich selbst beantworten, da auf der Bühne alle Positionen und Meinungen auseinandergehen und dem Publikum keine Meinung aufgezwungen wird.

Nach der von mir besuchten Vorpremiere gab es tosenden Applaus, vereinzelt Standing Ovations und bei allen im Theater spürte man regelrecht, wie die zweistündige psychische Anspannung sich löste.

Die Inszenierung ist bis 9. Juli jeden Dienstag bis Samstag zu sehen und dann nach den Theaterferien noch bis 1. Oktober. Ich kann sie in jedem Fall empfehlen!

Marjorie (Julia Lowack) und Raoul (Wolfgang Haas)

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Über mako89

Marina Kolmeder studierte von 2009 bis 2014 Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits in ihrer Zeit am Gymnasium Mainburg war sie viele Jahre lang am Schultheater beteiligt und so widmete sie sich auch nach dem Abitur der Welt des Theaters. Sie arbeitete bereits als Regieassistentin und -Hospitantin in verschiedenen Münchner Theatern, etwa bei der Inszenierung von Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin" am Gärtnerplatztheater oder Yael Ronens "Plonter" im theater...und so fort. Ihr Debüt als Regisseurin feierte sie 2012 mit "Tango" von Slawomir Mrozek an der Studiobühne München, 2013 folgte eine historisierende Inszenierung von William Shakespeares "Der Sturm" in München und Osterhofen. Mittlerweile spezialisiert sie sich in Forschung und Praxis auf das bairischsprachige Theater aller Genres und Epochen. Für Theater to Go ist sie seit 2011 tätig, seit 2014 als Leiterin. Zeige alle Beiträge von mako89

2 responses to “Extremities – Bis zum Äußersten – Harald Gilbers

  • scheiß kritik

    Klasse: Du verrätst das Ende und erklärst uns, das Thema Vergewaltigung ist ein totgeschwiegenes Tabuthema?
    Um Kritiken zu schreiben muss man a) schreiben können, b) sich zwei Gedanken machen bevor man los legt und c) sollte (das ist optional) kein Vollidiot sein

    • mako89

      Vielen Dank für den „konstruktiven“ Kommentar. Das war meine erste Kritik und ich bin kein ausgebildeter Journalist, sondern nur ein Student, der sich immer freut, wenn ihm jemand freundlich unter die Arme greift, um sich zu verbessern. Aber wer hier der komplette Vollidiot ist wage ich angesichts deiner Beschimpfungen zu bezweifeln. Wenn dir die Kritik nicht gefällt, ist es dein Problem. Aber ich glaube nicht, dass ich mich so etwas anhören muss.
      Das Thema Vergewaltigung kann man übrigens sehr wohl als totgeschwiegen bezeichnen, da nur ein minimaler Bruchteil der Straftaten eben aus den im Stück geschilderten Gründen zur Anzeige gebracht wird. Es ist manchmal sinnvoll, sich zu informieren, bevor man solche Schimpftiraden von sich gibt. Überlege du dir doch in Zukunft bitte, wie du mit Mitmenschen umgehen solltest.

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