Das Fieber – Christian Kroos

Theater… und so fort, München

http://www.undsofort.de/stueck/das-fieber,13

Ich war ja anfangs skeptisch angesichts der Tatsache, dass in diesem Stück die ganze Zeit wirklich nur ein Mann auf der Bühne stehen würde. Ich hatte zuvor noch keinen Monolog gesehen und war aber erstaunt, wie sehr man auch ohne viel Handlung und ohne Dialoge gefesselt werden kann. Und das mehr als eine Stunde lang!!

Erstmal zum Stück von Wallace Shawn: In einem armen Land wacht nachts ein wohlhabender Reisender mit Magenkrämpfen in seinem Hotelzimmer auf. Ihm fällt ein, dass er über die Hinrichtung eines Mannes gehört hatte, die in diesem Moment stattfinden soll. Auf dem kalten Boden des Badezimmers übt er Kritik an der westlichen Gesellschaft, die sich oft so wohltätig gegenüber den Armen gibt und sich doch nur um sich selbst kümmert; an der Politik, die immer nur das Wohl der Reichen im Blick hat; an sich selbst, der sich immer als guten Menschen betrachtet hat und sich doch im Urlaub von armen Zimmermädchen und Kellner bedienen lässt. Am Ende bittet er die Menschheit (vertreten durch die Zuschauer) um Verzeihung.

Der Darsteller (und Theaterchef) Heiko Dietz hat mich wirklich zutiefst beeindruckt. Er schafft es wirklich über die ganze Zeit hinweg das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Er schaltet in einer Sekunde auf die nächste zwischen völlig verschiedenen Szenen und Stimmungen hin und her. Das wird vor allem super mit Lichtwechseln (Heinz Konrad) unterstützt. In den Szenen, in denen der Protagonist krank im Badezimmer liegt ist es völlig dunkel und man hört nur seine ruhige Stimme; bei der Erinnerung an die Party mit Freunden ist es hell und Dietz redet laut und ausgelassen. So geht es die ganze Zeit, wodurch es nie langweilig wird. Besonders genial fand ich die Szenen, in denen er wirklich nah ans Publikum herantritt, einem direkt in die Augen starrt oder anspricht, was zu einigen Zuschauern sichtlich zu Unwohlsein geführt hat. Er steht nicht nur auf der Bühne, sondern auch mal hinter den Sitzreihen, setzt sich auf einen leeren Platz oder mitten zwischen die Reihen. Es entsteht dadurch eine unglaubliche Dynamik.

Super fand ich auch das minimalistische Bühnenbild. Die kleine Bühne ist komplett leer bis auf ein kleines Quadrat aus weißen Fliesen auf denen ein Stuhl steht. Darüber hängt ein Beutel mit Kunstblut, das die ganze Zeit auf den Stuhl tropft. Das Quadrat wird aber bis zum Schluss nicht vom Darsteller betreten, der sich am Ende unter das tropfende Blut setzt, als er sich seiner Verlogenheit und Schuld gegenüber den Opfern der Wohlstandgesellschaft bewusst wird und sie auch eingesteht.

Ich kann die Inszenierung absolut empfehlen. Da das Theater… und so fort ein wirklich winziges Haus ist entsteht da zwischen dem Darsteller und dem Zuschauer eine richtige Spannung, die es in größeren Häusern wegen der Distanz so gar nicht geben kann. Und das Stück macht wirklich nachdenklich und betroffen.

Das Stück wird noch öfter gespielt, die nächsten Vorstellungen sind am 2., 22. und 23. Juli.

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Über mako89

Marina Kolmeder studierte von 2009 bis 2014 Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits in ihrer Zeit am Gymnasium Mainburg war sie viele Jahre lang am Schultheater beteiligt und so widmete sie sich auch nach dem Abitur der Welt des Theaters. Sie arbeitete bereits als Regieassistentin und -Hospitantin in verschiedenen Münchner Theatern, etwa bei der Inszenierung von Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin" am Gärtnerplatztheater oder Yael Ronens "Plonter" im theater...und so fort. Ihr Debüt als Regisseurin feierte sie 2012 mit "Tango" von Slawomir Mrozek an der Studiobühne München, 2013 folgte eine historisierende Inszenierung von William Shakespeares "Der Sturm" in München und Osterhofen. Mittlerweile spezialisiert sie sich in Forschung und Praxis auf das bairischsprachige Theater aller Genres und Epochen. Für Theater to Go ist sie seit 2011 tätig, seit 2014 als Leiterin. Zeige alle Beiträge von mako89

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