Die Unvernünftigen sterben aus – Peter Handke // Studiobühne der LMU

Man hatte sich viel vorgenommen. Peter Handkes Drama „Die Unvernünftigen sterben aus“ aus dem Jahr 1973, das nun auf der Studiobühne der Theaterwissenschaft München zur Aufführung kam, mutet wie ein melancholiebeschwerter Vorläufer von René Pollesch an: Selbstmitleidiges Sinnieren über das eigene Seelenleben, mit Sachlichkeit abgekühlte Liebesgeständnisse und Kapitalismuskritik wuchern in den Gesprächen der Figuren munter durcheinander. Die Gedankensprünge sind beträchtlich, ein Handlungsrahmen ist unter den vielen Gesprächsexkursen nur schwach zu erahnen, im abrupten Wechsel zwischen realistischem Gespräch und grotesken körperlichen Sinnbildern wirkt das absurde Theater ein. Keine leichte Aufgabe also: Wer diesen Text auf die Bühne bringt, muss viel Rätselhaftes als fremdartige Selbstverständlichkeit verkaufen.

Der Inszenierung von Jona Kräenbring und Tobias Böhnke fehlt aber die Frechheit und Dringlichkeit völlig, mit der auch das Unverständlichste als zwingende Handlung interessanter Charaktere wahrgenommen werden könnte. Stattdessen erscheint sie von der intellektuell-kryptischen Wucht des Textes eingeschüchtert und bleibt verwaschen. Das Ergebnis ist ein langwieriger, höhepunktloser und erstaunlich tempoarmer Abend.

Schwarze Stühle, ein transparenter Wandschirm, hinter dem die Schauspieler als Schattenrisse ihrer Auftritte harren, und eine Livekamera-Projektionsfläche bilden einen technischen, atmosphärefreien Bühnenraum. Hier findet – untergliedert durch höfliche, wenig schwungvolle Auf- und Abtritte – eine lockere Folge von Gesprächen statt, als deren Zentrum sich Frau Quitt abzeichnet (die Geschlechter der meisten Figuren sind gegenüber dem Handke-Text vertauscht): eine Geschäftsfrau, die mit Konkurrenten ein Kartell gründet und nach und nach die Loyalität ihrer Partner verliert. Wieso? Was unterscheidet ihre Weltsicht, ihre Geschäftsstrategie von der der Anderen? Das bleibt im Wust der vielen gedanklichen Exkurse schlicht unverständlich.

Eine Bewertung schauspielerischer Leistungen fällt bei insgesamt so unklarer Stoßrichtung schwer. Welcher der angeschlagenen Töne ist hier der geeignete? Ständig wechselt die Interpretation zwischen versuchter psychologischer Aneignung, Karikatur und neutralem, mitunter durch simple gestische Verdopplung gestütztem Vortrag. Diese Heterogenität führt aber nicht zu widersprüchlicher Buntheit, sondern zur gegenseitigen Erstickung in ein allgemeines Grau, worin auch das gelegentlich aufblitzende komödiantische Talent der Schauspieler immer wieder versickert. Aussagekräftige Körperbilder wie die Verwandlung des Domestiken Hans in einen Hund oder die waghalsige  Stuhlbesteigung des Unternehmers Tax finden nur verstreute Verwendung und wirken daher gewollt. Mehr Mut zur Plumpheit, zu grobem Pinselstrich und vor allem zu greifbaren Subtexten hätte allen Darstellern gutgetan.

So verlagerte sich die Kreativität in die Lücken: Auf der Schauspieler-Auswechselbank hinter dem transparenten Wandschirm gab es witzige Schattenspiele. Die waren oft sehr schön anzusehen.

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