Der gewissenlose Mörder Hasse Karlsson enthüllt die entsetzliche Wahrheit, wie die Frau über der Eisenbahnbrücke zu Tode gekommen ist // Rationaltheater

„Warum macht man Dinge, die man nicht tun will?“, schreibt Hasse Karlsson mit Kreide an die schwarze Bühnenrückwand – und kommentiert, nach vorn gewandt: „Ich weiß es nicht.“ Aber während der Protagonist in Henning Mankells Stück rückblickend seine eskalierenden Jungenstreiche mit unschuldiger Ratlosigkeit erzählt, ist der Mechanismus seiner Geschichte von außen betrachtet ziemlich einfach: Hasse schließt Freundschaft mit Schwalbe, einem Jungen aus finanziell besseren Verhältnissen, und wird bald von dessen Anerkennung abhängig. Daher nimmt er an Schwalbes sogenannten Racheaktionen an der Erwachsenenwelt teil – kleinen und größeren Streichen, die schließlich zum Kältetod einer Frau führen. Die Antwort, wofür eigentlich sich die beiden Jungen rächen sollen, bleibt Schwalbe seinem Freund Hasse schuldig – und so bezieht sich die exponierte Frage nach dem Grund des sadistischen Handelns unausgesprochen auch auf ihn, den Verführer.

Den Anlass für Hasse, diese Episode seines Lebens noch einmal im Wechsel von szenisch ausagierten und vereinzelten erzählerischen Momenten zu durchleben, liefert der bevorstehende Tod seiner Mutter – und das macht das Stück eigentlich spannend, denn der Zusammenhang zwischen Hasses Mittäterschaft und seinem erwähnten langjährigen Zerwürfnis mit der Mutter bleibt lange aufgespart und wird auch zuletzt eher angedeutet als dargestellt. Am Ende eines großen Bekenntnisses steht also wieder die Scheu, den eigentlich schmerzhaften Punkt zu benennen.

Die Regisseurin Lina Hölscher erzählt diese Geschichte geradlinig, mit klugem Minimalismus in der Ausstattung und großem Einfühlungsvermögen in die Unsicherheit der handelnden Figuren. Hasse, Schwalbe und die Mutter sind sauber gearbeitete Charaktere, die innerhalb kürzester Zeit Interesse wecken. Die wahrlich winzige Bühne des Rationaltheaters zwingt die Schauspieler zu präzisem, überlegtem Spiel – aber damit erzeugen sie eine Spannung, die den Raum immer wieder bis an seine äußersten Grenzen dehnt. So gewinnen die körperlichen Rangeleien zwischen den beiden Jungen unglaubliche Wucht, und die verzweifelte Suche nach Hasses (bedrückenderweise immer unsichtbar bleibendem) Vater gerät gerade wegen der engen Verhältnisse zu einer intensiven Szene.

Die Schauspieler sind dem gnadenlos intimen Rahmen zweifellos gewachsen. Eindrucksvoll vor allem die vollendet natürlich spielende Maike Specht, der es als Mutter gelingt, vereinnahmende Dominanz und liebevolle Herzlichkeit in ein und demselben Moment erfahrbar zu machen. Benjamin Jorns ist als fragil gebauter Jüngling mit scheuen Augen eine ideale Besetzung für Hasse; er verleiht der Aufführung einen melancholischen Grundton und macht die Hilfslosigkeit seiner Figur auf beklemmende Weise deutlich. Ihm zur Seite zieht der körperlich imposante Christopher Goetzie nicht nur alle Register eines komödiantischen mimischen Talents, sondern schafft mit Schwalbe auch eine zwiespältige Figur, indem er neben der angeberischen Aggressivität immer wieder kindliche Naivität durchscheinen lässt: Ein Täter mit der Aura des Unschuldigen. Sandra Obermeier in verschiedenen kleinen Opferrollen verfällt leider mitunter in einen affektierten, künstlichen Ton, trägt aber mit gleicher Präzision zu einer beachtlichen Ensembleleistung bei.

Ein ruhiger, nachdenklicher und rührender Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte!

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