Die Legende vom heiligen Trinker

„Die Legende vom heiligen Trinker“ – Eine Inszenierung des Theaterkollektivs What you see is what you get

„Wodka oder Jägermeister?“. Das werde ich am Eingang zum Club Rote Sonne von einem blonden Engel gefragt. Ich nehme Jägermeister. „Eigentlich müsste ich jetzt bei jedem mittrinken“, sagt der Engel weiter. „Da musst du aber ganz schön lange durchhalten“, stelle ich Blick auf die Menschenschlange hinter mir fest. Schon jetzt ist klar: Um den Alkohol und den Rausch kommt hier keiner herum. Ich gehe in den Club, wo mich dämmriges Licht und wummernde House Musik erwarten. Auf einem der gemütlichen Sitzpolster warte ich ab und sehe mich um. Alles sieht nach einem normalen Clubabend und nicht nach Inszenierung aus. Ein kluger Schachzug von Regisseurin Julia Müller und Dramaturgin Doro Streng. Die Atmosphäre gefält mir und nach einiger Zeit entdecke ich unter den Gästen ein paar Leute in etwas „abgerissenen“ Klamotten. Das müssen die Schauspieler sein. Die Musik wird plötzlich lauter, dann ganz leise und es geht los:

Karl Knorr fängt an, zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Mannes, ein Obdachloser aus Schlesien. Der Trinker, der unter einer Brücke an der Seine lebt (gespielt von Steffen Hofmann), trifft durch Zufall einen geheimnisvollen Fremden, der ihm 200 Franc leiht. Hier beginnt für den Trinker  sein ganz persönliches  Wunder „und innerhalb des Wunders gibt es nichts Verwunderliches.“ Mit dem Geld in der Tasche gibt er sich dem Rausch hin. Dem Rausch und den Frauen, die allesamt von Pola O´Mara mit kindlicher Spielfreude verkörpert werden, die einfach schön anzusehen ist. So schnell wie das Geld gekommen ist, ist es dann auch wieder verloren und die kleine heilige Therese, die unbekannte Schuldnerin des heiligen Trinkers, geht leer aus. Wieder unter der Seine-Brücke angekommen, wird der Trinker jedoch abermals durch ein Wunder und wieder durch einen Fremden gerettet und der Kreislauf des Rausches wiederholt sich. Nachdem unser Trinker sein Geld schließlich zum dritten Male verschleudert hat, stirbt er doch noch genau dort, wohin er niemals mehr zu kommen glaubte: In der Kapelle der kleinen heiligen Therese.

Eine Geschichte, die es wert ist, erzählt und inszeniert zu werden. Und auch die Art, wie Julia Müller sie inszeniert, finde ich sehr passend. Man befindet sich auf einer großen Party, in mitten der Schauspieler, die die Geschichte erzählen und spielerisch alles geben, um sich und die Zuschauer in einen Rauschzustand zu versetzen. Und das gelingt ihnen auch. Das Publikum tanzt, trinkt und feiert mit. Die Inszenierung funktioniert als Party nicht zuletzt durch die Musik von Florian Peter aka Bostro Pesopeo. Dass es dabei manchmal etwas zu laut wird, man in der Menschenmasse nichts sieht und so ein Teil des Spiels der Darsteller und auch der Geschichte verloren geht, stört dabei am Ende nicht wirklich, weil man es eigentlich kaum mitbekommt. Denn schon nach kurzer Zeit ist man, obowohl als Zuschauer gekommen, zu einem Teil der Legende vom Trinker geworden. Und ich gebe ihm Recht: „Dabei gibt es nichts Verwunderliches“. Dass die Geschichte irgendwann zu ihrem Ende kommen muss, ist schade, aber es gibt eine einfache Lösung: Weiterfeiern!

Weitere Vorstellungen der „Legende vom Heiligen Trinker“ am 6.9 und 7.9 in der Roten Sonne. Das Gute daran: Zwischen Party und Theater müsst ihr euch nicht entscheiden, an diesem Abend bekommt ihr beides.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: