Fahler Raum, pralles Theater: „Das Ende des Regens“ im Bayerischen Staatsschauspiel // Radu Afrim

Chronologisch erzählt wäre alles vielleicht gar nicht so spannend. Eine Familiengeschichte über vier Generationen, aus den sechziger Jahren bis in die Zukunft unseres Jahrhunderts verlängert, dem Weltende entgegen. Die Geschichte mehrerer Zerwürfnisse, an deren Anfang Pädophilie steht, wozu sich im Laufe der Jahre Alkoholismus, ein Autounfall, geistige Umnachtung und Kommunikationsscheu als Zerrüttungsfaktoren gesellen. Und am Ende siegt die Hoffnung: Denn als im Jahr 2039 die Redensart „in Bangladesch ertrinken die Leute“ plötzlich Realität geworden und die ganze Welt von Flutwellen bedroht ist, finden jüngster Vater und jüngster Sohn zu einem versöhnlichen Wiedersehen zusammen – stellvertretend für all die anderen, die sich zu Lebzeiten aus den Augen verloren haben. Späte Harmonie nach traumatischen Vaterlosigkeiten: rührselig und schön.

Spannend wird das neue Stück des australischen Autors Andy Bovell indes erst durch die alte simple Technik des Fragmentierens und zeitlichen Umschichtens. So hält zu Beginn jeder Szene die Überlegung, in welcher Generation man sich denn nun gerade befindet und was man darüber schon weiß, den Zuschauer bei der Stange. Der Trick funktioniert, man ist neugierig auf die Füllung der Lücken. Und weil man alles so nach und nach und durcheinander erfährt, fällt es zunächst gar nicht auf, wie sehr die ganze Misere ausschließlich von der Pädophilie des Ahnherrn aus den Sechzigern ins Rollen gebracht wird, der nicht nur seine eigene Familie verlassen muss, sondern auch gleich in Australien bei der zukünftigen Frau seines Sohnes die Grundlagen zum späteren Trauma legt, indem er ihren Bruder entführt, und der sogar posthum an einem tödlichen Autounfall schuld sein soll, weil der Gedanke an ihn den Fahrer im entscheidenden Moment ablenkt. Also bitte: Diese eindimensionale Fluch-Story ist für ein Stück, das sich erstmal als Multiplotgeschichte tarnt, beim zweiten Hinsehen doch etwas erbärmlich.

Trotzdem: Das Panoptikum der Charaktere bietet reizvolle Möglichkeiten – und die nutzt der rumänische Regisseur Radu Afrim in seiner ersten Münchner Inszenierung wahrlich aus. Da entsteht eine Überfülle von Bildern und Aktionen, tanzend an der Grenze zwischen Realismus und Absurdität. Wie eindringlich, wenn ein krisengeprüftes Ehepaar auf rollenden Kühlschränken durch den Nebel skatet; wie amüsant, wenn eine junge Intellektuelle ihren Monolog über den Aufklärer Diderot als Showtanz präsentiert; wie verstörend, wenn sie das vorher saubere Hemd ihres Ehemanns blutverschmiert aus der Waschmaschine holt; und wie ergreifend dann wieder ein minimalistisch gestaltetes Telefongespräch zwischen zwei reglos an ihren Plätzen verharrenden Hinterbliebenen. Immer wieder beweist Afrim Phantasie für überraschende Coups mit pointiert eingesetzten Requisiten. Wie Bovells Stück die Zeiten durch wiederkehrende Motive verknüpft, so durchzieht der Regisseur diese Familiengeschichte mit einem Netz bildlicher Verweise, gleichsam inszenatorischem Erbgut. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ermöglicht spannende Simultanmomente und Verdopplungen derselben Figur in unterschiedlichen Lebensstadien.

Leider misslingt manchmal die Abstimmung dieser Bilderflut mit dem Text, und man bemerkt, dass die szenische Komponente der textlichen aufgezwungen ist. Aktionen, die nach sprachlichen Kommentaren dürsten, finden in künstlichen Sprechpausen statt oder werden – die intelligentere Variante – von undefiniertem, leisem Gemurmel überbrückt. So ein Auseinanderfallen von Sprache und Aktion ist anstrengend und in einer Zeit, da man sich doch eine gewisse Freiheit im Umgang mit dem Text erlauben sollte, nicht notwendig. Der Reichtum der Inszenierung rutscht dann ab in Überfrachtung – weniger wäre mehr. Was man vom Bühnenraum nicht sagen kann: Die dezent-schmutzige, unendlich kühle Halle von Helmut Stürmer ist eine atmosphärische Meisterleistung.

Schauspielerisch hat Lukas Turtur als pädophiler Ahnherr mit Abstand am wenigsten Profil – und das ist vielleicht ungewollt passend, denn da er als Figur so uninteressant bleibt, hat man keine Lust, an dieser frühesten Stelle der Schicksalsreihe noch weiter in die Vergangenheit hinein nach Ursachen zu bohren. Am besten gefallen in diesem dankbaren Ensemblestück Andrea Wenzl und Barbara Melzl als junge und alte Variante seiner Frau. Ist es ein glücklicher Besetzungscoup, oder imitiert Andrea Wenzl wirklich stellenweise in ihrer gänzlich anderen Stimmfarbe den unverkennbaren Melzl-Sound? Ein großartiges Duo zweier Vollblutschauspielerinnen, das zeigt, wie sehr sich ein Mensch über die Jahre verändert – oder eben nicht.

Ein Stück, das bewegt; Schauspieler, die sich körperlich ins Zeug legen – und ein virtuoser Regisseur, der Lust auf mehr macht. Keine Frage: Der Besuch im Cuvilliéstheater lohnt sich!

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