Gute Zeiten Schlechte Zeiten beim Kindertheater-Festival „Panoptikum“

Das Festival für Kindertheater aus Bayern und Europa macht seinem Namen alle Ehre. Zum 7. Mal gab es vom 07.-12.02.2012 in Nürnberg eine Schau, die den Spagat zwischen internationalem und regionalem Schwerpunkt versucht. Was diesem Festival definitiv gelingt, ist das Aufzeigen der vielfältigsten Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Tänzer, Mülltüten, Musiker, Geschichtenerzähler, Installationen, Puppen und Hip Hopper stehen als unvergleichbare Formen wie selbstverständlich nebeneinander.

Da ist zum Beispiel das Ensemble Teatrodistinto aus Italien: Auf einem weißen Quadrat quer geteilt von einer halbhohen Trennwand kauern zwei Menschen und können sich nicht sehen. Mit vorsichtigen und genauen Bewegungen erkunden sie immer weiter die jeweils fremde Welt des anderen. Jeder Schritt, jeder Blick wird genau verfolgt; eine Spannung, die sich auch auf die Zuschauer überträgt. Die Erkundung der Fremden für Kinder ab 3. Nicht nur die Reduktion und Klarheit der Form ist ein seltenes Erlebnis auch die Stille, in der der Beginn des Stückes steht sind einzigartig.

In jeder Hinsicht gegensätzlich ist die Produktion des Nürnberger Theaters „Salz und Pfeffer“. Hier sollte angeblich die Geschichte des Kinderbuches „stick man“ nacherzählt werden. Dieser Stockmann wird in der Geschichte von Axel Scheffler und Julia Donaldson tagein tagaus mit einem gewöhnlichen Stock verwechselt. Der eigentliche „Zweckentfremdungs-Schlamassel“ findet aber nicht in der dramatischen Vorlage, sondern in der Bearbeitung von Christian Auer und seiner Kompanie statt. Jedes Bild der Kinderbuches wird identisch nachgestellt mit einer unglaublichen Anzahl an Pappen, Stoffen, und Prospekten; der Erfindungsreichtum von Uschi Faltenbacher und Paul Schmidt kennt keine Grenzen. Leider. Denn die permanenten Umbauten lassen die Puppenanimation und die Handlung fast untergehen. Reich ist das Stück außerdem an kultureller Bildung: Der Text wird uns im englischen Original vorgetragen, Kinder bekommen Buttons geschenkt und drei Musiker untermalen mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ die Leidensreise. Eigentlich ist hier auch das Theater zweckentfremdet: Anstatt eines Ortes, an dem Geschichten gezeigt werden, die wir brauchen, sehen wir in dieser Inszenierung nur einen Überforderung des Theaters als Bildungsinstanz. Es würde mich nicht wundern, wenn einige Schüler ihre Überforderung in der Schule (etwa im Englischunterricht) direkt wiedererlebt haben.

Dabei ist es doch gerade für Kindertheater ungeheuer wichtig, phantasievoll zu erzählen und Freidenkräume anzubieten, die es in der Schule so nicht gibt und teilweise auch nicht geben kann. Gute Beispiele des Objekttheaters, wie etwa des Ymedioteatro aus Spanien oder von Tristan Vogt zeigen diese unerschöpflichen Brunnen des Findens, Weiterdenkens und Überraschens. Eine Mülltüte wird zum Rockstar, ein runder Kieselstein zum Zirkusartisten. Das Potential ihrer Geschichten ist immens und das natürlich nicht nur für die Kleinen. Gutes Kindertheater macht – wie jedes gutes Theater – alle staunen.

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