Gebremste Absurdität – „8 Frauen“ auf der Studiobühne // Stefan Herfurth

Er hat es in sich, dieser Anti-Krimi von Robert Thomas. Acht Frauen, denen der gemeinsame männliche Mittelpunkt plötzlich durch Mord entrissen wird. Acht Elektronen, die ohne Atomkern übereinanderpurzeln, sich gegenseitig abstoßen – und anziehen, wo man es am Wenigsten vermutet. Die ohne männlichen Gegenpart ihre Weiblichkeit neu entdecken. Die Leichtigkeit, mit der sie nach Auffindung der Leiche ihren Schock überwinden, um sich sofort in gegenseitige Anschuldigungen und Enthüllungen zu stürzen, irritiert. Offenbar dient der Mord nur als dramaturgischer Vorwand, um den Damm der Geheimnisse einbrechen zu lassen, die sich angehäuft haben. Und das ist eben der vertrackte Punkt an diesem Boulevardstück: Einerseits stößt die psychologische Glaubhaftigkeit schnell an Grenzen. Andererseits würde man mit purem Klamauk einiges verschenken – dafür ist das zutage tretende Lügengewebe viel zu ernst.

In seiner ersten Regiearbeit kämpft Stefan Herfurth, der selbst die ganze Zeit auf der Bühne ist und das Stück deshalb nur mit den Ohren genießen kann, genau mit diesem Widerspruch. Der Anfang ist viel zu trocken, zu gewollt seriös, was bei einer so abstrusen Grundsituation gar nicht gelingen kann. Hinzu kommt, dass ein großes Ensemble erstmal beschäftigt und zur Lebendigkeit gebracht werden will. Die Fraktion der steif Herumsitzenden bildet in den ersten Szenen leider oft die Mehrheit, sodass das Ganze schwer in Schwung kommt. Hat man die quälende erste Hälfte aber überstanden, dann schleichen sich immer mehr absurde Momente ein, wächst der Mut zur Überzeichnung, häufen sich klug eingesetzte Spielchen aus der Trickkiste der Komödienregie, die den Realismus frech verlassen. Und plötzlich hagelt es ein paar richtig gute Lacher. Man bemerkt, dass der Regisseur mit seinem (übrigens nicht rein weiblichen) Ensemble ein Gespür dafür entwickelt hat, mit Stimmungsbrüchen zu spielen, die Figuren in ihrer emotionalen Unzurechnungsfähigkeit ernst zu nehmen. Babette Büchele als anzügliche Pierette und Sarah Clemens als zickige Augustine lehnen sich da am Weitesten aus dem Fenster und bringen demgemäß auch die frischeste Luft ins Stück. Der Verdacht drängt sich auf, dass chronologisch geprobt wurde und die Lust zum sinnvollen Schwachsinn erst während der Arbeit entstand. Schade – da hätte man den Anfang nochmal tüchtig durchfrisieren sollen. Denn dort, wo die Fremdartigkeit der acht Frauen schauspielerisch am Deftigsten ausgeschlachtet wird, begreift man am Besten, was sie antreibt. Klingt paradox, ist aber so.

Trotzdem: ein solides Regiedebüt. Und wenn junge Leute mit Liebe und Ernsthaftigkeit gute Komödie machen wollen, dann ist das auf jeden Fall erfreulich.

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