Shinsai – Shattering Gods

Regie: Otone Sato

Manche Katastrophen kündigen sich langsam an, andere brechen plötzlich über uns herein. Wie ein Erdbeben. Doch was bleibt zurück, wenn alle Wurzeln herausgerissen wurden? Wir Menschen sträuben uns naturgemäß gegen Veränderungen, wenn sie plötzlich kommen und wir keine Chance haben, uns gegen sie zu wehren. Uns bleibt dann nur, neue Ordnung ins Chaos zu bringen, denn das ist uns als Lebewesen angeboren: Überleben als unser ureigenster Instinkt. Also ist ein Erdbeben, wenn wir es denn überstehen, auch immer ein Anfang.

Wenn man die Katastrophe von Fukushima inszenieren möchte, was eine große Aufgabe ist, liegt es deshalb nahe, mit einem Erbeben zu beginnen. „Shinsai – Shattering Gods“ beginnt im dunklen I-Camp mit einer Leinwand, auf der Schmetterlinge herumschwirren, über der Leinwand fliegen an der Decke weiße Vögel aus Papier. In dieser fast perfekten Szenerie gibt sich selbstvergessen eine japanische Tänzerin der einsetzenden Melodie hin. Als die Musik anschwillt und auf der Leinwand die bunten Schmetterlinge von einem Wirbel in namenloses Grau hinab gezogen werden, werden auch die Bewegungen der tänzerin wilder, ihr Körper wird ganz erfasst von den Erschütterungen um sie herum, bis sie zusammenbricht.

Der Zuschauer befindet sich nun mitten in einer der moderen japanischen Megastädte. Eine Ubanhn fährt ein. Und auch wenn sich auf der Bühne nur zwei Schauspieler – ein Mann und eine Frau, beides Japaner – befinden, kann man beim Zusehen vor dem inneren Auge die Menschenmassen ein- und aussteigen sehen. Der alltägliche Wahnsinn geht weiter, während sich die Katastrophe anbahnt. Was die beiden Schauspieler jetzt zeigen, ist ein Ausschnitt anonymer Normalität: Grauer Büranzug reiht sich an graues Kostüm, Aktentasche an Aktentasche, am Ohr jederzeit das Handy. Menschen, die anderen näher kommen, als es der Anstand selbst in dieser Situation erlaubt sind natürlicher Teil dieser Kulisse. Für Europäer erscheinen sie dennoch grotek bis charmant und haben deshalb die Lacher auf ihrer Seite, weil sie jedes Klischee bedienen. Auch die folgenden Szenen sind Alltagssituationen: Ein Pärchen im Einkaufszentrum, beim Karaokesingen und – anders kann es nicht sein – im Fotoautomat. Die beiden Darsteller setzen ihren ganzen Körper ein, alles was ihnen an Mimik und Gestik zur Verfügung steht, um die Erlebniswelt junger Japaner zu skizzieren und diese Inszenierung auf die Spitze zu treiben. Was anders ist als zuvor, ist die Stimme aus dem Off, die dazu aufruft, Ruhe zu bewahren, sich in die Mitte des Ganges zu begeben und Abstand zu den Fenstern zu halten. Wir befinden uns mitten in der Katastrophe und dieses Gebäude wird nicht einstürzen! Während draußen die Welt in ihren Grundfesten erschüttert wird, bleibt der Mikrokosmos der Darsteller davon unberührt. Doch das Unvermeidbare lässt sich nicht verhindern, bis dem Pärchen nur die Flucht hinter die Leinwand bleibt.

Das Erdbeben ist vorbei, was jetzt? Die Schauspieler reißen die Leinwand ein und es bleibt nichts mehr von der Anonymität der Großstadt. Das Pärchen, das nach der Flucht ins Private als letztem verbliebenen Rückzugsort in seinem Papierkasten wie in einem Puppenhaus sitzt, hält dem Publikum überdeutlich vor Augen, dass es jetzt nach dem atomaren Supergau um Individuen geht. Und die haben, während sie den Zusammenbruch der Welt draußen mit Jenga-Steinen nachspielen, als Überlebende Fragen an das Leben: Wenn du siehst, wie ich leide, würdest du mich erlösen? Könntest du töten? Was ist jetzt wichtig, was bleibt in Erinnerung? Die Schauspielerin kramt alte Schulhefte mit Gedichten gegen das Vergessen hervor, ihr Partner verstummt. Eine Entscheidung muss getroffen werden, denn beide sind immer noch da. So wählen die Darsteller den einzig möglichen Ausweg, eben weil er ihnen aufgrund des den Menschen angeborenen Reflexes natürlich erscheint: Überleben. Sie sitzen in ihrem Papierhaus, essen, telefonieren, reden. Und langsamt keimt die Hoffnung auf, dass sie mit dem Wortspiel, dass sie nun beginnen, auch ihren Alltag wieder aufnehmen und das Ende  gleichzeitg wieder der Anfang ist. Nur anders.

Ein sensibles Thema erfordert eine sensible Inszenierung und Otone Sato versteht es, die richtigen Töne zu treffen und die Brücke vom großen und lauten ersten Teil des Stückes zum kleinen privaten Rahmen und den leiseren Tönen im zweiten Teil ist sehr gut gelungen. Beide Darsteller schaffen es, ihre Energie in der Interaktion miteinander immer dem Rhythmus der Inszenierung anzupassen und dabei trotzdem in der Intensität ihres Spiels nicht nachzulassen. Dank der vielen starken Bilder, die Otone Sato für die unterschiedlichen Situationen findet, spielt es auch keine Rolle, wenn stellenweise die (Aus-)Sprache der Darsteller unter deren Spielfreude leidet. Denn gerade durch diese wird der Inhalt jeder Szene konsequent zum Publikum transportiert und findet dort treffsicher sein Ziel.

Schade, dass „Shinsai“ nicht mehr gespielt wird, denn eine Wiederaufnahme würde sich auf jeden Fall lohnen. Einfach weil man sich diese Bilder noch einmal anschauen möchte, um wieder etwas Neues zu entdecken.

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