Das Ichende in mir // „Der Weg zum Glück“ bei werkmünchen (Halle 7)

„Dann gehe ich jetzt los“, sagt der Mann auf der weißen Styroporinsel, und er bewegt langsam, wie gegen starken Widerstand, seinen rechten Fuß. Jetzt steht er wieder da wie vorher – nochmal von Anfang. Oder war da noch gar nichts? War diese kleine Bewegung nur die Selbsttäuschung eines Beobachters, der glaubt, es müsse doch endlich jemand oder etwas losgehen? Um jede zuckende Bewegung, um jedes urlautartig herausgestoßene Wort will gerungen sein am Anfang dieser Vorstellung, einem Anfang, der vor allem um eines kreist: um das Anfangen, oder besser: das Nichtanfangen. Obwohl die Zeit verfliegt, obwohl ein Geburtstagsständchen das andere jagt, kommt er keinen Schritt voran, der ein wenig depressive, ein wenig von Phobien geplagte, ein wenig sozial inkompetente, ein wenig unglücklich verliebte und vor allem sehr selbstmitleidige junge Mann. Ein gelähmter Körper unter Höchstspannung, der Stimme, Bewegung, Mitteilung, alles, was man im Theater für selbstverständlich hält, sich selbst und dem Publikum erst wieder erobern und bewusst machen muss. Gegen diese minimalistische Strenge wirken später ein paar emotionale Ausbrüche eher platt. Stimmt die einfache Regel, dass weniger mehr ist?

Nochmal von Anfang. „Der Weg zum Glück“ heißt dieser Monolog, ein schrecklich banaler Titel, und so zeichnet Ingrid Lausund, Autorin mit Expertise für humorvoll erzählte Alltagsneurosen, eine pseudotragische Figur, bei der man nie so ganz sicher sein kann, ob nicht die Eitelkeit ihr größtes Problem darstellt. Dass der grübelnde junge Mann den Vorwurf, das Ganze sei doch nur ein selbstmitleidiges durchschnittliches Befindlichkeitslamento, selbst formuliert, ändert nichts daran, dass dieser Verdacht berechtigt ist. Aber selbst wenn: Auch darin erkennt man sich ja wieder, in diesem Gefühl, nicht verstanden zu werden (weil man gar nicht verstanden werden will) und benachteiligt zu sein (weil sich das immer noch besser anfühlt als jede Verpflichtung zur Dankbarkeit). Eine gewisse Eitelkeit ist doch überhaupt die Voraussetzung dafür, dass jemand sich auf der Bühne mitteilt – deshalb auch die Anspielungen auf die Bühnensituation, auf die Beleuchtung, auf die Einsamkeit eines Schauspielers, der nach dem richtigen Stichwort sucht. Oder ist diese Selbstthematisierung schon wieder die nächste Eitelkeit des Theaterbetriebs?

Nochmal von Anfang. Ein Mann steht in der Mitte einer weißen Insel aus Styropor-Verpackungschips (einem ebenso dankbaren wie modischen Ausstattungsmaterial), die die Bühnenbildnerin Selma Agirgöl in der BlackBox der Halle 7 aufgeschüttet hat. Der Mann heißt Fabian Feder, und er ist es, der diese Vorstellung zu einem Erlebnis macht. Gute Dienste bei der Verführung seines Publikums leistet vor allem seine ruhige, tiefe Stimme, die es ihm erlaubt, auch beim Stammeln und kraftlosen Sprechen sonor und verständlich zu bleiben. Manchmal, wenn der Text besonders introvertiert oder aber besonders schnell wird, überschreitet seine Artikulation dann doch die Grenze zur Unverständlichkeit – aber daraufhin hängt man umso neugieriger an seinen Lippen. Wenn er mit sich selbst, oder mit seinem Ich, oder mit dem Ichenden in sich schizophrene Dialoge führt, findet er virtuos das richtige Maß an Variation, um die miteinander streitenden Stimmen voneinander abzugrenzen, ohne dass es clownesk wird. Die clowneske Note des Selbstgesprächs spart er sich für später auf – und da kann sich das Publikum kaum halten vor Lachen. Aber das Lachen überlässt Fabian Feder grundsätzlich den anderen: er selbst behandelt seine verstörte Figur mit heiligem Ernst. Überhaupt ist er ein Meister darin, sich zu bremsen, zu stocken, das Ausrasten zuzulassen und gleich wieder zu ersticken. Im Gestauten, Verspannten, Zuckenden liegt seine Qualität. Und wenn er nach leider mitunter unglaubwürdigen Wutausbrüchen blitzschnell wieder in eine angespannte Haltung zurückfindet, zeigt er, dass Kontrolle die höchste Tugend des Schauspielers ist.

Wo sich die Anfänge häufen, häufen sich auch die Schlüsse. Regisseur Alex Novak verlässt sich neben seinem souveränen Schauspieler auf die Wirkung von Zäsuren. Verschiedene Versionen des gleichen Songs, ein wiederkehrender Glockenschlag und eine wirklich witzige Lichtregie sind vielleicht in der Summe zuviel des Guten, um den Monolog zu gliedern, haben aber jedenfalls Überraschungspotential. Als dann der Schluss ganz unerwartet eintritt (womit man allerdings bei so einer endlosen, ziellosen Selbstbespiegelung wiederum rechnen musste), wünscht man, es ginge weiter, weil das Zuschauen so unglaublichen Spaß macht. Oder es finge nochmal von vorn an. Aber das tut es ja auch: Bei einer der nächsten Vorstellungen, zu denen ich nur herzlich einladen kann.

Ein Wort zum Schluss. Warum man nach Ablauf der Vorstellung, während die Premierengäste sich in Bar und Außenbereich tummeln, eine Filmversion des ganzen Monologs an die Rückwand projizieren muss (wobei das Bühnenbild auch noch die Sicht verdeckt), verstehe ich gar nicht. Die Aura dieses konzentrierten Theaterabends lässt sich damit nicht überbieten. Zum Glück.

Weitere Termine am 24.5., 2.6., 14.6., 19.6. und 29.6.

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