Weniger ist ganz schön viel // „Die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ im Haus der kleinen Künste

Nirgends finde ich Theater schöner als im kleinsten Rahmen, in „Kuschelatmosphäre“ sozusagen. Ach ja, ein Keller macht sich da auch nicht schlecht und Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ scheint wie für das Haus der Kleinen Künste geschrieben.

Hier hat sich der kleine Beamte Poprischtschin, gespielt von Maximilian Pfnür eingenistet: Ein Bett, eine Couch, ein Tisch und eine Lampe, mehr gibt es nicht, in dieser Welt des spanischen Bürgerkrieges, voll von Regeln, Hierarchien und rigoroser Bürokratie. Zu hören bekommt das Publikum den Monolog von einem, für den das Gesellschaftssytem, seine Behörde und vor allem die unerfüllte Liebe zur Tochter seines Direktors zum Gefängnis werden. Es ist eine Gedankenspirale, die immer mehr an Eigendynamik gewinnt, durch Ereignisse, auf die Poprischtschin keinen Einfluss hat. Das Gespräch zwischen zwei Hunden, das er belauscht hat, scheint hier nicht die Einbildung eines Wahnsinnigen, sondern ein natürliches Ereignis. Am Ende steht die Erhebung zum König von Spanien und auch diese Krönung ist ein fast logischer Akt. Dieser scheitert jedoch, wie Poprischtschin selbst, an der Realität.

Den Wahnsinnigen zu spielen erfordert Feingefühl, alleine ein ganzes Leben vor seinem Publikum aufzubauen, erfordert große Kraft. Maximilian Pfnür findet genau die richtige Mischung und es gibt nur ganz wenige Momente, in denen ich nicht im Stück bin, weil ich das Gefühl habe, das er in jedem Augenblick direkt zu mir spricht, Poprischtschins Wahngedanken werden zu einem ganz normalen Dialog. Maximilian Pfnür präsentiert diese Gedanken nicht etwa mit übertriebenen Pathos oder überdreht, sondern herrlich unaufgeregt und das ist sympathisch, auch wenn die Töne, die er anschlägt stellenweise etwas zu leise werden. Es entsteht ein gutes Gespräch zwischen ihm, mir und den anderen Zuschauern, kein Stück. Ich glaube, wenn ich wieder mal Theater gucke, dann gehe ich dazu in den Keller und kann das auch nur jedem anderen empfehlen.

Es gibt noch eine Vorstellung am Freitag, 8.6. um 20.00 Uhr – unbedingt hingehen!!

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