Die Freiheit der Gedanken // Reklamation im Rationaltheater (Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner)

Es ist ein Gedankenspiel, das in dieser Art viele Stücke durchkauen: Was passiert, wenn keine Regeln mehr gelten? Dann ist alles anders. Mann, Frau, diese Bezeichnungen, die bisher zur Kategorisierung dienten, sind außer Kraft gesetzt. Dementsprechend natürlich ist es auch, dass bei der Performance „Reklamation“ von Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner die weiblichen Darstellerinnen Männer sind und die männlichen Darsteller Frauen. Und mit natürlich meine ich auch natürlich, denn niemand, von denen, die auf der Bühne stehen, wirkt dabei gekünstelt oder gar verkleidet.

Doch von vorne: Wir befinden uns in einer Bar, einer Art Nachtlokal, das sich perfekt in die Rationaltheater-Atmosphäre einfügt. Die Besucher dieser Bar schauen zunächst durch ein Fenster (ein Film der auf einer Leinwand abläuft) nach draußen: Menschen die auf dem Gehsteig entlang laufen, Regen, vorbeirauschende Autos – belangloses, graues Einerlei. Die Barbesucher und mit ihnen wir, die Zuschauer, befinden uns in unserem eigenen kleinen Kosmos, eben jener leicht verruchten Bar. Ein Schild an der Theke kündigt die „Domestic Revolution“ an und gibt einen Vorgeschmack auf das, was folgt. Diejenigen, die an der Theke herumlungern, haben am Leben draußen nicht teil, drehen sich nur noch um sich selbst und da dabei irgendwann Langeweile aufkommt, müssen sie zwangsläufig miteinander interagieren, sich ihre Geschichte erzählen. Da ist von einer Vergewaltigung die Rede, die beinahe geschehen ist, vom Glücksspiel, alle Gedanken, die man in einer normalen Umgebung für sich behält, dürfen hier frei ausgesprochen werden. Mehr noch: Die Zuschauer werden sogar ausdrücklich dazu aufgefordert zu denken und zu tun, was sie möchten. Das darf man in der kleinen Bar in einem vagen Irgendwo. Der Hund eines Zuschauers nimmt diese Aufforderung tatsächlich wörtlich und läuft erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelnd auf die Bühne. Und nun wird offensichtlich, dass die Darsteller das Versprechen, das nun alles erlaubt ist, ernst nehmen. Sofort ist der Mischling Teil ihres Spiels.

Ja, das fiktive „Was wäre wenn…“ haben schon viele Stücke durchgekaut. Aber im Fall von „Reklamation“ finde ich dieses Gedankenexperiment spannend (wenn auch vielleicht spieltechnisch nicht ganz perfekt) umgesetzt, eben weil ich nicht immer folgen kann, wenn sich das, was in verschiedenen Köpfen vorgeht, vermischt. Und folgen muss ich dem ja auch gar nicht, denn sind Gedanken nicht dazu da, um einfach vorüberzuziehen? Am Ende meine ich dann doch, etwas vom Konzept von Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner durchschaut zu haben: Wir, die wir das Draußen nur durch das Fenster betrachten und das Leben auf der Straße beim Vorüberziehen beobachten sind gar nicht gefangen. Denn das Draußen spielt sich Drinnen in unseren Köpfen ab – da, wo die Gedanken frei sind. Ein Trip, den ich ganz sicher nicht reklamiere.

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