König Roland // Body in motion – Roland Walter im Haus der kleinen Künste

Ich bin ja bekennender Fan vom Haus der kleinen Künste, denn hier sehe ich immer wieder: Theater, das berührt, das wirklich bei mir ankommt, ist nicht zu Hause auf großen Bühnen – Theater ist im Keller! Und der gestrige Abend hat mir wieder einmal Recht gegeben.

Lange habe ich nach einem passenden Titel für meinen Artikel über Roland Walters Performance im Haus der kleinen Künste gesucht. Am Ende bin ich zu einem Schluss gekommen, der eigentlich offensichtlich war, ja vielleicht sogar der einzig mögliche Titel, mit dem sich das zusammenfassen lässt, was ich gestern im Keller gesehen habe: König Roland. Der Abend beginnt mit einer Lesung aus Rolands Buch – ja, Roland hat ein Buch geschrieben. Über sein Leben, seine spastische Lähmung und die Erfahrungen, die er mit seinem Körper, seinen Mitmenschen und unserem Sozialsystemgemacht hat. Der Titel des Buches ist übrigens der gleiche wie der meines Artikels: König Roland – Im Rollstuhl durch das Universum. Roland wird zuerst von seiner Assistentin Andrea auf eine Couch gehievt, von wo er seine Zuschauer mit kindlicher Freude anstrahlt. Bereits in diesem Moment sind meine Berührungsängste, die ich zugegebenermaßen zu Beginn hatte, verflogen und ich kann nicht anders, als zurückzulächeln. Dann begrüßt Roland sein Publikum in seiner ganz eigenen Sprache, die anfangs für mich nur schwer zu verstehen ist. Andrea muss übersetzen. Sie beginnt, Rolands Lebensgeschichte zu erzählen anhand vonKapiteln aus seinem Buch. Angefangen mit seiner Geburt, bei der es durch Sauerstoffmangel zu Rolands spastischer Lähmung gekommen ist, bis zu seiner Tätigkeit als Organisator von Behindertenfreizeiten, die er sich anfangs nicht zugetraut hat. Manche Dinge, in die Roland uns Einblick gibt, berühren mich tief, beispielsweise die Geschichte, wie er von Jugendlichen überfallen und geschlagen wurde, oder wie man ihm nach einem Unfall im Krankenhaus Medikamente und das Essen verweigerte. Bei anderen, den lustigen Erlebnissen mit seinen Assistenten, lache ich mit ihm mit, als Andrea das entsprechende Kapitel zum Besten gibt. Roland muss zwar vorlesen lassen, aber die Regie hierbei führt immer noch er selbst – nur damit das geklärt wäre. Und gegen Ende der Lesung beginne ich das Prinzip König, das Roland verkörpert, zu verstehen.

Der zweite Teil des Abends besteht aus drei Performances. In der ersten stellt Roland seine Geburt da. Er rollt sich in seinem Rollstuhl zusammen – an sich schon eine Bewegung, die den meisten anderen Menschen unmmöglich wäre, und als die Musik einsetzt, beginnt er zu tanzen. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der mit solch einem Bewusstsein und so einer Körperbeherrschung Musik mit jedem Teil seines Körpers fühlen kann. Roland ist tief konzentriert, gibt auch mit seinem Gesicht alles von sich preis. Zu Anfang der Performance hat er uns erzählt, dass er seinen Körper als ein ihm von Gott gegebenes Geschenk sehe und nun gibt er diese Gabe an uns weiter und ich fühle mich ebenfalls reich beschenkt. Auch die zweite Performance ist zu Musik und trägt den Namen „Changes“. Dieses Mal drückt Roland mit seinem Tanz die Möglichkeiten und die Grenzen aus, die ihm durch seinen Körper gegeben sind und auf welche Art und Weise man sich dadurch entwickeln kann. In der dritten Performance, die nicht von Musik begleitet wird, liegt Roland bis auf die Unterhose nackt auf dem Boden und fesselt sich selbst mit einer Eisenkette. Ich finde es gut, dass dieser Teil an den Schuss gestellt wurde, da er uns Zuschauern und auch Roland einiges abverlangt. Er handelt von der Befreiung aus Rolands Gefängnis, das sein eigener körper ist. Als Roland am Ende seine Ketten abgestreift hat, habe ich einen freien Mann vor mir.

Doch diese dritte Performance hätte es gar nicht gebraucht, um mich davon zu überzeugen, dass Roland gar kein Gefangener ist. Sowohl in seinen Bewegungen als auch in seinem Denken und Handeln ist er für mich freier und selbstbestimmter, als es die meisten Menschen ohne Behinderung je sein werden. Ja, das Prinzip König hat sich für mich an diesem Abend auf jeden Fall bewahrheitet und ich gehe nach Hause mit Dankbarkeit dafür, dass Roland es für einen Abend mit mir geteilt hat. Lange Feiern war gestern übrigens für Roland nicht mehr drin, denn schon heute ist die nächste Vorstellung in Salzburg.

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