Lost Love Lost – Shakespeare im Ramba Zamba Theater

oder: Lasst mich den Löwen auch noch spielen

Regie: Gisela Höhne Dramaturgie: Hans Nadolny

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„Ich will keine Geschichten. Keine Liebesgeschichten. Das kann nicht gut ausgehen!“, schreit Prospero, und zwingt sich auf seinem Rollstuhl nach vorn, als sich seine Tochter Miranda verliebt und fordert ein weiteres Stück: Othello. „Und du wirst zusehen!“, herrscht er sie an, „du sollst die Qualen der Liebe kennenlernen!“. Und sie sieht zu. Wir alle sehen zu, wenn das uralte Spiel von Eifersucht und Tod ein weiteres Mal erzählt wird – in Gebärdensprache. Denn Miranda ist taubstumm – in Rolle und Realität.

Das Ramba Zamba inszeniert Lost Love Lost mit 30 Leuten und 4 (Versatz-)Stücken Shakespeares. Eingewoben sind „Hamlet“, „Othello“ und „Richard III“ in den „Sturm“, der Leitmotive und Rahmenhandlung vorgibt. Der Zauberer Prospero (Sven Normann) wird zum Regisseur und verdammt seine ehemalige Schauspielgruppe dazu Shakespeare zu spielen. Prospero will sich rächen, an dem Bruder, der ihn verriet, an der Welt die ihn verdammt und an der Liebe, die niemals gut ausgeht. Gisela Höhne, die Regisseurin des Abends lässt die Erzählebenen bald verschwimmen. Hier wird mit allem und jedem gespielt: Die Gebärdensprache, ursprünglich, dem Umstand geschuldet, dass die taubstumme Rosemarie Walter zum ersten Mal dabei ist, wird zur Choreographie für das Unaussprechliche. So spielt Miranda (Rosemarie Walter) die Königin Gertrud und wenn sie aufrichtig trauernd die Grabrede für Ophelia (Nele Winkler) in Gebärden vorträgt und das ganze Ensemble chorisch ihren Bewegungen folgt, erklären sie uns allen den Tod. Die taubstumme Tochter Miranda verliebt sich in den Schauspieler des Othello (Moritz Höhne); Prospero befielt die Mausefalle, das Stück im Hamlet nachzustellen, um Antonio/Claudio zu entlarven. Als die Schauspieler den Verrat des Antonios/Claudios (Hans-Harald Janke) erkennen, versucht Hamlet (Sebastian Urbanski) ihn zu töten, trifft aber Polonius (Joachim Neumann).

Mit den Rollen verschwimmen auch die Schicksale der Charaktere: Caliban wird dazu verdammt den Jago in „Othello“ zu spielen und verweigert den Gehorsam, Lady Ann wird von Miranda gespielt und widersetzt sich der Verführung des Mörders. „Die versteht man ja gar nicht!“, ruft ein Schauspieler, worauf die Geister die Gebärden übersetzen. Keine Übersetzung ist nötig, wenn Lady Ann mit einem Lachen wieder zu Miranda wird, das Stück zur Komödie erklärt und Richard III. (Hans-Harald Janke), der von Antonio gespielt wird, seiner Demütigung überlässt.

Die Reizüberflutung fordert jedoch auch ihre Opfer: Das fantastisch detailverliebte Bühnenbild, die bedrückende Musik, die live eingespielt und teils von den Schauspielern übernommen wird und die Menge an Stoff lenken von der durchdachten Struktur des Abends ab und verführen dazu, sich nur den Bildern und Welten hinzugeben, die hier aufgespannt werden. Wenn allerdings so großartige Bilder dabei entstehen ist das kein großes Unglück.

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