Shakespeare traditionell – Yvonne Broschs King Lear in Weilheim

Stadttheater Weilheim i. OB.

Die Königsdramen Shakespeares gelten gemeinhin als zeitlose Klassiker, weshalb sie häufig in unsere moderne Zeit verlegt werden. Das kann tolle Ergebnisse ergeben, doch viele Regisseur haben mit Hamlet, Lear und Co leider auch schon großen Blödsinn gemacht.

Alle Traditionalisten kommen derzeit zweifellos bei Yvonne Broschs Inszenierung im Rahmen der Weilheimer Festspiele 2012 voll auf ihre Kosten. Anstatt den Stoff mit Gewalt in einen modernen Kontext zu zwingen, greift Brosch auf historische Gewänder zurück und belässt die Handlung im Mittelalter. Statt postmodernen Mitteln wird großer Wert auf die Psyche der Figuren gelegt und auf die Verhältnisse zwischen ihnen. Alle Protagonisten bleiben fast durchgehend auf der Bühne und stellen im Hintergrund stumm Konfrontation und Ablehnung dar.

Auch das Bühnenbild von Andreas Arneth will nicht von den Charakteren und der Handlung ablenken, es besteht schlicht aus zwei Rampen, einem großen Tor und einem fahrbaren Kasten, der sowohl als Bühne als auch als Gefängnis für Lears Narren und später auch für den umnachteten König selbst dient.

Die große Besetzung besteht aus einem bunt gemischten Haufen aus Münchner Schauspielern, ortsansässigen Laien und „frischen Gesichtern“, die ihre Schauspielkarriere erst begonnen haben. Die Unterschiede sind natürlich zum Teil sehr deutlich: die erfahreneren Kollegen kommen größtenteils viel besser mit der alten Sprache zurecht, ohne dass die Worte gekünstelt klingen. Doch das Zusammenspiel funktioniert prächtig.

Besonders stachen aus dem Ensemble die drei jungen Darstellerinnen von Lears Töchtern heraus: Nadine Schneider als resolute Goneril, Nathalie Seitz als ebenso abweisende Regan und Jasmin Taghanli als liebevolle Verstossene Cordelia.

Mathias Eysen gibt in der schwierigen Rolle des Königs eine durchaus solide Leistung ab, scheint jedoch erst dann zur Höchstform aufzulaufen, als seine Figur dem Wahnsinn verfällt. Diese Szenen erregen sowohl Gelächter als auch Mitleid. Der strenge Vater wird zum armen Bettler, der nur von einem Freund und seinem weisen Narren begleitet wird.

Die herausragendsten Schauspieler sind aber zweifellos Heiko Dietz in der Rolle von Lears treuem Anhänger und Beschützer Kent, der mit Sympathie und Sakrasmus punktet, und Johannes Haag als im Laufe des Stücks erblindender Graf von Gloster, der seinem verstoßenen Sohn Edgar gegenüber ein solch schlechtes Gewissen hat, dass er schließlich verzweifelt und sich aller Hilfe widersetzt.

Klar, die Inszenierung hat aufgrund des unterschiedlichen Niveau der Darsteller seine Schwachstellen, jedoch machen die wunderschöne alte Sprache und das historische Ambiente die Weilheimer Inszenierung zu einem authentischen Erlebnis für alle Shakespeare-Fans. So etwas sieht man heutzutage viel zu selten, würde es sich aber vielleicht öfter wünschen.

Vorstellungen finden noch am 25., 26. und 28. Oktober statt, Karten gibt es unter http://www.weilheimer-festspiele.de oder der Nummer 0881/682532

Foto: gro

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Über mako89

Marina Kolmeder studierte von 2009 bis 2014 Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits in ihrer Zeit am Gymnasium Mainburg war sie viele Jahre lang am Schultheater beteiligt und so widmete sie sich auch nach dem Abitur der Welt des Theaters. Sie arbeitete bereits als Regieassistentin und -Hospitantin in verschiedenen Münchner Theatern, etwa bei der Inszenierung von Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin" am Gärtnerplatztheater oder Yael Ronens "Plonter" im theater...und so fort. Ihr Debüt als Regisseurin feierte sie 2012 mit "Tango" von Slawomir Mrozek an der Studiobühne München, 2013 folgte eine historisierende Inszenierung von William Shakespeares "Der Sturm" in München und Osterhofen. Mittlerweile spezialisiert sie sich in Forschung und Praxis auf das bairischsprachige Theater aller Genres und Epochen. Für Theater to Go ist sie seit 2011 tätig, seit 2014 als Leiterin. Zeige alle Beiträge von mako89

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