Endlich – Tod und Sterben in der Schauburg

Ein junges Produktionsteam, bei dem keiner über 30 ist, sucht in einem Theaterabend nach Sinn und Unsinn des Todes. „Endlich“ ist das Ergebnis einer intensiven Recherchephase, in der unzählige Interviews, Texte über Sterben und Tod und Erfahrungen im Hospiz gesammelt wurden. Tobias Ginsburg entwickelte daraus ein Stück, das mit drei Teilen drei verschiedene Expeditionen in das Thema wagt. Zwei vitale junge Schauspieler, Matthias Renger und Philipp Lind sind dabei die Führer.

Ihr Einstieg ist ein mehrschichtiger Diskurs über die Ungerechtigkeit des Todes und die Überwindung der Endlichkeit. Mit sprachlichem Esprit und viel Improvisation diskutieren sie über das Schicksal des „Ottonormalversterbers“, der versucht, sich mit theoretische Überlegungen, Statistiken, Schamanismus oder durch das Einfrieren des Körpers unsterblich zu machen. Darin eingeflochten ist die Jahrtausende alte sumerische Geschichte von Gilgamesch, der nach dem Tod seines Freundes Enkidu die Unsterblichkeit sucht. Gilgameschs Trauer über den verlorenen Freund, sowie seine Angst, gleich dem Freunde zu verrecken, bilden alle Phasen des Sterbens und den Umgang mit dem Tod ab. Dieser erste Teil ist intelligent verwoben, nimmt Gedankenfäden auf und schneidet sie wieder durch. Dabei ist es die größte Freude Renger und Lind bei diesem Sinnvergleich der Unendlichkeit zuzuschauen, denn sie streifen leichtfüßig durch die schwer betretbaren oder selten betretenen Gebiete. Diese sind aber leider auch unendlich und der Versuch, auf diese diskursive Weise, dem Thema Tod im Theater nahe zu kommen, wäre zum Scheitern verurteilt. Der zweite Teil ist „Trauer“ und versucht genau entgegengesetzt, nämlich durch Unmittelbarkeit, einen Zugang zu ermöglichen. Die Schauspieler weinen und erlebte Erfahrungen der Produktionsmitglieder werden auf die Bühne projiziert, womit sich der Raum in eine Gedenkstätte verwandelt, die jeden einzelnen Zuschauer eiskalt erwischt. Nur haarscharf entgeht die Szene dem Kitsch, wenn Bettina Kirmair eine Solo-Interpretation des Songs „Fix You“ von Coldplay singt. Es ist der größte Moment des Abends! Als dritter Teil folgt die „Angst“; in denen die Spieler Alltag und Ängste im Hospiz referieren und dem Pathos die Ratio des Alltags gegenüberstellen. Alle drei Teile des Abends haben ihre Berechtigung, verbleiben allerdings als Spiel, denn der ehrliche Moment der Trauer kann zu keinem Zeitpunkt auf der Bühne erzeugt werden. Dies ist auch nicht beabsichtigt, jedoch drängt sich die Frage auf, ob die Konzeption von durchweg jüngeren Theatermachern nicht auch eine Beschränkung herbeiführt. Der Abend kann als junge Produktion eines alten Themas angesehen werden und das tut in erster Linie gut.


Weitere Vorstellungen: Schauburg, Studiobühne – 3.-6.11.2012

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