Schnitzlers „Anatol“ in der Pasinger Fabrik

Im heimeligen Theater der Pasinger Fabrik „Viel Lärm um nichts“ wird Schnitzlers „Anatol“ in einer Inszenierung von Andreas Seyferth aufgeführt – Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, ist das Stück aktueller denn je.

Anatol ist das, was man in der heutigen Zeit einen „Player“ nennt. Er lässt sich von einer Frau zur anderen treiben, ist keiner treu und immer wieder auf der Suche – doch wonach eigentlich? Immer hat er den Anspruch an die Frauen, von ihnen auf das Höchstmögliche geliebt zu werden, aber ist nicht bereit, genauso viel zurückzugeben. Anatol lässt es erst gar nicht zu einer engeren Bindung kommen, seine Angst vor Anlehnung und Zurückweisung ist dafür viel zu groß. Insgeheim sehnt er sich aber nach der Liebe, wie in seinen Gesprächen mit Max, treuer Gefährte und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehend, immer wieder deutlich wird. Dieser Anatol, dargestellt von Hannes Berg, wirkt getrieben, innerlich zerrissen, nie hat der Zuschauer das Gefühl, dass er auch nur in einem Moment glücklich ist. Dauernd meint er, von den Frauen verraten zu werden, ist Pessimist, aber hat auch Angst vor der Wahrheit. Stephan Joachim hat ein Bühnenbild kreiert, das perfekt zur Stimmung der Figuren passt. Nur wenige Möbelstücke stehen dort vereinzelt, alle umhüllt von einer weißen Folie. Auch die Kostüme drücken das aus, was alle drei Hauptfiguren – Max, gespielt von Alexander Wagner, die Weibliche, Deborah Müller, die alle Damen des Stücks verkörpert, und Anatol – ausstrahlen: Leere. Neutralität. Allem ist die Farbe entzogen, auf der Bühne sieht man das abgestumpfte Dasein in seiner vollsten Pracht und hofft insgeheim, nie selbst so farblos zu werden. Die Figuren existieren eher, als zu leben und spielen alle ihre Rollen mit vorgegeben Masken, die sie – selbst, wenn sie wollten – nicht mehr ablegen können. Zu sehr sind sie ihnen schon in Fleisch und Blut übergegangen und die Menschen dahinter wirken nur noch wie Karikaturen ihrer selbst.

Zwischen den einzelnen Episoden des Einakters sorgen Urte Gudian und Ardhi Engl für Tanz- und Musikeinlagen. Stimmungsvolle Bilder werden damit vor und hinter einem durchsichtigen Vorhang erzeugt. Trotz Streichungen bleiben alle Episoden gut erhalten, nur „Weihnachtseinkäufe“ wird in Auszügen immer wieder in Verbindung mit Musik und Tanz eingestreut. Ist das Konzept dieser Inszenierung sonst sehr klar und stimmig, wäre hier interessant zu erfahren, wieso gerade diese Passage zerlegt wurde und welche Intention Andreas Seyferths dahintersteht. Berührend ist es, wenn Anatol in der „Episodenszene“ Max von seiner Begegnung mit Bibi berichtet. Hier kommt ganz klar seine tiefe Sehnsucht nach einer echten Liebe zum Vorschein, unterlegt von poetischer Musik. Doch trotzdem hat die Umsetzung auch eine Heiterkeit und etwas Leichtes, die Figuren wirken durchaus vielschichtig.

Deborah Müller und Hannes Berg glänzen in einer Inszenierung von Andreas Seyferth. Copyright Hilda Lobinger

Alle Schauspieler spielen sehr gut, herausragend ist Deborah Müller, die die ganze Gefühlspalette in den unterschiedlichen Frauenfiguren exzellent zum Ausdruck bringt. Eine schöne Rahmenhandlung bieten Anfang und Ende, wenn Anatol und Max als gealterte Männer auf der Bühne erscheinen. Hier werden Sequenzen aus „Anatols Größenwahn“ verwendet, etwa auch, wenn die Frauenfigur Berta auftritt. Wenn dann im Gespräch der beiden Männer Perlen als Metapher für Frauen thematisiert werden und Anatol fragt „Was wäre, wenn alle falsche Perlen gewesen sind und eine echte dabei war und ich habe sie nicht erkannt?“ endet der Theaterabend mit einem bitteren Nachgeschmack. Eine sehenswerte Inszenierung!

 

 

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