„Und dann der alte Moor so“ – Die Räuber sind im Gorki Theater

„Man wird mir einräumen, dass es eine widersinnige Zumutung ist, binnen drei Stunden drei außerordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Tätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget (…)“ schreibt der Herausgeber im Vorwort  der Räuber- Fassung von 1781 und eben dies erzählt uns Karl von Moor auf der Bühne des Gorki Theaters in der Inszenierung des Hausregisseurs Antú Romeró Nunes.

Zugegeben, auf ganz drei Stunden kommt diese Stückversion nicht. Trotzdem sind es immerhin zweieinhalb Stunden („Sogar die Pause hab ich euch genommen! Und warum? Weil ich ein Räuber bin! „) , in welchen die drei Darsteller Michael Klammer, Paul Schröder und Aenne Schwarz in ausgeklügelter Monolog- Manier ihre jeweilige Version der Räuber darstellen.

In schwarzem Kostüm betritt Franz als erster die Bühne, die vollkommen leer und in ihrer ganzen Tiefe gezeigt wird. Jegliche Requisiten sind unsichtbar; Brief, Buch, Stift, – alles erscheint einzig durch die präzise pantomische Darstellung der Akteure vor dem geistigen Auge des Zuschauers.
Franz erzählt aus seiner Perspektive die Geschichte der Räuber. Durch seinen Blick ist er der strahlende Held, sein Bruder Karl ein weinerlicher, verweiblichter Versager, Amalia „bildhübsch, aber scheiße“ und sein Vater, der alte Moor ein verwirrter Greis, der letzten Endes leider an Herzversagen stirbt. Paul Schröder schlüpft mühelos in jegliche Rollen, dank seines komischen Talents und seinem energischen Auftreten, sowie dem gut durchdachten Lichtkonzept benötigt die Erzählung nicht mehr als ihn, um seine Geschichte verständlich und funktionierend zu machen. In Franz‘ Augen endet das Stück in seiner Übernahme des Moorischen Reiches. Danach ist Perspektivenwechsel…

..und Amalia erzählt ihre Version. Auch sie trägt schwarz, später dunkelblau, und kommt ohne „echte“ Requisiten aus. Durch ihre Augen ist Franz ein kleinwüchsiger Pimpf mit kurzen Ärmchen und der alte Moor ein trauriger Herrscher. Aenne Schwarz hat einen schwierigen Einstieg, nach der fulminant komischen Darstellung von Peter Schröder. In ihrer Darstellung fehlt der Funke, der zum Publikum überspringt. Nichtdestotrotz bietet sie eine starke Frauenfigur auf der Bühne dar, welche, ganz gegen das von Schiller erschaffenden Weiblichkeitsbild agiert und sich auch in dem schillerschen „Männerstoff“ mit Fug und Recht behaupten kann. Durch die Idee nicht, wie in vielen Fällen Spiegelberg, sondern Amalia neben Karl und Franz als eine der „drei außerordentlichen Menschen“ mit in das Geschehen einzubeziehen, schafft Nunes eine ganz neue Rolle, die mit Hilfe von Schwarz‘ Spiel ein völlig neuer Charakter wird.
Wichtige Szenen, die bisher nur aus Franz Sicht dargestellt wurden, bekommen in ihrer Version ein ganz neues Ausmaß. So dauert eine Szene im ersten Akt bei Franz nur einige Sekunden:(„Szene 1.4: Ich liebe dich, wie mich selbst, Amalia. Rumms! (sie ohrfeigt ihn)“ während sie in Amalias Erzählung einige Minuten in Anspruch nimmt: Nachdem Franz‘ ihr seine Liebe gesteht, vergewaltigt er sie und lässt sie entblößt im Zimmer liegen. Wunderschön kunstvoll mit stimmungsvoller Musik und gleichermaßen erschreckend realistisch stellt Schwarz diesen Übergriff ganz alleine dar, der Effekt: absolut überzeugend.
Amalias Geschichte endet mit der Todesnachricht ihres Geliebten Karl. Wie auf einen Schlag gealtert greift sie nach ihrem imaginären Rollator und schleicht von der Bühne.

Was nun folgt, ist die Pause.
Denkt man zumindest und dann geht’s doch weiter.
Mit einem gewaltigen Knall betritt Karl von Moor die Bühne. Im lässigen Plauderton kombiniert Michael Klammer Schillers Text mit anderen Texten (unter anderem von Büchner und Josef Harder) und begründet dies damit, dass er ein Räuber sei und somit das Recht habe, den Zuschauern die Erwartungshaltung, die Pause und anderen Autoren aus ihren Stücken zu klauen. Raub des geistigen Eigentums quasi.
Nach dem, zum größten Teil improvisierten Prolog, spielt Klammer Karl von Moors Sichtweise auf die Dinge. Er agiert sympathisch, melancholisch und entschlossen, fast so, wie in Schillers Original. Er zeigt uns nicht nur Franz und seinen Vater aus seiner Sicht, sondern übernimmt auch die Rollen der anderen Räuber. Das macht nicht nur Spaß, zuzusehen, sondern zeigt auch, dass man nicht mehr als eine leere Bühne und einen (talentierten) Menschen auf dieser braucht, um eine (dramatische) Geschichte zu erzählen- wenn man denn für solche Dekonstruktionen offen ist.
Auch Klammer spielt in schwarz und besitzt, überraschender Weise, ein tatsächliches Requisit- eine Schusswaffe, von welcher er auch mehrmals Gebrauch macht, vor allem, um seinen Bruder Franz zu bedrohen, als er herausfindet, dass dieser ihren gemeinsamen Vater auf dem Gewissen hat.
Effektvoll wird der Schauspieler zum Räuberhauptmann und stachelt mit hitzigen Reden wider dem Publikum zu „Raub und Mord“ auf und gerade, wenn man als Zuschauer dazu bereit wäre, mit ihm auf die Bühne zu springen und sich seiner Bande anzuschließen, tun genau das ca. 26 junge Menschen aus dem Publikum, welche in zivil seit Anfang des Stückes dabei waren und sich nun als gut funktionierenden Sprecher- Chor entpuppen. Dieser Regiehandgriff funktioniert genauso hervorragend, wie der verteilt sitzende Chor als Einheit fungiert. Flüsternd und hetzend stehen sie im Dialog mit Karl, der auf der Bühne ist, ehe sie selbst aufstehen und maskiert hinter ihm marschierend Terror und Schrecken verbreiten- Aus Sicht der Bande wird dann der letzte Akt eingeläutet.

Nun befinden sich alle Akteure auf der Bühne. Trotzdem entsteht kein richtiger Dialog. Irgendwie stirbt Franz und Amalia will doch nicht mehr bei Karl sein- wie und warum genau das geschieht geht in den Effekten zum Ende der Inszenierung hin leider unter. Der Inhalt büßt eindeutig für die Stimmung ein.

Trotz einiger Längen, insbesondere in Karls Prolog und Franz‘ letztem Akt, ist Nunes‘ Räuber Inszenierung unterhaltsam und kurzweilig. Zwar dürfte man es mitunter schwer haben, dem Plot durch und durch zu folgen, wenn man keine Ahnung von Schillers Original- Räubern hat, jedoch ist dieses Stück losgelöst von dem alten Text zu betrachten. Nunes räumt der Kunst Freiheiten ein, auch, oder gerade, bei der Darstellung so eines Klassikers; diesem Kulturerbe der „Räuber“. Jung, frisch und kraftvoll lebt der alte Stoff auch modernisiert noch weiter und funktioniert problemlos. Unterhaltsames Theater muss nicht gleich schlechtes Theater bedeuten. Die Inszenierung ist gut durchdacht und lebt von den brillanten Monologen der drei Darsteller. Beschäftigt der Stoff einen noch Stunden nach dem Applaus? Eher nicht. Aber, um es in Karls/ Michael Klammers Worten zu sagen:

Die Inszenierung ist halt „eher so locker“.

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