Thai-Suppe, Nr. 6 mit Hühnerfleisch, aber bitte ohne Zahn // Schimmelpfennigs „Goldener Drache“ im Rationaltheater

Der von seiner Freundin verlassene Mann flüchtet sich in der Wohnung des Lebensmittelhändlers in den Alkohol. Anschließend fällt er zu Vergissmeinnicht von Eisbrecher über dessen chinesische Sexsklavin her und mordet sie brutal. Im Erdgeschoss verblutet währenddessen ihr Bruder in der Küche des asiatischen Schnellrestaurants „Der Goldene Drache“, nachdem ihm von den Köchen ein fauler Zahn gezogen wurde.

Der Gegenwartsdramatiker Roland Schimmelpfennig führt in seinem Erfolgsstück verschiedene Handlungsstränge in der postepischen Dramaturgie des „Narrativen Theaters“ perfekt zusammen. Die Laientheatergruppe um die Regisseurin Silvia Ober spielt sein Stück ungestrichen und sehr textnah, ohne jedoch in Bühnennaturalismus zu verfallen. Die Wechsel von dramatischen und epischen Passagen, werden gelöst, indem die unbeteiligten Schauspieler in Freeze verfallen. Dass dies nicht ermüdend wird, liegt vor allem an kontrastierenden und ironischen Wechselbeziehungen zwischen den Standbildern und den aktiv spielenden Darstellern. In der Summe gelingt der Gruppe ein engagierter und kurzweiliger Theaterabend, bei dem kleinere Textunsicherheiten und ein Hang zu schematischem Schauspielstil weniger ins Gewicht fallen. Positiv anzumerken ist ebenfalls, dass sich die europäischen Schauspieler nicht um eine pseudo-chinesische Authentizität bemühen. Die im Stück angelegte Aufteilung mehrerer Figuren auf eine Person und die damit einhergehenden Überwindung von Gendergrenzen, Sehgewohnheiten oder Altersunterschieden wird durch die im Münchner Rationaltheater gespielte Fassung durcheinandergewürfelt, indem zwei Schauspieler hinzugefügt werden. Die dabei neu entstandene Figurenaufteilung führt allerdings dazu, dass die im Stück angelegten Wechselbeziehungen zwischen den verschieden konzipierten Figuren einer Person leider ausgemerzt werden.

Die eigentliche Stärke des Abends liegt in der Leistung der Regisseurin, der es gelingt, sowohl die verschiedenen Handlungsstränge klar zu zeichnen, als auch die dazwischen liegenden Bezüge durch Requisiten, Kostüm oder Personenregie zu veranschaulichen. Ein gutes Beispiel dafür stellen die in der Inszenierung verwendeten Paletten dar: So wird der Chinese mit Zahnweh im hinzugefügten Prolog an eine Palette gefesselt auf die Bühne getragen. Später stellt ein Palettenstapel einen Ameisenbau dar, in dem die aus der bekannten Fabel entlehnte arbeitsscheue Grille von einem jungen Mann misshandelt wird. Gleichzeitig dient der Ort aber auch als Podium zur Machtdemonstration der ihr überlegenen Ameise und als Sterbeort der ermordeten Chinesin. Somit erscheint es schlussendlich dann nur als konsequent, dass ihr toter Bruder von seinen Kollegen über eine Palette von der Bühne gerollt wird. Der Zahn des toten Chinesen, der im Laufe des Stücks in der Suppe einer Stewardess gelandet ist, wird zum Schluss von dieser dem Chinesen ins Publikum nachgespuckt.

Besuchte Vorstellung: 18.11.2012, weitere Vorstellungen: 19.11.2012, 1.12.2012 jeweils 20.00

SchauspielerInnen: Dominik Röske, Matija Pasch, Ernst Rockinger, Michael Fromholzer, Daniela Zahnbrecher, Brigitte Ober, Richard Sölnder

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