Ein Fall für sich – Forever Young: Bayerisches Staatsballett // Maliphant, Limón, Massine

Forever young, immer jung, ever green – so die Konzeption des Abends. Drei Stücke aus den letzten 90 Jahren Tanzgeschichte, angefangen mit Léonide Massines Choreartium aus dem Jahre 1933 über José Limóns The Moor’s Pavane von 1949 bis zu dem 2003 u.a. für Sylvie Guillem choreografierte Broken Fall von Russell Maliphant.

Aber in umgekehrter Reihenfolge, los geht es mit Broken Fall.

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© Charles Tandy und Wilfried Hösl

Zur elektronischen Musik von Barry Adamson und einem ausgezeichneten Lichtdesign spielt der Choreograph hier mit der Idee des Fallens. Broken Fall hatte schon vergangene Spielzeit in München Premiere, in einer ähnlichen Dreier-Konstellation. Damals ging es neben dem Solo Afterlight, ebenfalls von Maliphant, etwas unter. Die tänzerische Ménage à trois zeigt bei zunächst sehr warmen Lichttönen, wie tanzende Körper voneinander abhängen und warum sie nicht voneinander lassen können. Täten sie es in diesem Stück, würde jemand fallen. In diesem Fall Stephanie Hancox, die gespannt wie eine Feder zwischen den beiden Männern hin- und herschnellt.  Musikalische Passagen, in denen man an Mission Impossible denken muss, verstärken den extrem artistischen Anspruch dieser Choreographie. Hebungen und Würfe dominieren das Stück. Man sieht die Konzentration der Tänzer, kann sie fast greifen. Abgesehen von einer kleinen misslungenen Passage erobert sich das Trio den Raum, bis die Scheinwerfer kaum mehr Schatten übrig lassen. Das kurze Solo der Tänzerin zum Schluss weist interessanterweise eine andere Bewegungssprache vor. Und wenn sie sich nach hinten lehnt, zögernd, doch nicht kippt, wieder zurück ins Gleichgewicht – fällt der Vorhang.

Eine enorme Elastizität beweist das Bayerische Staatsballett im Sprung zum nächsten Stück, The Moor’s Pavane, dieser 20-minütigen Hommage an die Othello-Thematik. Die Kostüme sind reich, farbenfroh, wallend. Und auf spannende Weise in dem Schreittanz, den das Tänzerquartett darbietet, eingesetzt. Auch hier die Thematik des Fallens, diesmal von der moralischen Seite betrachtet: zwei Männer, zwei Frauen. Darunter ein Intrigant, der letztlich die Othello-Figur, die hinreißend ausdrucksvoll von Léonard Engel getanzt wird, mittels eines vermeintlichen Beweisstücks von der Untreue seiner Frau überzeugt. Das Tüchlein flattert, das alte Lied von Neid (verkörpert im gelben Kostüm durch den vermeintlichen „Freund“ Jago) und Missgunst flammt auf. Und am Schluss steht der Tod. Die Musik dient als Leinwand, auf die eine Geschichte projiziert wird. Die Mimik erinnert stark ans Sprechtheater, die Duette an Dialoge. Hier wird bewusst und gekonnt erzählt.

Zum Schluss Choreartium, das spannende symphonische Ballett Léonide Massines, im Programmheft vorgeschlagen als „Ehrenbezeugung durch den Tanz an die Künste“. Zunächst kam mir das wenig treffend vor, aber das Stück ist ein echtes Faszinosum. Wer jemals den filmischen Kunstgriff genossen hat, eine gekonnt dargestellte Szene mit der perfekten Musik zu unterlegen, ist in diesem Ballett gut aufgehoben – die ganze Dramatik der Brahmsschen Musik, die reine Kunstfertigkeit spiegelt sich im Tanz wieder und umgekehrt. Selten habe ich eine derart musikalische Fusion der beiden Künste gesehen, sowie eine solche Lust an getanzter Musikaliät. Von einem Kritiker wurde es zu seiner Entstehungszeit als „choreographische Partitur“ beschrieben, eine sichtbar gewordene Musik. Und wirklich wirken die Tänzer wie Instrumente, es entstehen, besonders im zweiten Akt, wogende Melodiebögen. Was ist dem Tänzer die Musik? Bindet oder befreit sie ihn? Was zu Massines Zeiten als Blasphemie an der Musik galt, kann heute wirklich nur als ein Hochgenuss an der Perfektion zweier Disziplinen beschrieben werden. Besonders schön natürlich das Comeback der Stars Lucia Lacarra und Lisa-Maree Cullum, das Münchner Publikum freut sich zu Recht. Lacarra legt in gewohnt dramatischer Weise ein wunderschönes Solo im von den Damen dominierten 2. Satz hin (der ein bisschen an die Schatten-Szene der Bayadère erinnert…).

Es ist ein klassischer Koloss in neuem Design, die vier Sätze heben sich tänzerisch ebenso wie musikalisch abwechslungsreich voneinander ab. Allerdings verzeiht die Musik den Tänzern nichts, stellenweise sind nicht ganz synchrone Partien zu erkennen. Die einzelnen Sätze im Detail zu beschreiben wäre verlorene Liebesmüh, so bunt und kreativ wie sie sich präsentiert. Aber Tanz um des Tanzes willen braucht entgegen der landläufigen Meinung nicht ohne Musik auskommen – das hat dieses Stück eindrucksvoll bewiesen.

Die Achterbahnfahrt durch den Tanz des 20. Jahrhunderts – nicht nur was für Historiker.

Besuchte Vorstellung: 19.11.2012, weitere Vorstellungen: 23.11.2012, 29. 11.2012 , 18.01.2013, 26.01.2013, 29.04.2013, jeweils 19.30 Uhr

Münchner Opernfestspiele: 02.07.2013, 19.30 Uhr

Solisten und Ensemble des Bayerischen Staatsballetts
Bayerisches Staatsorchester

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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