Tage des Zorns – Kindesmissbrauch in der Theaterkapelle

Regie: Christina Emig-Könning

In der Gruft unter der Theaterkapelle hat man eine Stange angebracht, man hat Alkohol ausgeschenkt und die Leute reingelassen. Kerzen und Choräle bleiben. Ein Mann stülpt ein Kondom über sein Mikro, stößt es sich in den Mund und würgt: „Liebe“. „Je t`aime plust que tout“, antwortete nonchalant die Pole-Dancerin, eingesperrt in einer Hippie-Fantasie hinter dem Blümchenvorhang mit Federn im Haar.

Sex-Show und Musik sind die Kulisse für den Hass-Monolog eines missbrauchten Kindes:

„Wir hatten einen Körper, ein Leben. Eine Zukunft. Dann, nachdem die Männer bei uns waren, hatten wir nichts mehr. Heute sind wir niemand mehr. Nur gefickte Kinder deren gefolterte Körper älter geworden sind. Aus diesen ruinierten Körpern schreien wir. Wir sind Mädchen und Jungen. Wir sind fünf, sieben, elf und dreizehn Jahre alt. Wir sind Mädchen und Jungen in zu alten Körpern, die zu wahr sind, zu traurig, zu abstoßend, zu verletzt, zu zerbrochen, zu unansehnlich, zu hässlich, kalt und unfreundlich, um jemals geliebt zu werden. Körperscherben“. Der Protagonist (Ilja Pletner) schreit und windet sich unter dem Schmerz;zwingt sich in ein rotes Kleid und sucht mit pinker Perücke nach einer sexuellen Identität, die weniger weh tut; er gebiert Gummiföten aus einem Müllsack; er setzt sich mit Tröte und Karnevalshut vor die Tänzerin und lacht: „Dass ich so lebendig bin!“

Beginnt der Abend noch besinnlich mit sphärisch an die Wand projizierten Kinderbildern, wird der Rhythmus bald schneller, die Bilder verstörend und entwickelt schließlich einen Rausch, dem man sich widerstrebend hingibt. Getragen wird die Vorstellung von Musikstücken quer durch alle Genres. Das gelingt nicht immer und wirkt teils arg willkürlich. Manchmal jedoch führt es zu wunderbar absurden Szenen, die Ihresgleichen suchen: Wenn „das Kind, das überlebt hat masturbierend über den Föten zusammenbricht und die Pole-Dancerin (Franziska Naumann) lasziv zum Mikro greift und Xavier Naidoos Kalauer anstimmt: „Und was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusamen. Wir kennen keinerlei Waffen unsere Waffen sind unser Verstand“, dann ist das so herrlich, dass man kaum etwas dazu sagen mag und sich über das Copyright Gedanken macht.

Gegen Ende wird der Abend leider immer lauter und verliert sich im Pathos der politischen Message: Die Kritik an einer Gesellschaft, die so böse und verkommen ist, dass sie Kindesmissbrauch toleriert. „Was ist politisch korrekt? Warum töten wir diese Männer nicht?“, wird dann geschrien und der flüchtende Protagonist wird vom Security hinter geschlossenem Visier vors Publikum geschleift. Dass am Ende der entblößten Pole-Dancerin das Blut aus dem Mund läuft und der Protagonist Hakenkreuz und Mercedesstern unter die Parole „Meine Revanche ist das ich bleibe“ malt, wäre nicht nötig gewesen.

Es bleibt ein sehr beeindruckender Abend, der einen gewaltigen Sog entwickelt . Der Hauptdarsteller Ilja Pletner ist ein Glück für die Produktion. Denn letztlich überzeugt nicht das Konzept des Abends oder der Text, sondern ein Schauspieler, der uns an die Grenzen des Erträglichen mitnimmt.

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