Selbstdiagnose am offenen Herzen // „Und es gab keine Gedanken mehr“ auf der Studiobühne

„Ihr könnt euch selbst prüfen und reflektieren und analysieren – ihr werdet euch schließlich in vielerlei Hinsicht immer ein Rätsel bleiben.“ So schrieb es Hermann Hesse, so prangt es prominent auf dem Programmblatt, und so verkündet es die per Video projizierte Besserwisserin (Ella Platschka), die immer wieder das Suchen und Grübeln der beiden anderen Figuren von oben herab besieht und mit Sätzen aus der Erbauungsliteratur des Literaturnobelpreisträgers kommentiert. Tatsächlich wird da viel reflektiert und analysiert auf der Bühne, Rätsel gibt es aber kaum. Leider.

Das Regietrio Helena Grebner, Zarah Hain und Nadine Wiedemann widmet seinen nachdenklichen Abend der für Hesses Werk prägenden Befindlichkeit: dem Sinnzweifel,  der Todessehnsucht, der sozialen Hemmung und einem vorsichtigen Optimismus. Man erlebt Hesse netto: ohne Verpackung in eine Geschichte, konzentriert und skelettiert bis zur Blutleere. Mit befremdlicher Klarheit artikuliert Hauptcharakter Hermann (Lukas Kappmeier) die Ergebnisse seiner Selbstanalyse, legt sein Herz genauso offen wie das anatomische Schweineherz, das die Philosophin im Video unermüdlich traktiert, prüft, begutachtet. Deutlich, allzudeutlich machen die Regisseurinnen, worauf es ihnen ankommt. Vielleicht hätte es doch einer konkreten Biographie dieser Figur, einer Kontextualisierung ihres Befindlichkeitsextraktes bedurft. So aber sinkt Hermanns wenn auch eindringlich geschilderte Sinnkrise in ihrer Allgemeinheit zum Klischee ab, und das Ganze gerät zu einer recht didaktischen Philosophieveranstaltung, zu einer Analyse ohne erlebbaren Analysegegenstand. Womit der Kontrast zwischen der Analytikerin oben auf dem Schirm und dem dreidimensional im Leben stehenden Bodenpersonal fast verschenkt ist: Denn auch die unten scheinen wenn nicht am Ende ihrer Probleme, so doch am Ende der Selbstdiagnose längst angekommen zu sein.

Stärken hat der Abend auf der atmosphärischen Ebene. Durch klar fokussierte Bewegungen, langsames Grundtempo und eine gekonnt schummrige Beleuchtung entwickelt die Aufführung einen starken Sog. Die Schauspieler agieren einerseits erfreulich konzentriert, andererseits etwas steif. Letztlich lebt die Aufführung weniger von dramatischer Spannung als von der Rezitation der starken Texte. Ausgezeichnet funktioniert dabei das ständige Überblenden zwischen Hesse-Zitaten und heutigen Sätzen: Spürbar hat sich das Team Hesses Denken zu Eigen gemacht und mit der eigenen Erfahrungswelt verknüpft. Diese Mischung bringen Lukas Kappmeier und seine Kollegin Jana Griesmayr, sieht man von einigen Ausrutschern ins Pseudoemotionale ab, sprachlich sehr schön zum Klingen.

Jana Griesmayers Partie der Antagonistin Hermine ist es, die für Auflockerung sorgt: Mal verursacht sie Reibung, indem sie als Repräsentantin der Durchschnittsgesellschaft die Hypersensibilität des zweifelnden und verzweifelnden Hermann anprangert, mal teilt sie mit ihm das Irrewerden an zwischenmenschlichen Beziehungen. In der schönsten Szene des Abends geistern beide um die bühnenbeherrschende Spiegelwand herum, begegnen einander immer wieder wie alte Bekannte, die ihre gemeinsame Vergangenheit nicht finden können und so wieder auseinandergehen – mit dem Verdacht, vor Einsamkeit ein bekanntes Gesicht auf einen fremden Menschen projiziert zu haben. Das regt die Phantasie an, Fragmente von Geschichten sausen durch den Kopf, und auch die verspiegelte Wand wächst über ihre banale Interpretation als Aufforderung zur Selbstbetrachtung hinaus. Ist es das Hinterzimmer einer Disco, ist es ein Kneipenklo, ist es Kunst im Öffentlichen Raum? Und warum diese Dunkelheit? Welche suchenden Seelen treibt es an diesen zwielichtigen Ort? Um das freigelegte Herz wächst plötzlich wieder Fleisch. Davon hätte man sich mehr gewünscht.

Letzte Aufführung: Donnerstag, 6.12., 20:00 Uhr // Studiobühne der TWM, Ludwigstraße 25

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