Das Leben als Eintagsfliege – Burn Baby Burn – Teamtheater Tankstelle // Vincent Kraupner

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Zwei Menschen treffen aufeinander, die nichts gemeinsam haben. Sie sind nur durch Zufall am gleichen Ort, einer verlassenen und verfallenen Tankstelle, wo die Aussteigerin Hirip lebt und träumt. Eher ausgestiegen worden, ausgerissen worden. Verlassen von der Mutter, verlassen von allen, kaum Kontakt zur Außenwelt, selten verirren sich Leute zur Tankstelle, meist auf der Suche nach Benzin. Wie Violette, die Friseurin, die mit Drogen dealt, überhaupt eine ganz toughe.  Sie leben einen Tag lang die zweifelhafte Freundschaft zweier Eintagsfliegen.

Ein sauberes, klares Bühnenbild, Zapfsäule, Reifen, Zeltplanen als Boden. Verwahrlosung. Dreck. Wer will denn hier leben? Diejenige, die sich ihre Welt träumt, alle Sehnsüchte formuliert und in ihre Lebensgeschichte einflicht – will sie wirklich? Oder doch vielleicht die Zynikerin, die keinen Platz für sich im Leben sieht und alles in Abrede stellt? Wissen ist Macht, nichts wissen – macht viel. Es macht das ganze Stück von Carine Lacroix aus, das die Frage nach dem Sinn des Lebens skurril und fantasievoll verhandelt. Die Darsteller sind mit Feuereifer mit dabei, besonders der Figur der Hirip wird mit solcher sprühenden Energie Leben eingehaucht, dass man die Illusion gerne glaubt.

Gerne glauben möchte, denn sie wäre schön: Eine Welt, in der alles möglich ist, sich selbst genügen, ein bisschen Proviant, genügsam sein, trotzdem oder gerade deshalb glücklich. „On peut tojours recommencer.“ Sie singt, sie lacht, sie tanzt, sie kehrt mit dem Besen, wo es nichts zu kehren gibt. Aber sie ist einsam. Eine kleine einsame Eva im Paradies, ohne Adam, sie hat den Apfel der Erkenntnis noch nicht einmal von weitem gesehen – sie hört nur jeden Sonntag das Klingen der Glocken weit entfernter Kirchtürme, wie ein Versprechen. Der Apfel kommt zu ihr in Gestalt von Violette, Neugierde weckend und unbarmherzig. Desillusioniert. Eigentlich ist sie Schlange, Apfel, und Kerubim in einem. Sie  nimmt Hirip die einzige Chance auf ihren Adam – den Pizzaboten, der dummerweise zu viel über Violettes Exfreund weiß. Danach gibt es kein zurück mehr, nach dem Mord benutzen sie die eiserne Restreserve Benzin nicht, um mit Violettes Moped zu verschwinden, sondern zünden alles an. Burn Baby, burn. Das etwas pathetische dargestellte Ende schmälert etwas den Glanz. Zwischendrin sackt die Energie auch ab, ein paar mehr Striche wären durchaus möglich gewesen. Sehenswert bleibt das Stück besonders durch eine wahnsinnig liebenswerte Hirip. „Il rit pas, le clown.“

Besuchte Vorstellung: 23.01.2013, weitere Vorstellungen: 24., 25. und 26.01.2013, jeweils 20 Uhr.

Advertisements

Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: