Von Menschen und Monstern – „Die Ängstlichen und die Brutalen“ in Landshut

kleines Theater – KAMMERSPIELE Landshut

Das Gegenwartstheater hält Einzug auf der Bühne der Kammerspiele Landshut. Ein Stück des jungen deutschen Dramatikers Nis-Momme Stockmann wurde vom Regie-Neuzugang Boris C. Motzki inszeniert. Auf der Webseite wird das Stück als Schwarze Komödie angekündigt, das stimmt allerdings nur zum Teil. Tatsächlich wird dem Zuschauer ein grotesker, nicht leicht zu verdauender und vor allem philosophischer Theaterabend geboten.

Erzählt wird die Geschichte der Brüder Eirik und Berg, die nach einem Anruf ihres Vaters diesen tot in seinem Wohnzimmersessel finden. Sie sind überfordert mit der Situation, dass das Ableben ihres Vaters so einsam und würdelos stattfand und wollen ihn in sein Bett (bzw. in dieser Inszenierung in den Kühlschrank) verfrachten. Sie entdecken zudem, dass ihr Erzeuger sowohl Gedichte geschrieben als auch tote Katzen und Müll gesammelt hat und bemerken, wie wenig sie eigentlich von ihm wussten. In ihrer Ratlosigkeit reagieren die Brüder ganz verschieden. Der schüchterne und naive Berg wird hektisch, will alles so schnell wie möglich hinter sich bringen. Eirik hingegen hat Angst, dass man ihm nachsagen würde, er habe sich zu wenig um den Vater gekümmert, und lässt seinen Frust meist sehr brutal am kleinen Bruder aus. Als in den Streitereien Berg plötzlich zurück schreit ändert sich das Stück drastisch. Nun will sich der Jüngere nicht mehr vom Bruder und auch vom toten Vater beherrschen lassen und nutzt die Angst Eiriks, um ihn psychisch und körperlich zu zerstören.

Die Inszenierung entwickelt sich von einer Schwarzen Komödie, in denen vor allem Slapstick-Einlagen die Zuschauer zum Lachen bringt, zu einem handfesten Drama zwischen zwei Brüdern, die sich bis auf’s Blut bekämpfen. Zudem mischt sich immer wieder in traumähnlichen Szenen der tote Vater ein, der aus dem Kühlschrank und auch aus der „Guckkasten-Holzbox“ tritt, die das Bühnenbild darstellt und die die Brüder nicht verlassen können.

Hinter dem Humor und scheinbar harmlosen Aussagen stecken immer wieder ernste Themen. Als Berg beispielsweise mehrmals seinem Bruder etwas aus der Vergangenheit erzählen will hält sich dieser die Ohren zu und singt das Thema einer Kindersendung. Was Berg erzählen will bleibt ein Rätsel, aber man könnte vermuten, dass der Vater seinem Sohn etwas Schlimmes angetan hat, was die Familie verdrängt hat. Klar erkennbar wird im Laufe des Abends definitiv, dass die Männer beide unter ihren Eltern gelitten haben, darauf jedoch unterschiedlich reagierten. Eirik wurde zum gefühlskalten, brutalen Narzissten, der sich nicht eingesteht, dass er im Leben nichts geschafft hat. Berg ist an sich intelligent und kontrolliert, kann dies jedoch nicht zeigen, da er von Eirik in die Ecke gedrängt und verspottet wird. Als der Ältere jedoch zu weit geht um seinen Bruder verletzt, verliert dieser seine Schüchternheit und Fistelstimme und verhält sich von nun an wie eine Katze, legt also ganz deutlich die Menschlichkeit ab, die seinem Bruder von Anfang an fehlt. Diese Veränderung macht Eirik Angst und er versucht, die menschliche Seite seines Bruders wieder zu wecken.

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Besonders an dieser Inszenierung sind die kleinen Details, die sich durch den gesamten Abend ziehen. Am Anfang hat die Katze des toten Vaters auf dessen Schoß ihr Geschäft erledigt; Berg erzählt von einer Katze in einem Altenheim, die den Tod anderen Menschen voraussagte und wird im nächsten Moment selbst zu diesem Tier. Oder die Schaffell-Mütze, die Berg bis zu dem Zeitpunkt trägt, in dem er sich zu einem „Monster“ verwandelt. Auch tragen beide Brüder den ganzen Abend lang Handschuhe, um nicht in Kontakt mit dem Tod und der Situation treten zu müssen. Oft ergibt sich der Sinn von Worten und Gegenständen erst nach einiger Zeit, was die Sache jedoch sehr spannend macht und viel Konzentration erfordert. Mit zunehmendem optischen Chaos auf der Bühne wird auch die Inszenierung wilder und brutaler.

Sehr gut gewählt sind die beiden Hauptdarsteller Julius Bornmann als Berg und Marcus Widmann als Eirik, die nicht nur schauspielerische sondern auch körperliche Höchstleistungen vollbringen und die gegensätzlichen Entwicklungen ihrer Figuren sehr schleichend aber intensiv darstellen. Berg wird vom stotternden Versager zum dämonisch grinsenden Monster, Eirik vom selbstverliebten Idioten zum ängstlichen Häufchen Elend. Zwischenzeitlich scheint es auch immer wieder zur Versöhnung zu kommen, was aber einer der beiden Protagonisten zerstört. Ihnen zur Seite steht Rudi Knauss als toter Vater, der erst die reglose Leiche spielt, dann den zynischen Kommentator.

Dieser Theaterabend ist sicherlich nichts für Zartbesaitete, aber enorm beeindruckend. Man wird nicht nur mit dem Thema Tod konfrontiert, sondern auch mit der Frage, wie lange ein Mensch es aushalten kann, von anderen gedemütigt zu werden.

Die Termine der nächsten Vorstellungen sind bei unseren Veranstaltungstipps oder auf der Webseite zu finden.

http://www.kleinestheater-kammerspiele-landshut.de/spielzeit-20122013/produktionen/

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Über mako89

Marina Kolmeder studierte von 2009 bis 2014 Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits in ihrer Zeit am Gymnasium Mainburg war sie viele Jahre lang am Schultheater beteiligt und so widmete sie sich auch nach dem Abitur der Welt des Theaters. Sie arbeitete bereits als Regieassistentin und -Hospitantin in verschiedenen Münchner Theatern, etwa bei der Inszenierung von Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin" am Gärtnerplatztheater oder Yael Ronens "Plonter" im theater...und so fort. Ihr Debüt als Regisseurin feierte sie 2012 mit "Tango" von Slawomir Mrozek an der Studiobühne München, 2013 folgte eine historisierende Inszenierung von William Shakespeares "Der Sturm" in München und Osterhofen. Mittlerweile spezialisiert sie sich in Forschung und Praxis auf das bairischsprachige Theater aller Genres und Epochen. Für Theater to Go ist sie seit 2011 tätig, seit 2014 als Leiterin. Zeige alle Beiträge von mako89

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