Unterhaltsame Reise durch die Jahrhunderte – „Orlando“ in Landshut

kleines theater – KAMMERSPIELE Landshut

Mit der Adaption des Romans „Orlando“ lädt das kleine theater nicht nur zu einer lustigen Zeitreise durch das historische England ein, sondern greift zudem noch ein Thema auf, das erst seit kurzer Zeit in den Medien wieder häufiger thematisiert wird. Die Inszenierung basiert auf einem Roman der beliebten britischen Autorin Virginia Woolf aus dem Jahr 1928 und erzählt die Geschichte des jungen Adeligen Orlando, der 350 Jahre lang lebt, jedoch nicht so schnell altert und eines Morgens spontan das Geschlecht wechselt. Aus der Buchvorlage wurde von der Regisseurin Diana Anders ein zweistündiges Monologstück gemacht, in dem die Titelfigur jedoch nicht auftritt. Stattdessen wird sein/ihr Leben im Stil einer Fernsehshow inklusive Zeitzeugenberichten und Interviews dargestellt.

Sowohl der Moderator als auch alle Zeitzeugen werden von der Schauspielerin Barbara Kratz dargestellt, die schon beim Einlass an einem kleinen Schminktisch sitzt. Ihr einziger Spielpartner ist das minimalistische und wandelbare Bühnenbild von Franz Joseph Völlmecke, das aus einer Art metallenem Paravent besteht, der abwechselnd zur Landschaft, einem Sarg, einem Fenster oder der Londoner Skyline wird. Durch kleine Elemente wie einer Lichterkette oder einem Mond werden Tageszeiten, Paläste oder sogar andere Länder dargestellt. Zugleich ist es auch ein Umkleideraum für die Darstellerin, die dahinter in Sekundenschnelle in andere Rollen und wundervolle Kostüme von Christiane von Gizycki und Hedi Kratz schlüpft. Ein optisches Highlight ist zweifellos der erste Zeitzeuge, die britische Monarchin Elizabeth I., die bekanntlich dem Elisabethanischen Zeitalter ihren Namen gab, und die hier mit schwarzem Gewand und ausuferndem Kragen aus der königlichen Gruft steigt.

Neben den Life-Auftritten der Zeitzeugen gibt es auch ein Interview, eine Toneinspielung und einen kurzen Fernsehbericht, der allerdings durch einen zickigen Beamer verzögert wurde. Gerade die beiden Videobeiträge waren angesichts der schwierigeren Kostüme in diesen Szenen bestimmt notwendig, meiner Meinung nach aber auch überflüssig. Man hätte die Figuren sicher in anderer Form auf der Bühne darstellen können. Die beiden Videoeinspieler passten nicht so recht in die Inszenierung, die mit ihrem fantasievollen Bühnenbild und den Kostümen sehr an den Auftritt eines Märchenerzählers erinnerten und den Zuschauer in eine wundervolle Fantasiewelt hineinzieht. Doch das ist der einzige kleine Kritikpunkt.

Im Zentrum der Inszenierung steht immerhin immer noch das Schauspiel. Nicht nur durch die Kostüme sondern vor allem durch die extrem unterschiedliche Spielweise schafft es Kratz, grundverschiedene Figuren auf die Bühne zu bringen. Ob als putzig-schüchterne Haushälterin Orlandos, als resolute russische Prinzessin oder als stockbesoffener Dichter Nicholas Greene (der vor allem mit seinen Schimpftiraden über Shakespeare sehr an den elisabethanischen Autor Robert Greene erinnert), es ist immer überzeugend und vor allem meistens saukomisch. Doch man wird hier nicht nur bestens unterhalten, man lernt auch Einiges über die verschiedenen Jahrhunderte, die Orlando durchlebt und die Geschlechterrollen in diesen Zeiten. Immer wieder wird vom Moderator, der ebenso wie die Titelfigur zur Mitte des Stücks zur Frau wird, betont, wie anders es damals doch im Gegensatz zu heute ist. Man wird unweigerlich wieder an die Diskussionen um Sexismus in unserer Gesellschaft erinnert, die momentan durch die Medien geistern, und man fragt sich, ob heute alles wirklich so viel einfacher ist als damals.

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Eine Herausforderung für die Darstellerin war es sicher nicht nur, den zweistündigen Text zu lernen, sondern ihn auch noch ohne vierte Wand im direkten Kontakt mit den Zuschauern vorzutragen. Doch beides funktionierte einwandfrei, großer Respekt dafür!

Alles in allem wird einem hier in Landshut ein lustiger, fantasievoller und doch lehrreicher Abend geboten. Die Aufführungstermine können unseren „Veranstaltungstipps“ entnommen werden. Infos zur Kartenbestellung und zur Inszenierung gibt es auch hier:

kleines theater

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Über mako89

Marina Kolmeder studierte von 2009 bis 2014 Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits in ihrer Zeit am Gymnasium Mainburg war sie viele Jahre lang am Schultheater beteiligt und so widmete sie sich auch nach dem Abitur der Welt des Theaters. Sie arbeitete bereits als Regieassistentin und -Hospitantin in verschiedenen Münchner Theatern, etwa bei der Inszenierung von Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin" am Gärtnerplatztheater oder Yael Ronens "Plonter" im theater...und so fort. Ihr Debüt als Regisseurin feierte sie 2012 mit "Tango" von Slawomir Mrozek an der Studiobühne München, 2013 folgte eine historisierende Inszenierung von William Shakespeares "Der Sturm" in München und Osterhofen. Mittlerweile spezialisiert sie sich in Forschung und Praxis auf das bairischsprachige Theater aller Genres und Epochen. Für Theater to Go ist sie seit 2011 tätig, seit 2014 als Leiterin. Zeige alle Beiträge von mako89

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