Kukuruz und Zwetschgenwein // Wiederentdeckung von Joseph Beers „Polnischer Hochzeit“ in Eggenfelden

„Stachel ins Fleisch der Gemütlichkeit, damit die Zeit nicht stehen bleibt!“ prangt als Slogan am Theater an der Rott im niederbayrischen Eggenfelden, und beschreibt treffend die neue Intendanz von Karl M. Sibelius: Mit der Spielzeit 2012/13 hat er das vormalige Mottenkistenoperettenhaus kräftig entstaubt und umgekrempelt. Nach zeitgenössischer Dramatik und mutigen Regietheaterexperimenten folgt nun die deutsche Erstaufführung der Operette Polnische Hochzeit. Den Text haben die renommierten Operettenlibrettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda verfasst, während der heute unbekannte Joseph Beer die Musik komponiert hat. Nach der äußerst erfolgreichen Uraufführung 1937 in Zürich ist das Werk jedoch schnell wegen der jüdischen Herkunft der drei Künstler verboten worden und die Operette mit dem Namen Beers bald in Vergessenheit geraten.

Die Handlung spielt im besetzten Polen des 19. Jahrhunderts: Boleslav und Jadja können nicht heiraten, da Graf Staschek diese zu seiner sechsten Frau machen will. Wie in jeder Intrigenkomödie ist die listige Dienerin, hier Suza, die eigentliche Spielmacherin und führt nach etlichen Gläsern polnischer Nationalgetränke, wie Kukuruz und Zwetschgenwein, ein gutes Ende herbei. Patricia Nessy verkörpert sie treffend als widerspenstige Wildkatze, die mit Gesang, Spiel und vor allem Tanz ihre Kollegen deutlich übertrifft. Gleichzeitig zeichnet sie sich für die Regie verantwortlich und versucht in ihrer Sicht der qualitativ hochwertigen Musik viel Raum zu geben. Dies scheint ihr anfänglich zu misslingen: So erstarrt der erste Akt in motivationslosem Rampentheater mit ausgelutschter Situationskomik und scheint gefährlich in eine belanglose Operettenseligkeit zu kippen. Dieser schwache Beginn der Aufführung weiß das Interesse der Zuschauer für die Geschehnisse und Handlungsmotivationen der Figuren bedenklich wenig zu wecken, wodurch der Abend bis zur Pause relativ zäh und verworren wirkt.

Erst im zweiten Akt scheint die Regisseurin der Eigenart und Künstlichkeit der Gattung Operette zu vertrauen, indem sie dem exaltierten Stück eine adäquate Inszenierung entgegenzusetzen weiß: Die Sänger werden plötzlich zu glaubhaften Bühnenfiguren aus Fleisch und Blut und ihr Handeln dadurch nun auch nachvollziehbarer. Gipfelpunkt ist neben dem mitreißend inszenierten Finale des 2. Aktes das Katzenaugen-Duett von Suza und ihrem Geliebten, welches sich als Hymne auf ihre Verschlagenheit entpuppt: Hierbei verwandelt sich das abgewirtschaftete Schloss in eine Revuebühne mit Lichtspielen und einer breit angelegten Bühnentreppe im Hintergrund. Von dort kommen Revuegirls in glitzernden Showkostümen mit ihren Begleitern herab und beginnen nach Suzas glamourösem Auftritt als Showstar zu steppen. Damit trifft die Regisseurin den Kern der Komposition, die vor allem hier der Gattung Musical sehr nahe steht. Dem Ballettensemble hingegen kann man nur wünschen, dass die Revuetänze im Laufe der Vorstellungsserie deutlich synchroner werden. Neben Patricia Nessy ragen besonders Günter Rainer als Graf Staschek und Christian Bauer als Boleslav unter den Sängern hervor. Ausdrucksstark, doch befreit von überbordendem Operettenkitsch werden sie vom „Kammerorchester. Robert Stolz und Sinfonia Piccola“ unter der Leitung von Charles Prince begleitet, der zudem die Rekonstruktion des unvollständigen Orchestermaterials besorgt hat.

Nichtsdestotrotz bleibt der Gesamteindruck der Aufführung durch die Wiederbelebung der beachtenswerten Komposition überwiegend positiv: Das Verdienst für die deutsche Erstaufführung der Polnischen Hochzeit und für das damit verbundene finanzielle Risiko kann dem Theater an der Rott gar nicht hoch genug angerechnet werden. Der Platz in der Rezeptionsgeschichte des Werks ist ihm in jedem Fall sicher. Obwohl die Inszenierung radikal mit den bisherigen Sehgewohnheiten der alteingesessenen Operettenliebhaber von Eggenfelden bricht, reagierten sie mit großer Zustimmung: Diese reichte vom üppigen Schlussapplaus bis hin zum rührseligen Mitklatschen im Stile des ARD-Musikantenstadls.

 

Thomas Kuchlbauer, besuchte Vorstellung: Premiere, 19. April 2013, weitere Vorstellungen: 20., 21., 26., 27., 28. April, 3., 4., 5. Mai 2013

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2 responses to “Kukuruz und Zwetschgenwein // Wiederentdeckung von Joseph Beers „Polnischer Hochzeit“ in Eggenfelden

  • Tanja

    Super Rezension. Die Idee mit der Revuenummer stammt übrigens nicht von Frau Nessy. Die Nummer hat man nahezu augengleich in der Wiener Inszenierung im Sommer 2012, wo Frau Nessy lediglich die Hauptrolle gespielt, nicht aber inszeniert hat, gesehen.

  • Hans gratzer

    So ein Schmarrn. Habe die Inszenierung in Wien und Eggenfelden gesehen: Wien war einfach nicht Gutkind komplett anders!

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