Und sie leben fort… – The Virgin Suicides nach Jeffrey Eugenides/ Pathos münchen

Ein Regieprojekt von Pia Richter (Otto-Falckenberg-Schule München).

Ein Roman, den ich sehr mag. Ein Autor, den ich verehre. Das kann eigentlich nicht funktionieren mit diesem Regieprojekt und mir… Doch die Voreingenommenheit meiner Vorstellung lasse ich schnell beiseite, denn noch bevor ich überhaupt meine Karte abholen kann, parke ich mein Fahrrad in der Nähe eines mit Luftballons behängten, mit jungen lachenden Männern besetzten und in 70s-Mucke dröhnenden Autos.

Ich bin angekommen in einer spießigen Kleinststadt der USA, in der sich fünf junge Mädchen das Leben nehmen (genommen haben, nehmen werden). Die fünf Jung-Schauspieler liefern eine kleine Unterhaltungsperformance, die so manchen staunenden Zuschauer zu spät in die Räume der Pathos-Bühne treten lässt. Schmunzeln.

Und auch drinnen erst mal: Gucken und Hören! Da spielt links eine Band, während sich rechts die ersten Zuschauer schon ihre Plätze gesichert haben. Da hängen zwei Lisbon-Mädchen an der Bar rum, während eine dritte auf dem Tresen balanciert. Gleichzeitig hole ich mir dort ein Bier und bewundere die Ballroom-artige Atmosphäre, die hier mit nur wenigen Elementen geschaffen wurde (Scheinwerfer, Parkettbodenstücke, Luftballon-Wolke, Girlanden). Wieder muss ich schmunzeln. Denn vor Beginn der eigentlichen Aufführung, beweist die lebendige in-Szene-Setzung des Raums (Bühne: Alena Georgi) am Pathos-Gelände schon viel Gespür für die Eigen- und Besonderheiten dieses Romans von Jeffrey Eugenides.

Mit viel Selbst-Ironie und Spielfreude gestalten die fünf Schauspieler (Anton Schneider, Moritz von Treuenfels, Bastian Beyer, Nicolaas van Diepen und Konstantin Bez)  im Laufe der nächsten 60 Minuten die vor Sehnsucht nach den unerreichbaren Lisbon-Schwestern und unbändiger Lebensgier strotzenden Highshool-Jungen Paul, Tom, Trip, Peter und Tim. Jeder ein klarer, stark markierter Typ für sich, mit eigenem Bewegungsmaterial (wenn sie träumend – oder ihren Erinnerungen nachhängend – durchs Leben wandeln, oder sich den angebeteten Schwestern näheren). Außerdem sind die Erzählpartien in dieser kompakten Adaption klug auf die fünf männlichen Protagonisten aufgeteilt.

Die Lisbon-Schwestern – Ziel des unsicheren Begehrens und der wundertollsten Vorstellungen der Jungs : Cecilia, Lux, Bonnie, Mary und Therese (Raphaela Kühl, Simone Lindner, Sabrina Freiwald, Rikke Holm Christiansen, Stephanie Felber) kommen wie in der Romanvorlage zwar nicht zu Wort, sind aber dennoch stets präsent. In blassen Kleidern und mit wasserstoff-bläulich-rosanen-grünlichen Perücken drücken sie sich über feine Körperssprache und stilisierte Tanzfiguren aus. Da sie in ihrem Elternhaus – absolut isoliert von der Außenwelt – nur zu leben versuchen (selbst die Schulbesuche werden ab einem gewissen Zeitpunkt untersagt), scheinen sie der Realität der Nachbar-Jungs auf vielfache Weise entrückt, werden dadurch noch unfassbarer und reizvoller: der Schritt ins Leben bleibt hier nur scheues Tänzeln. Wie Schmetterlinge, die zu früh entpuppt, sich in der Welt verirren.

Obwohl bei der stark auf das Wesentliche komprimierten Textfassung sicherlich einige Tiefen des Romans zu kurz kommen, überzeugt die Aufführung auf ganzer Linie. Bei allem heiteren Amüsement über die verzweifelt-abstrusen Annäherungsversuche der beiden „Welten“ berühren besonders  die non-verbalen Momente. Wie etwa, wenn auf dem Prom (der Highschool-Ball schlechthin und auch Großereignis in dieser Kleinstadt [unter striktesten Auflagen dürfen die Mädchen sich hierzu ausführen lassen]) die vier Paare in anfänglicher Unbeschwertheit ansteckend ausgelassen miteinander tanzen, die Lisbon-Mädchen jedoch  nach und nach zu leblosen Puppen in den Händen ihrer Tanzpartner zerfallen – angekündigt durch die schon verstorbene Therese (Suizid No 1), die von Paul auch mit auf die Tanzfläche gezerrt worden ist.

So endet die Aufführung schließlich wie sie begonnen hat: mit fünf Jungen, die jene Erinnerung an fünf dem Leben entzogene Mädchen bewahren und immer wieder rekonstruieren wollen – an diesem Theaterabend ist sie in Ausschnitten lebendig geworden; nicht zuletzt dadurch, dass das Theatergebäude selbst gleichzeitig das Lisbonsche Haus ist, welches die fünf aus ihrem Auto heraus beobachten…

Toll!

Premiere: 19.04.2013, gesehene Vorstellung: 21.04.2013 @Pathos transport theater, München.

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