Jedermann und doch nicht – Fast ein bisschen Frühling: Schwere Reiter // Jörg Witte

Von Erlangen nach München – nach der wahren Geschichte der Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte, ständig auf der Flucht, Ziel Indien. Da bleiben sie in Basel hängen, bei der Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp. Die Beziehung der drei ist intensiv und fast alltäglich, jedermann könnte so etwas passieren. Und/oder/aber eben doch nicht.

Auf enorm dynamische, ehrliche und direkte Art springen Tanya Häringer (Schauspiel), Dominik Obalski (Musik) und Peter Lutz (Puppenspiel) zwischen den historischen Fakten, der persönlichen Geschichte, und dem Zuschauer hin und her. Die Banalität des Bösen bildet dabei eine zentrale Säule, an der sich das Zwischenmenschliche wie Efeu emporrankt. Wer oder was ist ein böser Mensch? Wozu macht uns das Leben, wenn – ja, wenn was? Wenn wir nicht aufpassen? Die falschen Entscheidungen treffen? Pech haben? Oder ist das eh alles Frage des Charma.

Besondere Erwähnung verdient die hybride Inszenierung hinsichtlich des gelungenen Zusammenspiels von Menschen mit Puppen. Die Idee, die zwei Bankräuber nur durch Puppen zum Leben erwachen zu lassen, schafft auf den ersten Blick die nötige Distanz. Damit fühlt man sich sicherer: das sind ja doch keine Menschen, wie sollte man sich auch mit Mördern identifizieren wollen? Doch wie stets im Puppenspiel, ganz tritt der Mensch nicht hinter der Puppe zurück. Er bleibt präsent, federführend. Aber dieses Puppenbaby auf der Schaukel… das grimmigste Baby, dass ich je gesehen habe. Menschlich oder unmenschlich?

Der Umgang mit dem Raum ist sehr illustrativ und verspielt – da wird uns eine Stadtkarte von Basel auf den Tanzboden geklebt, der deutsche Bahnhof hat leider keinen Platz, „Könnten Sie bitte kurz aufstehen, da wäre der nämlich… genau so.“ Bisschen wie „Meine Orte“ bei Google Maps, eine personalisierte Karte mit wichtigen Orten. Und die wird bespielt, ebenso wie der Zuschauerraum. Da sind Unmengen von Ideen und Eindrücken, ob nun alte Polizeiberichte oder Zitate, Briefe, Postkarten, animierte Videos zum Mann im Wolfspelz, der sich in das Rotkäppchen verliebt, Räuberbande spielen mit den Kindern – es nimmt einen mit, verwirrt, ein zeitliches Hin und Her, das Heute, das Gestern, wann war das – oder ist das gerade? Und wo bin ich in dem Tumult? „Es ist alles gesagt und getan. Sagen Sie das manchmal? Und wenn Sie das sagen, haben Sie dann mehr gesagt, oder mehr getan?“

Keine Verschnaufpause gönnt das Stück sich  selbst oder seinen Zuschauern. Wie im richtigen Leben – aber so kondensiert und verdichtet, wie es doch nur das Theater vermag. Stellenweise passiert zu viel auf einmal, mit dem Effekt, dass gar nichts hängen bleibt. Vielleicht waren hier auch zu viele Ideen gleichzeitig am Werk – man könnte das Stück mit Sicherheit auf 2 Stunden ausdehnen, aber vielleicht würde die Dynamik doch sehr leiden. Und manches muss nicht aufgelöst werden. Zum Beispiel das Baby.

Besuchte Vorstellung: 15.05.2013, weitere Vorstellungen: 16., 17., 18. und 19.05.2013, jeweils 20:30 Uhr.

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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