„Als ob man ein rotes Tuch in Fetzen risse“ – Christian Moosbrugger: Rote Sonne // what you see is what you get

Ein Wald aus weißer Folie, die von wechselnden Farben durchflutet werden, ein Meer aus Lichtstimmungen. Darinnen die Schauspieler, wie Raupen in ihren Puppen. Die Rote Sonne erfährt in der Geschichte des Theaters im Club an diesem Abend ihre absolute beste Lichtinstallation bisher. Es wandert unruhig, wühlt und wummert. Die drei Darsteller müssen sich nicht durch die Menge schieben, die meisten sitzen. Spielfreude hoch drei – im wahrsten Sinne des Wortes.  Der Bühnenbereich dient primär der Sichtbarmachung der Worte – eingesprochene Szenen werden von den Schauspielern als Playbacks wiedergegeben. Die eigene Stimme vom Band wird zu etwas Künstlichem, sie gehört nicht mehr dem Schauspieler, der zum Zuschauer verkommt und wie ein Clown um sie herumspringt. Die Sprache verschlägt es ihnen nicht, wenn sie, teils chorisch, teils versetzt, den gleichen Text sprechen. Wir sollen alle Moosbrugger sein, Brechungen eines Charakters in mehrere – wir könnten doch irgendwo alle… morden. Im ersten Drittel kommt dieser Hebel nicht recht in Gang, zu verstatzstückhaft kommt der Text daher, Zusammenhänge scheinen auf, wirken aber unnötig verlangsamt.

Scheinbar unscheinbar und eben dadurch in einem Club auffallend ist die gedämmte Musik, elektronisch mit Hummtata, dann wieder sphärisch als Kulisse hinter dem Geschehen. Dabei scheint sie auf die Darsteller einzugehen und zu reagieren, auf das Rascheln der Folien, die bemalt, gezerrt, zu Zeitungen und Gesetzestexten umfunktioniert werden. Verdrehen die Darsteller nur Planen – oder das Recht? Immer wieder Rückzug in die Folien, die Verpuppung, die Zelle des Herrn M. Das Stück hat Anlauf genommen, jetzt kommt es in Fahrt, wird sinnlich erfahrbar, jetzt werden wir Moosbrugger. Werden wir? Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt –  wie Moosbrugger wissen wir vielleicht nicht, dass dieser Ausspruch von Wittgenstein stammt, aber seine Konsequenzen erfahren wir dennoch am eigenen Leib. Das Stück ist voll skurriler Momente, ein Schmankerl der Auftritt des Klerus – der zu Glockengebimmel nur segnend spricht: „Das letzte Wort spricht der Allmächtige.“ – BASS Bimbam.

Zuletzt scheint es nicht mehr zu stoppen, „als ob man ein rotes Tuch in Fetzen risse“.  Der mögliche Tathergang wird abstrahiert und mit wimmernder Musik unterlegt. Der Richter spricht: „Sie sind ein großer, starker Mann. Wie konnten sie sich vor Hedwig fürchten?“ Genau deswegen. Wir fürchten das Andere, den anderen Menschen. Wir bestrafen Mord mit Mord. Kein Fortschritt seit der Orestie?

Wie distanziert wir uns im Theater Geschichten erzählen: wir erzählen und erzählen, Brecht hätte sich gefreut, eine Generation von Erzählern, die dritte Person ist unser Gott.  Was davon bleibt, ist eine überaus stimmungsvolle Lightshow mit Hörspiel-Charakter, die stellenweise im Erzählen kleben bleibt.

Besuchte Vorstellung: 21.05.2013, weitere Vorstellungen: 22.05., Einlass ab 20 Uhr (nicht zu spät kommen), 12.06.2013 (Schwarzes Schaf/Augsburg), 20 Uhr

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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