Hautnah – Münchner Kammerspiele/Relations: Nine Finger // Alain Platel

Unsagbar traurig der Applaus, als das Stück endet. Man kann es wirklich hören – es klingt dumpf und verloren, erst, als sich das Publikum etwas gefangen hat, belohnt es diebeiden Darstellern nochmal mit anschwellendem Applaus und Bravorufen.

Ich wollte gar nicht klatschen, verzerrt es doch dieses Theatererlebnis auf Augenhöhe zu einer Grimasse. Das Stück könnte einfach so enden. Die beiden Darsteller, Fumiyo Ikeda (vom Tanzensemble Rosas) und Stijn Van Opstal (Schauspielerkollektiv Olympique Dramatique), sehen auch so aus, als wären sie lieber einfach so gegangen.

Kindersoldaten. Das Wort allein ist schon so paradox in sich, dass man lieber nichts weiter dazu hören möchte. Irgendwo denkt man sich ja sowieso, dass man als gebildeter Student dank Arte und 3Sat alle Übel dieser Welt schon mal mitbekommen hat. Nach dem Stück meint ein Freund von mir, er fragt sich, wie diejenigen das Stück aufnehmen, die aber mit dem Thema, dem Wort Kindersoldat noch nie etwas zu tun hatten. Geht das denn? Kann man gar nichts davon wissen, haben wir nicht inzwischen alle irgendwo verstaubte Erinnerungen irgendwo gesammelt, und wenn die Synapsen nur einmal wollen…? Aber vielleicht geht das. Es wäre das Experiment absolut wert. Was das Stück bietet, ist nicht neu, aber immer noch kontrovers. Es zeigt die Hässlichkeit dieser Welt in all ihrer Alltäglichkeit – meines Erachtens genau das, was wir Menschen am allerwenigsten sehen wollen. Tanz und Schauspiel haben die Funktion, den Missbrauch am Kinderkörper aufzuzeigen, ohne das spielende Kind, völlig ad absurdum geführt in das „Grausamkeit“ spielende Kind, zu vergessen. Skurrile, leichte und irritierende Momente entstehen dadurch. Der Versuch, der eigenen Angst zu entkommen. Das Kind, das nicht mehr möchte, sich steif macht, sich mitschleifen lässt statt aufzustehen – das kennen wir aus dem Supermarkt. Wie lächerlich im Vergleich! Bewegungen, die anfangen, aber aufhören müssen. „I want to dance, but I don’t think my brain remembers how to do it.“

Die schwarze Farbe, die Schattierungen, die sie an beiden Körpern und den Requisiten zurücklässt. Ein Bild für Misshandlung in allen Facetten. Das Stück ist laut und hart, wenn van Opstal das Mikrofon gegen den Boden, seinen Kopf und seine Kollegin prügelt tut das nicht nur bildlich weh. Die Kompromisslosigkeit und Hingabe der Darsteller macht das Stück so echt und hautnah – und unerträglich.

Mit den Worten von Bart Meuleman (2007) wird das Dilemma auf den Punkt gebracht: „For Nine Finger I remain seated. Somehow or another I am enjoying it anyway. The perverse thing about theatre is that without this pleasure it cannot exist.“

Besuchte Vorstellung: 13.06.2013, weitere Vorstellung: 14.06.2013, 19 Uhr

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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