Rundumschlag und Nussknacker – Düsseldorf: Tanzkongress 2013 // Kulturstiftung des Bundes

Nach einer Woche habe ich den Tanzkongress verdaut. Was in einem kleinen Auto voller Tanzbegeisterter wie ein Roadtrip in den Sommer und den Norden begann, endete – wie? Eigentlich hat es gerade erst begonnen. Denn was ich mitgenommen habe, ist der Wunsch, dass es das nächste Mal anders wird. Das soll nicht undankbar klingen, der Tanzkongress wird absolut gebraucht, das Gelände war gut geeignet (bei gutem Wetter) mit den Menschenmassen fertig zu werden (wenn aber nun das nächste Mal mehr Teilnehmer kommen..?), es war eine sehr angenehme Atmosphäre. Meine anfängliche Begeisterung fürs überbordende Programm mündete in fast asozialer Abgrenzung zu den anderen Kongressteilnehmern, weil ich ständig von A nach B und von Performance zu Workshop gerannt bin. Der Anspruch an mich selbst: alles mitnehmen, was geht. Dabei habe ich bewusst das Netzwerken hintangestellt.

Nach einer Woche frage ich mich, ob das so schlau war. Wenn die inhaltliche Bündelung etwas stringenter gewesen wäre, hätte ich mit Sicherheit nicht so oft die Veranstaltung gewechselt. Technische Schwierigkeiten ganz außer Acht gelassen, war ich von der Organisation innerhalb der einzelnen Veranstaltungen etwas entsetzt – Moderatoren, die sich ihrer Aufgabe nicht bewusst waren oder sein wollten, Zeiteinteilung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Wer viel erreichen möchte, muss viel fordern. Aber ein Kongress gibt nun mal einen Rahmen. Wer sich innerhalb dessen nicht auf den geforderten und angekündigten Inhalt einschränken kann, hat das falsche Format gewählt. Nichts gegen Flexibilität und den Drang, die Dinge in Bewegung zu halten – aber zeitliche sowie inhaltliche Grenzen machen einen Kongress nunmal aus.

Hortensia Völckers ist sich in der Abschlusspressemeldung des Tanzkongress „sicher, dass insbesondere der internationale Nachwuchs und die vielen studentischen Teilnehmer wertvolle Erfahrungen machen konnten.“ Und um für diese studentischen Teilnehmer zu sprechen: ich bin mir dessen nicht so sicher. Wie der ebenfalls von studentischen Teilnehmern verfasste Tanznetz-Blog zum Tanzkongress weiter ausführt „bleiben tiefgehende Einblicke in verschiedene Themengebiete auf diesem Tanzkongress leider eine Seltenheit. Zwar schätzen wir es die Prominenten der Szene zu bekannten Themen diskutieren zu hören, was am Ende allerdings dabei herauskommt, kann nicht wirklich oft als ’neu‘, ‚innovativ‘ oder als ‚Freisetzung von blockierten Energien‘ bezeichnet werden […]. Wertvolle Erfahrungen? Ja vielleicht, Überforderung? Bestimmt – aber Denkanstöße? Eher selten.“

Was wünschen wir uns denn nun, wir als Nachwuchs? Einen Tanzkongress ohne Anführungszeichen. Mehr Kontroverse, mehr Austausch, weniger Vorsicht. Denn wie soll eine Diskussion entstehen, wenn wir uns selbst daran hindern, die eigentlichen Probleme auszusprechen?

© Simone Scardovelli

Da war mein Highlight eindeutig der Nussknacker von Antje Pfundtner im Düsseldorfer Schauspielhaus. Zwar war ich zum gegebenen Zeitpunkt bereits so müde, dass ich Bühnentraum und Eigentrance eventuell nicht mehr ganz zu unterscheiden vermochte. Aber dieses Tüllgewitter auf der Bühne. Ein lebender Weihnachtsbaum. Ein Nussknacker, der seine Grand Jetés einübt. Nicht ohne ironischen Seitenkommentar greift Antje Pfundtner auf den Nussknacker und Kinderträume zurück, nimmt sie auseinander und stülpt sie um, ohne sie zu verlieren. Wunderschön das Ende, die Darsteller stimmen gemeinsam einen mehrstimmigen Gesang an, kein Text, nur Klangwerk, und geben diesen an einen im Zuschauerraum verteilten Chor weiter. Wer „Wie im Himmel“ von Kay Pollak gesehen hat, weiß, wovon ich spreche. Dieses Stück kann man, wenn man sich ihm mit dem Willen zur Trance und Verzauberung genähert hat, mit einem Lächeln verlassen. Es hinterlässt eine Fülle von Motiven und Unverstandenem, Reminiszenzen an Vergangenes und Wiederkehrendes wie das stets vergangene und wiederkehrende Weihnachtsfest. Was ist daran schön? Der Zauber. Oder um es mit den Worten des Programmhefts / dem in den letzten Tagen sowieso zu viel zitierten Giorgio Agamben zu sagen: „Walter Benjamin hat einmal gesagt, die erste Erfahrung, die das Kind von der Welt mache, sei nicht, dass die Erwachsenen stärker seien, sondern dass es selbst nicht die Fähigkeit habe zu zaubern.“

Besuchte Vorstellung: 08.06.2013. Tanzkongress 2013 Düsseldorf: 06. bis 09.06.2013

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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