Macht…mal! Die Jüdin von Toledo, Studiobühne München

Die Jüdin von Toledo nach dem Roman von Lion Feuchtwanger, in einer Fassung von Kristo Sagor — Studiobühne München — Regie: Katharina Nay.

Dass ich weder den Roman, noch die Textfassung oder den historischen Stoff kenne, ist kein Problem bei dieser Aufführung. Auch wenn ich am Anfang noch versuche die verschiedenen Handlungsstränge zu verknüpfen und in einen kohärenten inhaltlichen Zusammenhang zu bringen, merke ich bald, dass ich mit dieser Rezeptionshaltung mich nicht auf die Inszenierung werde einlassen können. Dazu sind die Sprünge von in Berichten durch die Erzählfigur vorgetragenen Passagen zu Dialogen in wahlweise gestrig höfischer und heutiger Umgangssprache einfach zu groß. Außerdem verrät mir das augenzwinkernde Gitarren-Vorspiel der Erzählfigur (David Niederer), dass sich hier alles vielleicht nicht so sehr um das was, sondern um das wie dreht.

Vater Jehuda Ibn Ezra (Thomas Wegler) und Tochter Rechja/ Raquel (Hannah Saar) nehmen den Zuschauer mit auf die Reise nach Toledo, Schauplatz für Länder- Völker- Religions- und auch persönliche Konflikte. Wirken die von den Figuren verhandelten Themen einerseits befremdlich überholt (schöne Tochter bezirzt König, Vater hat was dagegen, Ehefrau intrigiert, ein Krieg bricht aus…), schafft es die Inszenierung andererseits neue Spiel- und Interpretationsräume zu öffnen.

Nicht nur auf dem Flyer zur Inszenierung ist Macht als Diskurs bzw. als Leidenschaft präsent. Auch im Zusammenwirken von Sprache – gesprochenem wie geschriebenem Wort (Bühne und Licht: Sascha Röder)- und körperlichem Ausdruck im Spiel der Darsteller scheint Macht als dominierende Kraft auf. Zwischen Machenschaften und Machtlosigkeiten versucht jede Figur auf ihre Weise das individuelle Interesse durchzusetzen und wird dabei in ihrer Ohnmacht ertappt. Dabei legt Regisseurin Katharina Nay gleichzeitg Rollenbilder und an sie gebundene Verhaltensweisen offen, die uns heute immer noch einholen („Hey, ich bin doch der König!“, genialer Anti-König: Jan Struckmeier). Das Einnehmende dabei ist, dass Glaubwürdigkeit bzw. Überzeugungskraft der einzelnen Figuren nicht oberste Prämisse der Darstellung sind. So gelingt es in den großartigen Momenten des Abends, dass der Zuschauer in eine Art Zwiespalt versetzt wird, da die Darsteller komplett aus ihrer Rolle heraus treten, an das Publikum heran, und die Situation-im-Spiel kommentieren. Das ist nicht nur sehr komisch und unterhaltsam, es fordert eine Haltung zum Geschehen und negiert diese sogleich wieder – wenn etwa zu einem späteren Zeitpunkt der Inszenierung Tobias Zettelmeier als Ellinor (Königinmutter) in die Szene einbricht und durch seine Erscheinung und Habitus das traditionelle Denken und Handeln seiner Tochterfigur konterkariert.

(c) Jean-Marc Turmes

Verschiedene Möglichkeiten der Repräsentation einer Geschichte auf dem Theater werden subtil angedeutet, großspurig übertrieben und wieder verworfen. Die Macht von Geschichte oder Erzähltem fügt sich über Symbolik im Bühnenbild (mein Favorit: der aus Papier gefaltete und von König Alonso gold angepinselte Löwe) auf wunderbare Weise ein in die Machtvorstellungen und Beziehungen der einzelnen Figuren. Diese müssen bald die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten erkennen. Sie werden von der vermeintlichen Realität des Krieges eingeholt, scheitern an den ihnen vorgegebenen Identiäten des „Königs“, der „Geliebten“ oder des „Vaters“ und werden ermordet – das heißt hier: sie gehen ab.

Über die Wertigkeit von Papier, die Materialität eines Buches oder von Farbe und ihrer Wirkung wird ein besonderer Zugang zum Dargestellten geschaffen. Dadurch berührt man nicht nur das Herz aller Buchliebhaber, sondern schafft durch das nicht-Konkrete Raum für Phantasie.

Dadurch, dass sich die Inszenierung nicht zu ernst nimmt, nicht immer funktionieren will und erklären mag, gewinnt die Aufführung (gesehen am Mittwoch, 03.07.2013) eine befreiende Leichtigkeit, die beim leichten Hang zum Slapstick gefährlich sein kann, wenn sie nicht voll durchgezogen wird.

Schließlich wissen wir nach der Aufführung nicht mehr als Foucault, doch haben wir uns den Verhältnissen gestellt und fragen uns einmal mehr, was Theater eigentlich mit uns Macht. Das ist ziemlich gut.

Premiere am 02.07.2013, Studiobühne LMU München

mit: Thomas Wegler, Hannah Saar, Jan Struckmeier, Maria Gerlinger, Tobias Zettelmeier, Katharina Pößnecker, David Niederer

Regie: Katharina Nay, Künsterlische Assistenz: Carmen Böhm, Bühnenbild/Licht: Sascha Röder, Bühnenbildassistenz: Umberto Federico, Kostüme: Hannah Saar, Techn. Leitung: Wolf Markgraft

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