„And it’s sad – but you expected that anyways.“ – Nancy.Interview: Bayer. Staatsoper // Claude Bardouil

Groupie werden/sein/leben/sterben. Groupie mit mehr als nur Körperkontakt. Nancy Laura Spungen wurde tief in den Drogen- und Gewaltstrom hineingesogen, so tief, dass sie nicht wieder auftauchen konnte. Die Beziehung zu Sid Vicious wird im Programmheft (Teil der Opernfestspiele) als „langer Herointrip“ beschrieben.

Was Claude Bardouil und Magdalena Poplawska vertanzen, ist mehr. Krude und bloße Intimität. Das Wort Privatsphäre verschwindet aus dem Wortschatz, ersetzt durch ein Meer aus Drogen, Rausch, Gewalt und Musik. Die Optik ist eher Mick Jagger und Tilda Swinton. Sie ahmt ihn nach, wird dann sogar zu seiner Puppe, wird von ihm getragen, geschleudert, geschubst und als Leibeigene betrachtet. Was etwas seinen Zweck verfehlt, sind die Kameras, die weder den Voyeurismus der Situation noch die scheinbare Distanz generieren können. Nach einer halben Stunde intensivem Wechselspiel zwischen schnellen, hektischen und durchaus brutalen Momenten sowie stillen und intimen Pas-de-Deux stellt sich eine gewisse Langeweile ein, eine Form von Routine – die so in der gerade ein knappes Jahr dauernden Beziehung Nancy/Sid wohl kaum eingetreten sein dürfte.

Damit sind in keinem Fall die herausragenden Duette gemeint. Ob zu Anfang, wo sich beide begegnen, vielleicht zum ersten Mal, sich verschränken, betasten, einhaken und verrenken, oder zentral, inzwischen fast nackt voreinander, verbunden durch eine Jeans, die beide gleichzeitig tragen. Man vergisst, wessen Bein, wessen Arm, wessen Körperteil. Beide werden eins, wissen aber, dass sie in so unbedingter Abhängigkeit nicht leben werden können. Ich habe selten so eine herzzerreißende und zugleich zerstörerische Nähe sehen dürfen. Beide verbrennen für die Zuschauer vor laufender Kamera, auf offener Flamme gleichermaßen. Die erbrachte Leistung ist erheblich, die Rollen sind gelebt, nicht nur gespielt, die Darsteller verdienen sich den frenetischen Applaus wahrhaft. Doch wirken viele Passagen wie Füllstücke, um eine Stunde Programm füllen zu können. Schade darum.

Besuchte Vorstellung: 11.07.2013

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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