Kommerz und Wahnsinn – Ingrid Lausunds „Hysterikon“ in Landshut

kleines theater – KAMMERSPIELE Landshut

 

Wie Zombies irren die Konsumenten durch einen sterilen, weißen Supermarkt. Als plötzlich Werbeanzeigen mit Sonderangeboten aufleuchten, laufen wie sie ferngesteuert dorthin. Der Chef des Supermarktes, ein eleganter, dunkel gekleideter Herr, macht sich über die Dummheit der Kunden lustig und leitet fortan als Conférencier durch den zweieinhalbstündigen Theaterabend.

Konstantin Moreths Inszenierung von „Hysterikon“ feierte am vierten Oktober im Kleinen Theater Landshut Premiere.  Das Stück der Ingolstädter Autorin Ingrid Lausund stammt aus dem Jahr 2001 und erzählt von den vielen Gesichtern unseres Kaufverhaltens. Dabei wird dem Zuschauer vor Augen geführt, dass nicht nur Lebensmittel und Kleidung, sondern auch Gefühle und sogar Menschen als Ware gehandelt werden. Das Stück hängt nicht direkt zusammen, sondern besteht aus mehreren Einzelszenen. Meist sind dies Monologe oder Dialoge, bei denen aber immer der Verkäufer mitmischt.

Viele grundverschiedene Charaktere treffen im Supermarkt aufeinander. Da ist die junge Frau, die sich in der Masse der Marken und Produkte nicht mehr zurechtfindet, der Ehemann, der mit Träumen aus seinem faden Eheleben ausbrechen möchte oder der betrogene Angestellte, der sich im Supermarkt mit Mordwerkzeugen eindeckt. Jeder hat seine ganz eigenen Macken, etwa die ökologisch korrenkt lebende Dame, die jedem ihre Hysterikon 2Freundlichkeit geradezu aufzwingt, sich mit ihrer Art jeder keine Freude machen kann. Der Abend ist sehr amüsant, bringt den Zuschauer aber auch zum Nachdenken. Schöne Momente wie die große Liebe werden schnell wieder aufgelöst und über allem steht immer wieder der teuflische Verkäufer, der die Menschen gegen ihren Willen beeinflusst. Doch nicht nur er, auch andere Figuren nehmen negativen Einfluss auf ihre Mitmenschen. Ein Mann umgarnt eine Tänzerin, die kein Interesse an ihm zeigt. Er erzählt ihr, dass er im hohen Alter neben ihr aufwachen will und einfach mit ihr glücklich sein. Doch nach der gemeinsamen Liebesnacht lässt er sie wieder alleine.

Der Laden gilt aber auch als Metapher für das menschliche Leben. Die Protagonisten bezahlen etwa mit der Lifecard für ihre Träume, ist diese ausgeschöpft sterben die Inhaber. Der kleine Apparat, mit dem der Supermarktinhaber seine Kunden „abkassiert“, wird also quasi zu einem allmächtigen Werkzeug.

Das Ensemble agiert wieder so perfekt mit- und nebeneinander, wie man es im kleinen Theater Landshut eigentlich gewöhnt ist. Bei der Premiere gab es zwar den ein oder anderen merkbaren Texthänger, aber das tat der Inszenierung und den hervorragend aufgebauten Stimmungen der einzelnen Szenen keinen Abbruch.

Stefan Lehnen spielte den Verkäufer derart charmant und sarkastisch, dass man eigentlich das Hinterlistige der Figur erst später erkennt, als er zum Beispiel eine Prostituierte fertig macht. Die Figur erinnert an einen modernen Mephisto, der in die Gedanken und Leben der anderen Protagonisten eindringt und sie nach seinen Wünschen lenkt. Auch der versuchte Aufstand eines Konsumenten am Ende wird von ihm gnadenlos zu seinen Zwecken ausgenutzt.

Die anderen Darsteller nehmen zum Großteil mehrere verschiedenen Rollen ein. Nur Anna Takenaka bleibt in ihrer Figur der jungen Asiatin, die sich nie für etwas entscheiden kann und Angst hat, in ein Klischee zu verfallen. Herrlich die Szene, in der sie ihr Leid mit verschiedensten bekannten Melodien klagt. Dies war nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch sehr sehr gut gesungen.

Das Bühnenbild von Gretl Krautzsch wirkt steril und mit beleuchteten weißen Holzrahmen fast unheimlich. Der Verkäufer versucht immer zwanghaft Ordnung in seinen Supermarkt zu bringen, doch die anderen Figuren bringen in Rage des Öfteren alles durcheinander.

Die unterhaltsame und nachdenkliche Inszenierung wird in dieser Saison noch einige Male gezeigt, die Termine und weitere Infomationen sind folgender Adresse zu entnehmen: http://www.kleinestheater-kammerspiele-landshut.de/spielzeit-20122013/premieren/kalender/hysterikon-5.html

Advertisements

Über mako89

Marina Kolmeder studierte von 2009 bis 2014 Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits in ihrer Zeit am Gymnasium Mainburg war sie viele Jahre lang am Schultheater beteiligt und so widmete sie sich auch nach dem Abitur der Welt des Theaters. Sie arbeitete bereits als Regieassistentin und -Hospitantin in verschiedenen Münchner Theatern, etwa bei der Inszenierung von Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin" am Gärtnerplatztheater oder Yael Ronens "Plonter" im theater...und so fort. Ihr Debüt als Regisseurin feierte sie 2012 mit "Tango" von Slawomir Mrozek an der Studiobühne München, 2013 folgte eine historisierende Inszenierung von William Shakespeares "Der Sturm" in München und Osterhofen. Mittlerweile spezialisiert sie sich in Forschung und Praxis auf das bairischsprachige Theater aller Genres und Epochen. Für Theater to Go ist sie seit 2011 tätig, seit 2014 als Leiterin. Zeige alle Beiträge von mako89

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: