TRI, TRA, TRULLALA ist es wahr – Kaspar Hauser ein Superstar?

Das jedenfalls besagt der Titel von Benjamin Zock`s aktuellen Theaterprojekt, das letzte Woche auf der STUDIOBÜHNE zu sehen war. Die Frage nach dem Superstar sei nochmal dahin gestellt. Klar ist eins: Kaspar Hauser Superstar entpuppte sich am vergangenen Mittwoch als knalliges Theater-Bonbon, das das Publikum in seinen Bann zog. Die Kombination aus gruselig anmutender Zirkusästhetik und der immer wieder aufkommenden Frage – Was macht den Menschen eigentlich zum Menschen – besaß einen Geschmack der besonderen Art. Alles schien an diesem Abend besonders – besonders auffallend – wie etwa die musikalische Darbietung der Solo Geigenspielerin (Franziska Zwink) und der sechsköpfige Frauenchor der vor dem Gelb-Weißen Vorhang entzückte. Die Ansiedlung der mystischen Geschichte von Kaspar Hauser im Milieu der fahrenden Zirkusleute tauchte die oft so trist wirkende STUDIOBÜHNE in ein neues, bisher selten dagewesenes Licht. „Hereinspaziert, hereinspaziert“ – so wurde der Zuschauer beim Eintritt in den Zuschauerraum begrüßt. Eine zwielichtige Rummelatmosphäre entstand, die sich zwischen Schein und Sein bewegte, ohne das eine noch das andere zu sein. Dieses Dazwischen – sich zwischen zwei Welten Befinden – ist die Essenz dieser Inszenierung. Auf das Phänomen der Zwischenweltlichkeit macht die mystische, historisch überlieferte Geschichte von Kaspar Hauser aufmerksam. Er tauchte vor mehr als zwei Jahrhunderten in Nürnberg auf und stiftete dort große Unruhe mit seiner bloßen Anwesenheit. Niemand wusste, wo der etwa sechzehnjährige Teenager hergekommen war und wer er war, geschweige dass er es selbst wusste. Die Welt, auf die er stößt, ist ihm vollkommen fremd. Ein Zurück ist unmöglich. Kaspar Hausers Weg aus der „Zwischenwelt“ in die sich ihm darbietende, neue Welt erfasst die Inszenierung. Eine Handlung in einem schillernden Setting entsteht, die bemerkenswerter Weise Eigentexte und Zitate beinhaltet und abgefahren skurrile Figuren hervorbringt.

Julius Dattenberger scheint die Rolle des Kaspar Hauser auf den Leib geschnitten. Die Entwicklung, die er durchlebt wird dem Zuschauer mit jeder Minute deutlicher vor Augen geführt. Jedoch besitzt sein Vormund und Lehrer Herr Feuerbach (Jan Struckmeier) die Macht. Er führt den Jungen in das Sprachsystem ein. Er erklärt ihm weltliche Gegebenheiten und entlarvt damit selbst die Absurdität der vom Menschen gemachten Systeme, die in ihrer Starrheit keinen Raum für Veränderung zulassen. Die Figur des Herrn Feuerbach ist die interessanteste an diesem Abend. Sie kann als Personifikation der Systeme verstanden werden. Als Zuschauer lachen wir über Herrn Feuerbachs strammen, unnatürlichen Gang, und seine festgefahrenen Definitionen. Aber im Grunde sind wir doch Teil dieser Unbeweglichkeit. Natürlich wird in der Inszenierung die scheußliche Systematik auf die Spitze getrieben mit Aussagen wie: „Platonische Liebe, siehe Platon.“ Trotzdem fragt man sich ohne irgendeinen moralischen Zeigefinger im Genick – und darin liegt die Genialität – inwieweit hinterfrage ich die Systeme, in denen ich mich bewege.
Noch viel deutlicher treten das Gute und das Böse (Anna & Maya Fenderl) in personifizierter Gestalt auf. In ihrer wunderbar plakativen Kostümierung und Maskierung in Schwarz-Weiß versuchen sie den Helden in seinem Tun zu beeinflussen.

Das wohl für den Menschen wichtigste Thema – die Liebe – fällt in Kaspar Hauser Superstar nicht unter den Tisch. Theresa-Sophie Weihmayr spielt das Mädchen, in das sich Kasper Hauser verliebt. Sie philosophiert nicht über das Leben, sondern über das Wesen eines Loches. Sie hilft Kaspar Hauser, seine soeben entdeckte Sexualität auszuprobieren. Die alberne Turnszene kommentiert eine ältere Dame neben mir mit den Worten: „Na, jetzt ist es wirkliche Kaschperle Theater!“ Ja, das war es in diesem Moment wirklich und genau darin liegt die Besonderheit des Stückes: Nicht ein Hauch von Langeweile kommt in der ungewöhnlich gut gespielten Mixtur aus skurrilen Klamauk-artigen Momenten und essentiellen inhaltlichen Fragen auf. Kaspar Hauser Superstar kürt nicht nur einen zum Superstar, sondern ein ganzes Ensemble.

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