Von den Beinen zu kurz

Philip Decker inszeniert Katja Brunners dramatisches Debüt über Täter-/Opferschaft bei Kindesmissbrauch

Foto: Astrid Ackermann

Foto: Astrid Ackermann

Den Vorraum der Galerie Kulukcu erfüllen neben den Stimmen der wartenden Premierenbesucher und dem Klirren von Bierflaschen düstere Klänge von Musik, dazu Geflüster, das zwar kaum verständlich ist, jedoch beunruhigend klingt. Das unbehagliche Gefühl bleibt, als die Zuschauer den Bühnenraum betreten, der an ein Klassenzimmer erinnert. Sechs Tische sind in einer Art Kreis angeordnet, das Publikum nimmt rundherum Platz. Über jedem Tisch hängt eine Lampe, von der eine Wasserbombe herabbaumelt. Vielleicht kommt es daher, dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Oder von dem Menschenhaufen in der Mitte des Raumes. Dort liegen die Schauspieler übereinander gestapelt und kaum auseinander zu halten, reglos wie Puppen. Nachdem es ihnen gelungen ist, sich voneinander zu trennen, stellen sie sich im Kreis um das Publikum herum. Zwischen ihnen entwickelt sich ein Gespräch, wobei sich jedoch keine Charaktere ausmachen lassen. Die sechs Schauspieler, vier Frauen und zwei Männer, können verschiedene Perspektiven und Positionen einnehmen. Mal scheinen sie allwissend, wenn sie beispielsweise von der Geburt des Kindes erzählen, die sie sowohl aus dessen als auch aus der Perspektive der Mutter miterlebt zu haben scheinen. Dann wiederum wissen sie überhaupt nichts, sondern spekulieren wild drauf los und widersprechen sich. Das ganze Stück setzt sich im Wesentlichen aus Spekulationen zusammen, einem Versuch, die Gefühle und Geschehnisse in einer Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Tochter, zu rekonstruieren und einzuordnen. Klar wird: Die Familienverhältnisse sind zerrüttet, der Vater missbraucht die Tochter, die ständig kränkelnde Mutter sieht zu und schweigt. Man kennt diese Fälle, zumindest aus den Medien, es steht fest, wer Täter und wer Opfer ist, mit wem man sympathisiert und mit wem nicht. Doch so einfach ist es dann doch nicht.

Bis zuletzt bleibt unentscheidbar, was sich nun wirklich zugetragen hat, wer die Wahrheit sagt und ob überhaupt jemand Schuld trägt. Ist die Tochter wirklich Schuld an dem Blutbad, in dem die Schauspieler sich wälzen? Ist der Vater tot oder ist das ein Wunschtraum? Ist die Mutter in Wirklichkeit die Schutzbedürftige? Trotz des brutalen Inhalts und der Wortgewalt von Katja Brunners Stück hat Philip Deckers Inszenierung, zumindest vordergründig, auch eine sanfte Komponente. Zwischen den Akten (wenn hier von Akten die Rede sein kann) tritt eine Märchenerzählerin im Arztkittel auf, die, teilweise singend, Ausschnitte der Geschichte einer Prinzessin zum Besten gibt. Immer wieder sind an der Wand Szenen aus Disney-Filmen zu sehen. Doch auch in den scheinbar harmlosen Kindergeschichten bahnt sich die Brutalität ihren Weg. Da ist die geschrumpfte Alice, die fast in ihren eigenen Tränen ertrinkt, Bambi, der seine Mutter verloren hat und nun vor seinem übermächtigen Vater steht, und der König im Märchen, der seine Tochter verspeist, weil ihre Wangen ihn plötzlich an Äpfel erinnern.

Die Inszenierung verstört bewusst, sie gibt keine Antworten, sondern hinterlässt den Zuschauer im Gegenteil mit jeder Menge Fragen. Wie sollen, wie können wir mit solchen Familiengeschichten umgehen? Müssen wir die Gemeinplätze verlassen, auf denen wir es uns bequem gemacht haben, und womöglich genauer hinsehen? Wie können wir Menschen und Handlungen einordnen, wenn Gut und Böse nicht zu unterscheiden sind?

Noch dreimal gibt es die Möglichkeit, diesen intensiven und spannenden Theaterabend mitzuerleben: Am 11., 12. und 13. Februar, jeweils um 20 Uhr.

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