Sie tanzen doch so schön – La fille au cheveux blancs: Shanghai Ballett // R. Hu, A. Fu, D. Cheng, Y. Lin

I140319_Ballet de Shanghai_slider_v2ch habe Dienstagabend zum ersten Mal am eigenen Leib gespürt, wie unangenehm politisches Theater sein kann. Ich rede dabei nicht über die von Happening- und Performancekultur beeinflussten Varianten von Rimini Protokoll, Schlingensief, Castorf etc. pp. Oft hinterlassen sie einen schalen Geschmack beim Zuschauer, weil man sich ja doch ertappt fühlt durch das schonungslose Anprangern von sozialen Misständen. Mit schlechtem Gewissen oder wenigstens einem leisen Schaudern verlässt man das Theater.

Nein. Näher kommt dem ganzen eher Piscators politisches Theater, das in der Quintessenz den Kommunismus propagieren sollte. Wer das im Quadrat denkt, eine große Prise Mao darübergibt und dann nochmal umrührt, bekommt La fille au cheveux blancs, zu sehen Dienstag und Mittwoch in Paris. Es ist das zweite Stück des einwöchigen Gastspiels des Shanghai Balletts.

Basierend auf der gleichnamigen Oper war es eines von zwei Balletten, die unter Mao erlaubt waren. Es erzählt die Geschichte eines armen Bauernmädchens, deren Vater, als er seine Abgaben nicht zahlen kann, von den bösartigen Volksfeinden ermordet und sie als Geißel gefangen genommen wird. Natürlich war sie verliebt, er brachte ihr Essen, sie gab ihm eine Sichel dafür (mittlerweile ersetzt durch einen Geldbeutel mit seinen Initialen, das sei unpolitischer). Sie wird von ihren neuen Herren (wahlweise und je nach Gelegenheit konnten das Großgrundbesitzer, die nationalistische Partei während der Machtergreifung Maos, die Japaner, der Okzident, oder einfach irgendjemand sein, der der Partei nicht gefiel) misshandelt, kann aber in die Wildnis fliehen. Dort färbt sich ihr Haar aufgrund des Salzmangels weißblond. Um zu überleben, klaut sie Essen aus einem Tempel, und wird von den dortigen Bewohnern als Fantom gefürchtet. Damit alles im Guten endet, brauchen wir jetzt die kommunistische Partei. Und damit eine Wiedererkennung zwischen dem ehemaligen Liebespaar zustanden kommen kann, brauchen wir den Geliebten als Hauptmann. Hilfreich an der Stelle natürlich der Geldbeutel (Autsch). Zur Wiedererkennung! Alles gut? Nein. Erst müssen wir noch zwei ehemalige Großgrundbesitzer erschießen. Immerhin offstage. Und das wird dann gefeiert.

Ich bin nicht so naiv, dass ich mit etwas China-Kritischem gerechnet hätte. Aber wie kann es sein, dass ein durch und durch propagandistisches Stück über den Sieg des Kommunismus in China – gut? getarnt als Liebesromanze in der Liebesfarbe rot – heutzutage noch nach Paris eingeladen werden kann und überhaupt nicht kritisch beäugt wird? Kaum im Programmheft, eventuell die Erwähnung einer „époque tragique“ in der Vorankündigung. Kein Buh. Kein Pfeifen. Warum auch, sie tanzen doch so schön.
Jeder Riefenstahlfilm kann als Vergleich herangezogen werden. Klar, ganz einmalige Ästhetik, enorm gut komponierte Bilder. Das verhältnismäßig Simple, dem Auge Gefällige. Das mag der Mensch, vor allem die breite Masse. Mein Interesse gilt schon seit längerem der Inszenierung von Masse, und da hatte ich sie nun.

Ich bin sauer auf mich. Ich hab mich ja genausowenig wie die anderen getraut, zu buhen. Ich hatte schon große Schwierigkeiten, mir das Klatschen zu verkneifen. Aber sie waren ja gut! Verflucht gut. Während ich beim Chinesen um die Ecke (welch Ironie!) auf meine Nr. 8 zum mitnehmen warte, beschließe ich, eine Nacht über den Text zu schlafen.

Ich habe seit Monaten anfangen wollen, aus und über Paris zu schreiben. Ich hatte schon mehrere Kurzentwürfe, Anfänge, Ideen, Sentenzen, Zweizeiler… und ich habe so vieles, besonders an Theater gesehen. Überkandideltes, Beeindruckendes, Schönes, Langweiliges, Lustiges, Verspieltes, Düsteres, viel Robert Wilson, viel Tanz. Die Welle an verschiedenen Theater- und Tanzdarbietungen hat mich überrollt, und, entgegen meiner Gewohnheit, verstummen lassen. Warum führe ich mich also jetzt plötzlich so auf wie der Rächer eines Regimes?

Weil der kritische Ansatz fehlt. Ich hab nichts gegen Stücke, die ihren Zeitgeist kundtun. Das muss aber differenzierter betrachtet werden. Und es ist nicht damit getan, die Sichel durch ein Portemonnaie zu ersetzen, lieber künstlerischer Direktor. Im Gegenteil.

Lesetip: Artikel zum Stück auf dem französischsprachigen Blog „Regard sur la Chine

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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