Spielwiese – Les Danseurs ont apprecié la Qualité du Parquet: Maison des Arts de Créteil // Les Chiens de Navarre

Ich habe gestern einmal mehr begriffen, warum Theater begeistern, faszinieren, fesseln, mitreißen, umdrehen, durchschleudern und wegspülen kann. Und das alles mit Humor. Es hat zwar Vorteile, aber eben nicht nur, wenn man sich hauptsächlich nach Vorschlägen von Dozenten richtet in seiner Abendgestaltung. An dieser Stelle ein großes Lob an das Festival „Exit“, das mir von meinem Freund und Bühnentechniker Luca empfohlen wurde.

Foto von celinef.com

Foto von celinef.com

In dessen Rahmen habe ich gestern eine Pina-Bausch-würdige Farce auf sowie Liebeserklärung an den Tanz gesehen, „Les Danseurs ont appprecié la Qualité du Parquet“, von dem Künstlerkollektiv Chiens de Navarre. Dieses „Parkett“, dieser Tanzboden empfing die vorderen Reihen, die über die Bühne den Saal betraten, als allererstes: bei rotgoldenen Sonnenuntergangslichtstimmung tanzten die Darsteller ausgelassen zu schwungvoller Salsamusik auf dem mulchartigen Erdboden, der sich über die gesamte Größe der Bühne erstreckte, mit den Zuschauern um die Wette. Das heißt mit denen, die wollten. Was wundervoll und unfreiwillig komische Situationen ergab. Schon bereute ich, nicht noch früher gekommen zu sein, diesem Spektakel hätte ich stundenlang zuschauen mögen, fürs mitmachen war ich schon zu spät dran (und leider sehr weit hinten platziert). Und damit ging der Rausch und Strudel an Eindrücken erst los. Ein Klavierschwein, das vorgibt, virtuos das Playback aus dem kaputten Klavier herauszuzaubern. Dazu eine Tänzerin, die sich durch ihre rhythmisch gesetzten Bewegungen über die Musik mokiert, ein Spagat aufwärts an einer Leiter beendet die komödiantische Einlage. Ein Stepptanz. Zwei nackte Männer überqueren den hinteren Teil der Bühne zu quälend krawalliger Musik, die auf deutsch fragt „Sind die Vulkane noch tätig?“. Eine Parodie auf Schwanensee, eine Bollywood (oder doch zumindest orientalische) Tanzeinlage. Wumm. Was für ein Durcheinander! Alle tragen sie Masken und/oder Perücken, bewegen sich zwischen einer Tim-Burton-artig grotesken Zappelästhetik und klassisch-codierten Tanzformen und das zumeist zu klassischer Musik. Dabei eine sehr an den Kabarett-Aufbau erinnernde Nummernshow, eine Art Revue. Keinerlei Anspruch auf Logik oder einen roten Faden. Den schreiende Höhepunkt, wo drei Autos, ein Motorrad, der Wiener Walzer sowie der Radetzkymarsch und Bierdosenschießen eine entscheidende Rolle spielen (und in grotesker Weise an das alljährliche Ballett des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker erinnern), will ich gar nicht näher erläutern. Zu komisch, schräg, verballhornt. Extase in jeder Hinsicht, als zum abschließenden Bolero Bauschs Frühlingsopfer (Armbewegungen der Frauen und Einbezug des erdigen Bodenbelages) zitiert wird. Wo war ich? Der rote Faden, richtig. Ich glaube, ich habe ihn die ganze Zeit gesehen aber nicht als solchen wahrgenommen. Es ist die unbändige, logisch nicht erklärbare und wogende Lust an der Bewegung. Ich habe schon lange keine Darsteller mehr gesehen, die solchen Spaß auf der Bühne hatten. Hier hat sich keiner ernst genommen, es regnet Glitzer, eine Massenorgie mit Rasensprenkler, die Stepptänzerin verfehlt die designierte Fläche und wird unhörbar, der Prinz wirkt wie ein tollpatschiger Geier mit seinen ulkigen (Helge Schneiders Meisenmann würdigen) Grand jetés. Und bei all dem ein solcher, ja, dyonischer Rausch, eine Woge des Tanzes, die ihresgleichen sucht. Noch heute, 05. April, im Maison des Arts de Créteil zu bestaunen, neben der interessantesten und verrücktesten interaktiven Ausstellung, die ich vermutlich je gesehen habe. Weil Frühling ist. Weil es Spaß macht und den Weg wert ist. Diese Spielwiese ist nur für uns, für langgezogene Kinder, die nicht verlernt haben, wie es sich anfühlt, zu spielen um des Spielens willen.

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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