Psychokrieg im bäuerlichen Milieu – Tolstojs „Die Macht der Finsternis“ in München

theater…und so fort

Düstere Abende im theater…und so fort: Diesen Monat feierte Lew Tolstojs naturalistisches Drama unter der Regie des Schauspielers Konrad Adams Premiere. In den fünf Akten des Stücks wird ein meist trostloses Bild des bäuerlichen Russlands gezeichnet: Der Bauer Pëtr quält sich mit einer schweren Krankheit herum, tyrannisiert jedoch trotzdem seine Frau Anisja und seine Töchter aus zwei Ehen. In ihrer Verzweiflung flüchtet sich die Bäuerin in eine Affäre mit dem Knecht Nikita, der jedoch mit seiner ehemaligen Geliebten Marinka verheiratet werden soll. Nikitas Mutter Matrjona kann nicht nur diese Ehe verhindern, sondern hilft Anisja auch noch, ihren Mann zu vergiften. Nach Pëtrs qualvollen Ableben heiratet Anisja den Knecht, doch Nikita verprasst das Geld seiner neuen Ehefrau, beginnt eine Liebelei mit seiner Stieftochter Akulina und wird zu einem noch schlimmeren Scheusal, als Pëtr es war. Sein Vater Akim und der gutmütige, neue Knecht Mitrič versuchen vergeblich, den Frieden im Haus wieder herzustellen, stoßen jedoch auf taube Ohren. Als Nikita schließlich aus Versehen Akulina schwängert, gewinnen Anisja und Matrjona wieder die Oberhand.

Leichte Kost sind das Stück und die Inszenierung definitiv nicht. Im düsteren, trostlosen Bühnenbild Heinz Konrad agiert eine

Heiko Dietz, Ute Pauer

Heiko Dietz, Ute Pauer

Gruppe von hochkarätigen Schauspielern. Die beiden Hauptdarsteller Ute Pauer als Anisja und Heiko Dietz als Nikita etwa können in jeder Sekunde die Spannung aufrecht erhalten. Sie wandeln sich vom geheimen Liebespaar zu zwei egoistischen Einzelgängern, die um die Dominanz in der Beziehung kämpfen. Anisja zeigt immer nur ihre zerbrechliche Seite, wenn ihre Kontrahenten nicht zugegen sind. Sie leidet unter ihren Männern, ist jedoch eiskalt wenn sie ihrem sterbenden Ehemann das Geld stiehlt oder Nikita zwingt, sein neugeborenes Kind zu töten. Nikita spielt zwar den großen Weiberhelden, ist jedoch immer schnell und auch in Gegenwart anderer emotional völlig überfordert.

Susanna Hasenbach stellt die Rolle der kindlichen Anjutka nicht nur durch ihre Statur, sondern auch durch ihr naives Spiel sehr überzeugend dar – ihr gegenüber steht Noelle Cartier van Dissel als Anjutkas Halbschwester Akulina. Anfangs wird diese von ihrer Stiefmutter schikaniert, später von Nikita ausgenutzt und letztendlich gegen ihren Willen verheiratet. Ihre Darstellerin zeigt eine burschikose und doch naive junge Frau, die nicht merkt, dass sie letztendlich nur als Spielball für die anderen dient. Einen kurzen und doch beeindruckenden Auftritt hat Uwe Kosubek als kranker Bauer Pëtr, der die Bühne zu Beginn bereits hustend, keuchend und mit vollgepinkelten Hosen betritt. Die Figur täte einem Leid, wenn er nicht gleichzeitig ein solches Scheusal wäre. Als er sein Ende kommen sieht, gibt es jedoch einen wundervollen versöhnlichen Moment mit der jüngeren Tochter Anjutka, die ihrem sterbenden Vater einen Kuss auf die Wange gibt.

Solche kleinen Gesten der Menschlichkeit blitzen immer wieder in Konrad Adams‘ Inszenierung auf und helfen dem Zuschauer sehr durch dieses düstere Psycho-Drama. So freundet sich der gutmütige Mitrič (gespielt von Wolfgang Haas), der ebenfalls sehr unter dem Kleinkrieg und seinem Alkoholentzug zu leiden scheint, mit Anjutka an. Ein weiterer Sympathieträger der Inszenierung ist Winfried Hübner als gläubiger Akim. Dieser will einfach nicht verstehen, wie schlecht und rücksichtslos Menschen und allen voran sein Sohn Nikita handeln können. Er versucht vergeblich, die – in dieser Inszenierung mehr als hitzigen – Gemüter zu beruhigen, hat jedoch am Ende selbst einen schrecklichen Wutausbruch, als sein gutes Zureden nicht fruchtet.

Heiko Dietz, Winfried Hübner

Heiko Dietz, Winfried Hübner

Als Zuschauer wird man jedenfalls mitgerissen von den starken und ungeschönten Emotionen, die einem von Adams und seinem Ensemble regelrecht entgegen geschleudert werden. Zwar gibt es sehr vereinzelt winzige humoristische Kommentare oder Situationen, ein Großteil der Lacher sind dann aber wohl eher Ausdruck einer inneren Anspannung, die sich von der Bühne in den Zuschauerraum ausbreitet. Der Regisseur hat die naturalistischen Wurzeln des Stückes auf jeden Fall im Spiel sehr ernst genommen. Zeitlich ist es jedoch eher in moderneren Zeiten angelegt, im Hintergrund hört man Traktoren und Autos und auch die Kleidung scheint nicht aus dem Ende des 19. Jahrhunderts zu stammen.

Das Bühnenbild Heinz Konrads und die Kostüme von Andreas Haun sind ebenfalls naturalistisch angehaucht, haben jedoch auch abstrakte Elemente. So trägt Nikita zum Beispiel zur Hochzeit seiner Schwiegertochter nur ein Hemd zur verdreckten Arbeitshose. Auch die schöne Fassade der Figuren kann also nicht immer über das problematische Innere hinwegtäuschen.
Ein sehr mitreißender Theaterabend für Fans anspruchsvoller Dramatik und wirklich großartiger Schauspieler. Das Stück wird noch bis 17. Mai mehrmals die Woche gezeigt. Karten und Infos gibt es unter der folgenden Adresse.
http://www.undsofort.de/stueck/die-macht-der-finsternis,491

 

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Über mako89

Marina Kolmeder studierte von 2009 bis 2014 Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits in ihrer Zeit am Gymnasium Mainburg war sie viele Jahre lang am Schultheater beteiligt und so widmete sie sich auch nach dem Abitur der Welt des Theaters. Sie arbeitete bereits als Regieassistentin und -Hospitantin in verschiedenen Münchner Theatern, etwa bei der Inszenierung von Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin" am Gärtnerplatztheater oder Yael Ronens "Plonter" im theater...und so fort. Ihr Debüt als Regisseurin feierte sie 2012 mit "Tango" von Slawomir Mrozek an der Studiobühne München, 2013 folgte eine historisierende Inszenierung von William Shakespeares "Der Sturm" in München und Osterhofen. Mittlerweile spezialisiert sie sich in Forschung und Praxis auf das bairischsprachige Theater aller Genres und Epochen. Für Theater to Go ist sie seit 2011 tätig, seit 2014 als Leiterin. Zeige alle Beiträge von mako89

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