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Nutrition professional and water expert.

Spiel mit dem Körperlosem

Roland Walter war Veranstalter des Abends, der Raum brummend voll. Auf seiner „Künstlerrampe“ ließ er den Moderator und Mitbegründer der Initiative „Sexybilities“, Matthias Vernaldi, die junge Schauspielerin Marie Golücke ankündigen. „Marie ist extrem professionell, hat eine hohe Ausdruckskraft und kann mehrere Körper sichtbar machen.“ Zunächst einmal erinnerte mich AT LEAST NOT VISIBLE IF DISABLED PEOPLE FEEL an „Paradies : Glaube“ von Ulrich Seidel, oder die Performance „Liquid Skin“ von James Cunningham aus Australien.

Man hat Roland und Marie schon mal zusammen an einem Abend gesehen, jedoch als Performer zweier verschiedener Stücke, und zwar in München, am 15.02.2014 im Haus der kleinen Künste zum Performance-Abend „Körper und Ich„. LOVE EAT PUKE hatte Marie Golücke, mit Andreas Neu zusammen konzipiert, gezeigt. Roland Walter tanzte dort seine beiden, mit Yuko Caseki choreografierten Performances „Vogelflug“ und „Liberation of the powers in the body“. Nun waren Marie und Roland zusammen mit AT LEAST NOT VISIBLE auf der Bühne – eine wertvolle Kombination.

Da hopste sie aus dem Dunkeln hervor, in einem kurzen schwarzen Kleidchen. Ein körperlich behinderter Mann lag auf dem Boden. In diesem Moment erinnerte ich mich an all die Performer und Tänzer, die genau das versuchten, darzustellen – die verlorene Kontrolle um den Körper mit verzerrten Bewegungen, Zuckungen. Und hier war jemand, der das gar nicht darstellte. Roland Walter ist seit 2010 als Choreograf, Tänzer und Performer tätig. Ich sah Marie Golückes große Offenheit, sich auf ein solch sensibles Thema mit einer Natürlichkeit einzulassen, die einen Erlaubnisraum kreierte, als Zuschauer selbst diese Natürlichkeit mit dem Thema Sexualität und Behinderung zu erfahren.

Marie Golücke // Ackerstadtpalast

Roland’s Künstlerrampe, Montag, 24.02.2014

Eine undeutliche Stimme ertönte über die Lautsprecher. Ich nahm den Versuch wahr, einzelne Worte zu verstehen und mich zu ärgern, dass ich nichts verstehen konnte, doch ich entspannte mich. Das Wort „Mitleid“ kam ganz klar heraus. Von der weiblichen, klaren Stimme blieb mir „zumindest nicht sichtbar“ in Erinnerung. Die Frau teilte den Raum sehr respektvoll mit dem Mann, der, gekleidet in schwarzer Jogginghose und T-Shirt, auf dem Boden umher rollte. Ich fragte mich, wie sie wohl die Choreografie zusammen eingeübt hatten und konnte gar nicht glauben, wie das möglich gewesen war. Überrascht ließ ich eine Intimität auf mich wirken, die so ungewohnt und teilweise verstörend auf mich einwirkte und doch zärtlich, liebevoll und respektvoll war. In einigen Momenten kam der Kampf um die Sexualität zu tragen, die Wut über vermeintliche Behinderung und der Tanz herum um die Ausweglosigkeit.

Das Publikum bestand zum größten Teil aus Frauen, vielen jungen Mädchen. Als wir in der zweiten Hälfte der Performance als Zuschauer alle auf die Bühne gebeten wurden, um einen Ring um das Paar zu bilden, hatte ich ich den Eindruck, dass es uns gut tat, Sexualität, Nacktheit und Intimität ohne Wertung zu sehen. Marie und Roland hatten da etwas Unglaubliches gezeigt. All die Schablonen, wie wir sexuelle Interaktion, Beziehung und Werte betrachteten, fielen weg und waren schlichtweg ungültig, falsch, in diesem Moment. Was für eine Erleichterung und Befreiung.

„Ich bin auch da, wo ihr seid,“ sprach Roland’s undeutliche Stimme, und Marie sprach sie nach, wieder als Tonbandaufnahme. Sie zog seinen Körper über die Bühne und legte sich zu ihm, zog ihn aus, streifte sich seine Klamotten über, nachdem sie sich selbst bis auf die Unterwäsche ausgezogen hatte. Welche Frau würde sich schon die Klamotten eines behinderten Mannes anziehen? Eine sinnbildliche Frage, ob den Behinderung etwas Schmutziges sei, wäre unbeantwortet im Raum gestanden, löste sie sich nicht im Angesicht des Geschehens völlig in Luft auf.

Die körperliche Nähe, welche hier gezeigt wurde, wirkte in gleichem Maße irritierend und anziehend für mich, wie alltägliche Werbung mit explizitem sexuellen Kontext. Ist unser Verhältnis zu Sexualität nicht grundsätzlich behindert? Diese Art Szene als pervers und geschmacklos zu betrachten sind wir jedenfalls gewohnt. Es ist ein Tabu. Doch hier war kein Wort davon zu hören, nur das zu sehen, was ist, zu hören, wie es empfunden wurde.

Und es war wunderbar. All meine eigenen sexuellen Gefühle und Gedanken kamen hoch – Scham, Ekel, Erregung. Ein Vater hielt seine junge Tochter in den Armen, voller Erschaudern, das mit ihr zusammen zu sehen, doch sie hatten keine Wahl. Und ich glaube, es tat den beiden gut, hier nicht weg zu schauen. Auf die Bewertungsmaschinerie, welche wir antrainiert haben, konnten wir uns hier einlassen, oder eben nicht. Diese Wahl stand uns frei und eröffnete und uns die seltene Möglichkeit, uns unserer eigenen, persönlichen Behinderung mit Sexualität – allen Ängsten, Unzulänglichkeiten, unerfüllten Erwartungen und Begierden – zu stellen.

Marie Golücke und Andreas Neu gehen als Nächstes mit EAT LOVE PUKE auf Tour – zu sehen in der GalerieOutOfMyMind in Bremen am 22./23.03.2014. Zur nächsten „Künstlerrampe“ am 24.03.2014 sehen wir sie mit dem selben Stück wieder im Ackerstadtpalast und auch dort dann Roland Walter, dieses Mal mit Sonja Heller in SPEKTRUM.

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Tanzende Tiere im Techno-Stall :: * Eine Schreiberfahrung im Dunkeln des Populierens *

Charles Darwin hatte gesprochen: „Alles ist Eins.“ Die junge Dame, neben der ich mich wieder fand – nachdem der zweihundert Jahre alte Gelehrte die Galapagos-Schildkröte besamt hatte – starrte meine Aufzeichnungen an, genauer gesagt das Mandala, welches ich aus Langeweile ganz absichtlich inmitten des Textes positioniert hatte. Macht ihr auch manchmal Telefonzeichnungen? Was ist bitteschön der evolutionäre Sinn dieser Tätigkeit (1)? Auf jeden Fall sagte ich zu ihr: „Das ist Selektion!“. Wir standen beide kurz irritiert da und ließen das Fremdeln auf uns Wirken. Ist die Diskothek nicht daher spannend, dass wir uns körperlich, so verletzlich und sensibel wir sind, direkt auf Augenhöhe gegenüber stehen und simultan mit aller Beklemmung, auch nüchtern und unbekannt, Konformität genießen?

WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET

WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET

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WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET

* http://whatyousee.eu/?event=prolog-nichts-ist-bestandiger-als-der-wandel

Ich stellte mich ihr vor, Ohr an Ohr. „Also nicht Charles, oder Felix?“ fragte sie herausfordernd und mutig – „Diesmal nicht!“, entgegnete ich. Die Stille in diesem Moment war wunderbar. So etwas hatte ich schon lange nicht erlebt. Wenn es so etwas wie Stille überhaupt im Club gab. Ich denke, es gibt sie zwischen Menschen, die nichts von einander wissen und sich gerade erst kennen lernen. So, wie jeden Tag eigentlich, auf der Straße, in der Stadt. So, wie im echten Theater. *

Wir können uns im Laufe des Jahres 2013 auf sechs weitere Teile der Reihe freuen, stay up to date & follow on Facebook here! * ° *

Bis zum nächsten Mal!

° ~ °

Anmerkungen:

1.  „Wenn die Energie des Menschen irgendwo unterdrückt oder unterfordert wird, sucht sie sich Nischen, um sich zu verwirklichen. Diese menschliche Energie ist für mich in dem Sinne, wie ich sie dargestellt habe, nur kreativ – ob im Produktiven oder Destruktiven, bleibt Ansichtssache.“ -> Vollständige Ausführung


„Das tanzende Tagebuch“ °~ ° DIE STIMME VON ANNE FRANK,, Spitfire Company // i-camp

M: We need to have pauses and time to feel – I like actually the moment of silence the most. I feel that kind of connection in these moments. In silence we can really feel that something is being shared.

D: Was bewegt dich am Leben der Anne Frank?

M: Nun, wir hatten die Pflicht, als Schulkinder dieses Buch zu lesen. So kennen wir ihre Geschichte, sogar sehr gut. Doch, wenn wir älter werden und fähig sind, aus einer Reife heraus es als Tagebuch eines 14-jährigen Mädchens in der Pubertät zu betrachten und es im Kontext dessen zu betrachten, was in der Zeit außenherum passierte, so ist die Wirkkraft nochmals stärker.

Als ich also älter war und es wieder und wieder las – tatsächlich vor unserer Entscheidung, diese Aufführung zu machen – fühlte ich, dass ich es zum Thema einer Darbietung machen wollte. Es sprach mich persönlich an. Petr und ich, beide Regisseure dieses Stücks, hatten entschlossen, ein Solostück zu machen, das sehr persönlich für mich ist – Theater muss für mich immer persönlich sein. Es muss etwas geben, dass ich mit dem Publikum teilen kann.

D: Es ist sehr intim.

M: Sehr intim, genau. Es ist eine Geschichte, die uns immer und immer wieder erzählt werden muss. Sie ist wunderschön und handelt im Allgemeinen von Menschlichkeit. Besonders die subtilen Alltagserfahrungen dieses 14-jährigen pubertierenden Mädchens mochte ich sehr.

D: Das ist doch das Eigentliche, was uns interessiert. Gingen die Holländer nach der deutschen Invasion am nächsten Tag ganz normal wieder in die Arbeit? Wie hat es jeder persönlich empfunden?

Als ich ein Interview mit einem jüdischem Magazin in Washington machte, fragten sie mich nach dem Vergleich eines US-Stücks zu Anne Frank, dass die Geschichte aus einem sehr objektiven Standpunkt aus zu erzählen versucht, mit meiner Arbeit. Ich versuche jedoch, das völlige Gegenteil zu machen. Ich versuche nicht, die Geschichte zu objektivieren. Ich erzähle die Geschichte aus einem sehr subjektiven Blickwinkel. Aus Annes Blickwinkel. Sie ist sehr subjektiv. In einigen Dingen tut sie nicht recht, wie sie zum Beispiel ihre Mutter beurteilt und wie sie die Situation sieht. Doch ich wollte wirklich von ihr sprechen, statt ein perfektionistisches, geschichtlich korrektes Stück zu machen. Ich orientiere mich also am Tagebuch selbst und verwende auch, was zwischen den Zeilen steht.

D: Wir sprachen über die Einzigartigkeit der Verschmelzung von Tanz und Sprache. Als wärest du ein tanzender Text oder ein textueller Körper. Könnte der Tanz auch ohne Sprache auskommen?

M: Sicher. Es wäre womöglich abstrakter, schwieriger für ein Publikum, der Geschichte zu folgen. Doch sie könnten sich auch so identifizieren. In diesem Fall würde ich die Körperlichkeit völlig anders in Richtung Tanz ändern. Doch dies hier ist mehr am Rande vom Körpertheater, Theater und Tanz. Diese Dinge verschmelzen vielmehr. Ich habe mich entschieden, dem Text zu folgen. Der Großteil kommt aus dem Tagebuch, einen Teil haben wir selbst geschrieben. Manche Momente sind improvisiert. Es sind also wirklich alle drei Ebenen des Texteinsatzes vorhanden.

D: Ich möchte dir noch eine Frage stellen. Es geht mir um den Sound. Insbesondere um das Instrument, das Cello, das in der Mitte der Bühne steht wie der eigentliche Hauptdarsteller. Denn du bist oft am Rande der Bühne, als wärest du nicht so wichtig wie das Cello selbst.

M: Kennst du das Tagebuch, wenigstens ein bisschen?

D: Nein, tatsächlich kenne ich es gar nicht, und das ist sehr interessant für mich, aus diesem Blickwinkel über dein Stück zu schreiben.

M: Anne schreibt Briefe. Für sie persönlich ist es kein Tagebuch an sich. Es sind alles Briefe an ihre imaginäre Freundin Kitty. Sie war so einsam, also erfand sie jemanden. Alles, was sie schrieb, ist an Kitty gerichtet. Unsere Cellistin repräsentiert sie. Kitty existiert nicht in der Wirklichkeit.

D: Das Cello taucht ab in der Dunkelheit, es schwebt im Raum über der Bühne, nur ein gelbes Seitenlicht zeichnet Konturen.

M: Der Dialog passiert über die Musik. Kitty antwortet, aber nur über die Musik.

D: Ihr schreit zusammen, ihr sing zusammen.

M: Sie spiegelt meine Emotionen. Der Grund, warum Anne ein Tagebuch schrieb, war, um ihre Emotionen an jemanden zu richten. All die Körperbewegung in dem Tanzstück drückt dies aus. Ich fühle mich wie ein Zwitschervogel, nachdem jemand meine Flügel brach, der in völliger Dunkelheit gegen die Gitterstäbe stößt. Anne fühlte sich wie ein Vogel in einem Käfig. Sie träumen von jemandem, der ihre Liebe erwiedert.

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D: Dieser Moment war sehr gewalttätig. Als Anne gegen die Wand schlug.

M: Diese Szene heißt „Bomben“. Als sie die Explosionen der Bomardements von draußen hörten, hatte sie solche Angst, dass sie sprang und ihren Körper gegen die Teppenstufen schlug. Um die Bomben nicht zu hören. Das war also ihre selbstverletzende Reaktion.

D: Ja, das habe ich auch gefühlt. Ich danke dir. Das war eine wunderschöne Aufführung. Die Momente waren sehr nah. Du warst dem Publikum sehr verbunden. *

Ein Interview mit Miřenka Čechová und Dominik Tresowski


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