Die Schule des Gruselns – Fear no fear // werkmünchen, Regie: Philip Decker

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Nein, dieser Weg wird wirklich kein leichter sein. Das ahne ich schon, als ich mich vom Ostbahnhof über das vereiste Gelände der Kultfabrik auf die Reise mache zum werkmünchen. Angekommen – überraschenderweise ohne Sturz – bin ich froh, im Warmen zu sein und will nur noch eines: mich hinsetzen und berieseln lassen. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass es an diesem Theaterabend ganz anders kommen soll…

Doch dazu später mehr. Zunächst geht meine Rechnung auf. Auf der Bühne sind zwei Reihen mit Stühlen aufgebaut, auf denen auch schon ein paar der Schauspieler Platz genommen haben. Die Black Submarines, die den Abend musikalisch begleiten, fangen an zu spielen – „Fear no fear“ heißt der Song, ich mag ihn auf Anhieb – und nach und nach kommen auch die restlichen Darsteller auf die Bühne. Es entsteht eine Szene, die mich ein wenig an „Alice“ erinnert, denn so komme ich mir vor. Die wundersamsten Gestalten sind da vor mir versammelt: eine Frau in einer Art Yeti-Kostüm, eine Puppenmama, eine Putzfrau, eine Prinzessin…Ja, es gibt auf jeden Fall was zu sehen. Zu hören bekommen die Zuschauer das Märchen „Von einem der auszog, das Fürchten zu lehren“, erzählt von den Darstellern, die abwechselnd jeweils die Rolle einer der Märchenfiguren einnehmen, sich mal auf die Stühle stellen, die unmöglichsten Verrenkungen machen, dazwischenrufen – schnell verliere ich da den Überblick. Jeder, der schon einmal selbst inszeniert hat, weiß, wie schwer solche Szenen zu timen sind und umso gelungener finde ich, was hier passiert, weil die Darsteller – und das sind nicht wenige – durch die Bank weg ihr rasantes Tempo halten! Ich bin nun aufgewärmt, das Märchen erzählt und wenn sie nicht gestorben sind…

Nööö, jetzt geht es über die Eiswüste – wunderbar musikalisch begleitet von den Black Submarines – ins Nebengebäude, die Treppe hoch und in einen Flur. bis ich oben angekommen bin, haben sich die Darsteller hier schon positioniert und Aufgabe der Zuschauer ist es, durch dieses Gruselkabinett zum Ende des Flures zu wandern. Grade bin ich an an einer Frau, die mir ihr Messer ins Gesicht hält, vorbeigekommen, da werde ich zusammen mit anderen in ein Zimmer gezogen, wo wir Yoga-Figuren nachstellen sollen, während uns unsere „Lehrerin“ von der Ungerechtigkeit auf der Welt erzählt. Kaum ist die Yogastunde zu Ende nehme ich in einem anderen Zimmer zu einer Art Gruppentherapiestunde Platz, in der wir erzählt bekommen, wie wir unser Leben „anders“ leben sollen…Die Darsteller geben hier wirklich alles, der Bezug zum Fürchten bzw. Gruseln, das ja Thema des Abends sein soll, geht mir jedoch in diesem Teil ein wenig verloren, da zwar ein paar der Gestalten im „Gruselkabinett“ wirklich hier hingehören, einige aber eben auch nicht. Trotzdem habe ich viel Spaß, eben weil die Darsteller auch sichtlich Spaß an ihren kleinen Performances haben und das reißt – Gruseln hin oder her – mit, ob man will oder nicht. 

Danach geht es wieder durch die Eiswüste ins Nebengebäude und die Zuschauer werden Teil eines Leichenschmauses, der abermals musikalisch begleitet wird und zudem durch fragmentarische Kommentare der Darsteller. Auch diese Zeremonie gut inszeniert und im richtigen Tempo. Noch schnell das Schnapsglas mit Wodka vor mir auf dem Tisch gekippt und fertig.

Ich habe mich an diesem Abend wirklich bestens unterhalten gefühlt, gegruselt habe ich mich zwar nicht immer und bei manchen Figuren hat mir auch der Bezug zum Thema gefehlt, aber das macht nichts, weil ich wirklich Spaß hatte und es die Darsteller geschafft haben, ihre Energie auf die Zuschauer zu übertragen. Auch ein Lob an Philip Decker, der das Ganze mit viel Tempo und vor allem im richtigen Tempo inszeniert hat, das auch durchgängig gehalten wurde.

Fazit: Lernt das Gruseln! Vorstellungen gibt es im werkmuenchen noch am 10./11./12. und 18. Januar!

Total – Beschleunigung der Wirklichkeit // Theaterinstallation im I-Camp (Bülent Kullukcu, Anton Kaun, Dominik Obalski)

Tja, dieser Theaterabend könnte viele Titel haben: Die Beschleunigung der Wirklichkeit, die Geister die ich rief, oder auch Kannibalenparade. Eines ist die Theaterinstallations-Trilogie „Total“, die Bülent Kullukcu, Anton Kaun und Dominik Obalski da im I-Camp geschaffen haben, in jedem Fall: Monströs!

Da sitzt man im Foyer und ahnt nichts Böses bis…ja bis ein Gesicht an die Wand projiziert wird. Es katapultiert uns in das Leben in einer für uns nicht mehr allzu fernen Zukunft – man schreibt in etwa das Jahr 2032. Computer gibt es nicht mehr, dafür Chips in unseren Köpfen, auf denen alle für uns relevante Information gespeichert ist. Auch Schulen mit Präsenzunterricht sind nicht mehr notwendig, denn der Lehrstoff wird einfach virtuell ausgewählt und einfach im Gehirn abgespeichert. Dann verschwindet das Gesicht, die Türen zum Saal öffnen sich.

Drinnen stehen auf der Bühne drei große Leinwände, in der Mitte befinden sich Holztische, auf denen Miniaturlandschaften aufgebaut sind, die der Landschaft einer Modelleisenbahn entsprungen scheinen. Der Einmarsch der Zuschauer wird begleitet von lauter Instrumentalmusik. Bülent Kullukcu, Anton Kaun und Dominik Obalski beginnen, mit ihrem Modell dieser Miniaturwelt zu spielen. Was in Wirklichkeit nur winzige Plastikfiguren sind, wird – gefilmt von einer Kamera und projiziert auf die Leinwände – riesig groß. Es ist die Geburt eines Monsters. Eines, das wir durch unsere moderne Zivilisation selbst erschaffen haben: Krieg, Zerstörung der Umwelt, Krieg, Inflation, gegenseitige Zerfleischung und immer wieder Krieg. Untermalt wird dieses Horrorszenario mal von – man kann es nicht anders sagen – Lärm, dann wieder von Klaviermusik und Texten verschiedener Autoren, die aber maschinell verzerrt klingen. Der ganze Schmerz der Menschheit und der Welt wie wir sie kennen wird körperlich erfahrbar. Unterbrochen nur von dem Gesicht, das immer wieder auftaucht und die Zeitreise begleitet. Von der Wirklichkeit, dem Hier und Jetzt scheinen wir uns immer weiter und in atemberaubender Geschwindigkeit zu entfernen.

Nach anderthalb Stunden haben wir es geschafft und sind angekommen im Jahr 2102. Die Welt gibt es nicht mehr, auch der Mensch aus Haut und Knochen ist überflüssig geworden. Abgeschafft hat er sich letztlich selbst, ersetzt wurde er durch Maschinen, die nun nicht nur menschliche Rechte einfordern, sondern auch sämtliche Prozesse der menschlichen Biologie überwunden haben.

Ich bin, das muss ich ehrlich sagen, ziemlich atemlos als ich wieder im Jahr 2012 ankomme und habe angesichts der Flut an Bildern, Klängen und Texten einiges zu verdauen. Das, was ich gesehen habe, waren zwar nur Spielfiguren in einer Modellwelt und nichts als Hypothesen, aber durch den Einsatz sämtlicher Mittel der theatralen Trickkiste sind sie für kurze Zeit zur Wirklichkeit geworden. Und so konsequent durchdacht wie die drei Regisseure das tun, gestaltet sich diese neue Wirklichkeit zu einem Kabinett der Monströsitäten. Erschreckend, aber nicht um des Erschreckens willen, sondern dabei doch immer wunderbar ästhetisch. In der Summe ergibt das einen wirklich gelungenen, lohnenswerten Abend!

Wo ist meine Stimme?//Szenische Lesung von Ana Zirner im I-Camp

Bild: Ana Zirner

Der Arabische Frühling – wir alle erinnern uns an die Flut der Nachrichtenbilder, die uns erreichten: junge Menschen, die auf der Straße kämpfen, Gewalt und Wut gegen totalitäre Regime. Trotz aller Plastizität, die diesen Bildern durch die Medien verliehen wird, ist der Arabische Frühling für uns nicht mehr als ein abtrakter Begriff. Regisseurin Ana Zirner reiste im Jahr 2011 in den Iran, um dem ein Gesicht zu geben. Sie interviewte in Teheran und Isfahan Geschwisterpaare, die ihr ihre ganz persönliche Geschichte erzählten. Das Ergebnis ist die szenische Lesung „Wo ist meine Stimme?“ die von 5. bis 7. November im I-Camp gastierte untermalt von musikalischen Improvisationen des iranischen Komponisten Amir Nasr.

Die Schaupieler Paula Binder und Benedikt Blaskovic betreten die Bühne, begrüßen ihr Publikum und setzen sich an den Tisch auf der Mitte der Bühne. Abwechelnd nehmen sie während der Lesung die Rolle des Bruders bzw. der Schwester ein. Das Geschwisterpaar, um das es in „Wo ist meine Stimme?“ geht, wächst im Iran auf, Bruder und Schwester sind Jugendliche wie du und ich. Leben können sie ihre Jugend jedoch nicht. Besonders die Schwester droht an den Einschränkungen, denen sie durch das Regime unterworfen ist, zu zerbrechen. Zu knappe Kleidung, Rauchen oder Diskobesuche – es braucht nicht viel, um von der Polizei aufgegriffen zu werden. Für beide Geschwister ist deshalb der Weg der Konfrontation mit den Unterdrückern die einzig exitierende Möglichkeit. „Wo ist meine Stimme“ bleibt dabei nicht nur eine rhetorische Frage, sondern wird zur Anklage, als die Spirale der Gewalt sich zuspitzt…

Nach eigenen Angaben von Ana Zirner wurden die Interviews, auf denen die Lesung basiert, nicht weiter bearbeitet. Das ist gut so, denn die Texte gehen in die Tiefe und schaffen es, mich als Zuschauer zu berühren. Vermisst habe ich trotzdem etwas an Einfühlungsvermögen seitens der Schauspieler in ihre Figuren. Teilweise lesen Paula Binder und Benedikt Blaskovic im immer gleich bleibenden Ton, der für mich nicht mit dem Inhalt des Textes zusammenpasst, der doch eigentlich mit Emotionen aufgeladen ist. Trotzdem wird das Anliegen des Projektes von Ana Zirner transportiert und ich sehe die Geschehnisse des Arabischen Frühlings in einem anderen Licht. Der Begriff bleibt nicht länger abstrakt, sondern verbindet sich mit Einzelschicksalen und bekommt auch für mich als Deutsche ein Gesicht, eine Bedeutung und mir wird klar, dass auch ich etwas damit zu tun habe. Dafür ein großes Dankeschön. 

„Wo ist meine Stimme?“ ist übrigens Teil der Reihe „Courage Loading“ im I-Camp, die sich mit globalen Geschehnisse aus der ganz persönlichen Sicht der Macher auseinandersetzt.

König Roland // Body in motion – Roland Walter im Haus der kleinen Künste

Ich bin ja bekennender Fan vom Haus der kleinen Künste, denn hier sehe ich immer wieder: Theater, das berührt, das wirklich bei mir ankommt, ist nicht zu Hause auf großen Bühnen – Theater ist im Keller! Und der gestrige Abend hat mir wieder einmal Recht gegeben.

Lange habe ich nach einem passenden Titel für meinen Artikel über Roland Walters Performance im Haus der kleinen Künste gesucht. Am Ende bin ich zu einem Schluss gekommen, der eigentlich offensichtlich war, ja vielleicht sogar der einzig mögliche Titel, mit dem sich das zusammenfassen lässt, was ich gestern im Keller gesehen habe: König Roland. Der Abend beginnt mit einer Lesung aus Rolands Buch – ja, Roland hat ein Buch geschrieben. Über sein Leben, seine spastische Lähmung und die Erfahrungen, die er mit seinem Körper, seinen Mitmenschen und unserem Sozialsystemgemacht hat. Der Titel des Buches ist übrigens der gleiche wie der meines Artikels: König Roland – Im Rollstuhl durch das Universum. Roland wird zuerst von seiner Assistentin Andrea auf eine Couch gehievt, von wo er seine Zuschauer mit kindlicher Freude anstrahlt. Bereits in diesem Moment sind meine Berührungsängste, die ich zugegebenermaßen zu Beginn hatte, verflogen und ich kann nicht anders, als zurückzulächeln. Dann begrüßt Roland sein Publikum in seiner ganz eigenen Sprache, die anfangs für mich nur schwer zu verstehen ist. Andrea muss übersetzen. Sie beginnt, Rolands Lebensgeschichte zu erzählen anhand vonKapiteln aus seinem Buch. Angefangen mit seiner Geburt, bei der es durch Sauerstoffmangel zu Rolands spastischer Lähmung gekommen ist, bis zu seiner Tätigkeit als Organisator von Behindertenfreizeiten, die er sich anfangs nicht zugetraut hat. Manche Dinge, in die Roland uns Einblick gibt, berühren mich tief, beispielsweise die Geschichte, wie er von Jugendlichen überfallen und geschlagen wurde, oder wie man ihm nach einem Unfall im Krankenhaus Medikamente und das Essen verweigerte. Bei anderen, den lustigen Erlebnissen mit seinen Assistenten, lache ich mit ihm mit, als Andrea das entsprechende Kapitel zum Besten gibt. Roland muss zwar vorlesen lassen, aber die Regie hierbei führt immer noch er selbst – nur damit das geklärt wäre. Und gegen Ende der Lesung beginne ich das Prinzip König, das Roland verkörpert, zu verstehen.

Der zweite Teil des Abends besteht aus drei Performances. In der ersten stellt Roland seine Geburt da. Er rollt sich in seinem Rollstuhl zusammen – an sich schon eine Bewegung, die den meisten anderen Menschen unmmöglich wäre, und als die Musik einsetzt, beginnt er zu tanzen. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der mit solch einem Bewusstsein und so einer Körperbeherrschung Musik mit jedem Teil seines Körpers fühlen kann. Roland ist tief konzentriert, gibt auch mit seinem Gesicht alles von sich preis. Zu Anfang der Performance hat er uns erzählt, dass er seinen Körper als ein ihm von Gott gegebenes Geschenk sehe und nun gibt er diese Gabe an uns weiter und ich fühle mich ebenfalls reich beschenkt. Auch die zweite Performance ist zu Musik und trägt den Namen „Changes“. Dieses Mal drückt Roland mit seinem Tanz die Möglichkeiten und die Grenzen aus, die ihm durch seinen Körper gegeben sind und auf welche Art und Weise man sich dadurch entwickeln kann. In der dritten Performance, die nicht von Musik begleitet wird, liegt Roland bis auf die Unterhose nackt auf dem Boden und fesselt sich selbst mit einer Eisenkette. Ich finde es gut, dass dieser Teil an den Schuss gestellt wurde, da er uns Zuschauern und auch Roland einiges abverlangt. Er handelt von der Befreiung aus Rolands Gefängnis, das sein eigener körper ist. Als Roland am Ende seine Ketten abgestreift hat, habe ich einen freien Mann vor mir.

Doch diese dritte Performance hätte es gar nicht gebraucht, um mich davon zu überzeugen, dass Roland gar kein Gefangener ist. Sowohl in seinen Bewegungen als auch in seinem Denken und Handeln ist er für mich freier und selbstbestimmter, als es die meisten Menschen ohne Behinderung je sein werden. Ja, das Prinzip König hat sich für mich an diesem Abend auf jeden Fall bewahrheitet und ich gehe nach Hause mit Dankbarkeit dafür, dass Roland es für einen Abend mit mir geteilt hat. Lange Feiern war gestern übrigens für Roland nicht mehr drin, denn schon heute ist die nächste Vorstellung in Salzburg.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? – Orlando.Eine Biographie // Theater viel Lärm um nichts, Regie: Jana Jeworreck

Zunächst steht in Jana Jeworrecks Inszenierung von Virginia Woolfs Roman „Orlando“ neben Unmengen an Büchern nur Katrin Wunderlich auf der Bühne und verkörpert dabei alle Orlandos auf einmal, wie sie im Strom der Zeit auftreten: Als junger Adliger im 16. Jahrhundert, als Poet, als Gesandter von König Charles II. zur Zeit der türkischen Aufstände in Konstantinopel, als weiblicher Orlando im 18. Jahrhundert, bis er – oder war es wieder sie – als Frau eines Abenteurers das 19. Jahrhundert verbringt. In der Gegenwart kollidieren schließlich all diese Ichs, die Orlando über die Jahrhunderte in sich vereint.
Virginia Woolf selbst beschrieb ihren Roman als „leicht zu lesen“. Ihrem Gedankengerüst zu folgen, stellt sich für den Zuschauer, der die Romanvorlage nicht vor sich hat, aber als überaus schwierig dar. Orientierung, an welcher Stelle der Biographie man sich befindet, bietet die mit Kreide an die Wand geschriebene chronologische Auflistung der Könige, die für die jeweilige Zeitepoche prägend waren. Und an manchen Stellen, das muss ich zugeben, dauerte die Zeit, bis wieder ein Name durchgestrichen wurde, sehr lange. Woran genau das lag, ist schwer zu sagen. Katrin Wunderlich konnte man den Spaß an dieser One-Woman-Show ansehen, der Funke sprang auch an den leichteren Stellen des Stückes direkt zum Publikum über, das Katrin Wunderlichs harte Arbeit dann mit Lachen belohnte. An Einfällen mangelte es auch beim Bühnenbild nicht: Die Unmengen an Büchern, die sich mal als Kleiderständer, mal als Schreibtisch, dann wieder als Dominosteine nutzen ließen, boten unendlich viele Möglichkeiten, die auch voll ausgenutzt wurden. Einen Stoff wie „Orlando“, der von sich aus keinen roten Faden bietet, zusammenzuhalten ist ein Kraftakt, eben weil jener rote Faden nicht zu finden ist. Neben der Leichtigkeit, mit denen Katrin Wunderlich große Teile des Stückes meisterte, blitzte manchmal auch etwas von der Anstrengung durch, die es kosten muss, „Orlando“ und seine verschiedenen Ichs zu verkörpern, die man wohl gar nicht bis ins Letzte verstehen kann.
Orlandos totalen Kollaps am Ende des Stücks ereilt dann auch den Zuschauer. Denn genau wie Orlando steht nach dem Erwachen für mich die Frage: Wer bin ich und wenn ja – wie viele? Dass ich verwirrt bin, liegt jedoch nicht an der Inszenierung, sondern am Stoff selbst. Aber waren Zeitreisen nicht schon immer anstrengend gewesen? Also: Zurück in die Zukunft!

Die Freiheit der Gedanken // Reklamation im Rationaltheater (Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner)

Es ist ein Gedankenspiel, das in dieser Art viele Stücke durchkauen: Was passiert, wenn keine Regeln mehr gelten? Dann ist alles anders. Mann, Frau, diese Bezeichnungen, die bisher zur Kategorisierung dienten, sind außer Kraft gesetzt. Dementsprechend natürlich ist es auch, dass bei der Performance „Reklamation“ von Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner die weiblichen Darstellerinnen Männer sind und die männlichen Darsteller Frauen. Und mit natürlich meine ich auch natürlich, denn niemand, von denen, die auf der Bühne stehen, wirkt dabei gekünstelt oder gar verkleidet.

Doch von vorne: Wir befinden uns in einer Bar, einer Art Nachtlokal, das sich perfekt in die Rationaltheater-Atmosphäre einfügt. Die Besucher dieser Bar schauen zunächst durch ein Fenster (ein Film der auf einer Leinwand abläuft) nach draußen: Menschen die auf dem Gehsteig entlang laufen, Regen, vorbeirauschende Autos – belangloses, graues Einerlei. Die Barbesucher und mit ihnen wir, die Zuschauer, befinden uns in unserem eigenen kleinen Kosmos, eben jener leicht verruchten Bar. Ein Schild an der Theke kündigt die „Domestic Revolution“ an und gibt einen Vorgeschmack auf das, was folgt. Diejenigen, die an der Theke herumlungern, haben am Leben draußen nicht teil, drehen sich nur noch um sich selbst und da dabei irgendwann Langeweile aufkommt, müssen sie zwangsläufig miteinander interagieren, sich ihre Geschichte erzählen. Da ist von einer Vergewaltigung die Rede, die beinahe geschehen ist, vom Glücksspiel, alle Gedanken, die man in einer normalen Umgebung für sich behält, dürfen hier frei ausgesprochen werden. Mehr noch: Die Zuschauer werden sogar ausdrücklich dazu aufgefordert zu denken und zu tun, was sie möchten. Das darf man in der kleinen Bar in einem vagen Irgendwo. Der Hund eines Zuschauers nimmt diese Aufforderung tatsächlich wörtlich und läuft erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelnd auf die Bühne. Und nun wird offensichtlich, dass die Darsteller das Versprechen, das nun alles erlaubt ist, ernst nehmen. Sofort ist der Mischling Teil ihres Spiels.

Ja, das fiktive „Was wäre wenn…“ haben schon viele Stücke durchgekaut. Aber im Fall von „Reklamation“ finde ich dieses Gedankenexperiment spannend (wenn auch vielleicht spieltechnisch nicht ganz perfekt) umgesetzt, eben weil ich nicht immer folgen kann, wenn sich das, was in verschiedenen Köpfen vorgeht, vermischt. Und folgen muss ich dem ja auch gar nicht, denn sind Gedanken nicht dazu da, um einfach vorüberzuziehen? Am Ende meine ich dann doch, etwas vom Konzept von Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner durchschaut zu haben: Wir, die wir das Draußen nur durch das Fenster betrachten und das Leben auf der Straße beim Vorüberziehen beobachten sind gar nicht gefangen. Denn das Draußen spielt sich Drinnen in unseren Köpfen ab – da, wo die Gedanken frei sind. Ein Trip, den ich ganz sicher nicht reklamiere.

Weniger ist ganz schön viel // „Die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ im Haus der kleinen Künste

Nirgends finde ich Theater schöner als im kleinsten Rahmen, in „Kuschelatmosphäre“ sozusagen. Ach ja, ein Keller macht sich da auch nicht schlecht und Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ scheint wie für das Haus der Kleinen Künste geschrieben.

Hier hat sich der kleine Beamte Poprischtschin, gespielt von Maximilian Pfnür eingenistet: Ein Bett, eine Couch, ein Tisch und eine Lampe, mehr gibt es nicht, in dieser Welt des spanischen Bürgerkrieges, voll von Regeln, Hierarchien und rigoroser Bürokratie. Zu hören bekommt das Publikum den Monolog von einem, für den das Gesellschaftssytem, seine Behörde und vor allem die unerfüllte Liebe zur Tochter seines Direktors zum Gefängnis werden. Es ist eine Gedankenspirale, die immer mehr an Eigendynamik gewinnt, durch Ereignisse, auf die Poprischtschin keinen Einfluss hat. Das Gespräch zwischen zwei Hunden, das er belauscht hat, scheint hier nicht die Einbildung eines Wahnsinnigen, sondern ein natürliches Ereignis. Am Ende steht die Erhebung zum König von Spanien und auch diese Krönung ist ein fast logischer Akt. Dieser scheitert jedoch, wie Poprischtschin selbst, an der Realität.

Den Wahnsinnigen zu spielen erfordert Feingefühl, alleine ein ganzes Leben vor seinem Publikum aufzubauen, erfordert große Kraft. Maximilian Pfnür findet genau die richtige Mischung und es gibt nur ganz wenige Momente, in denen ich nicht im Stück bin, weil ich das Gefühl habe, das er in jedem Augenblick direkt zu mir spricht, Poprischtschins Wahngedanken werden zu einem ganz normalen Dialog. Maximilian Pfnür präsentiert diese Gedanken nicht etwa mit übertriebenen Pathos oder überdreht, sondern herrlich unaufgeregt und das ist sympathisch, auch wenn die Töne, die er anschlägt stellenweise etwas zu leise werden. Es entsteht ein gutes Gespräch zwischen ihm, mir und den anderen Zuschauern, kein Stück. Ich glaube, wenn ich wieder mal Theater gucke, dann gehe ich dazu in den Keller und kann das auch nur jedem anderen empfehlen.

Es gibt noch eine Vorstellung am Freitag, 8.6. um 20.00 Uhr – unbedingt hingehen!!

Faust – Radikal Jung (Regie: Moritz Schönecker, Theaterhaus Jena)

„Da steh ich nun…“. Und ganz ehrlich: Nach dieser Faust-Inszenierung habe ich auch nichts anderes gesehen als das, was schon da war. Geschmeckt hat es dabei nicht besser oder schlechter, es hatte den Geschmack von Aufgewärmten und das ist nun ja….bekanntermaßen fade! Von einer Inszenierung, die zu „Radikal Jung“ eingeladen wird, hätte ich etwas erwartet, das mich entweder begeistert, schockiert, auf jeden Fall aber bewegt. Es waren durchaus ein paar Momente dabei, etwa die Wette im Prolog und die Szene in Auerbach‘s Keller, die so etwas wie Farbtupfer im ansonsten recht lilablassgrauen Einheitsbrei waren. Ja, wenn ich den Abend mit einem Wort beschreiben müsste, farblos würde es am ehesten treffen. Keine schönen Bilder, es sticht aber auch nichts unangenehm ins Auge.

Das Bühnenbild ist schwer zu beschreiben, eine Art multifunktionale Werkstatt und gut ausgetüftelt, bietet es die Möglichkeit, von oben auf das Geschehen herabzublicken, Fausts Schreibstube kann zum Wirtshaus, zu Gretchens Haus, zur Wohnung von Marthe und am Ende sogar zur Kirche umfunktioniert werden. Es ist praktisch, aber nicht spektakulär. Sehr witzig und ein echtes Highlight finde ich die Idee, Gott im Prolog mit einer Art Aufzug fahren zu lassen und auch die Szenen hinter der Schattenwand sind gut gelöst, weil sie eine Stimmung und Bilder kreieren, die im Gedächtnis bleiben und in dieser Art in der Inszenierung viel zu selten zu finden sind.

Von den Schauspielern bleibt mir Benjamin Mährlein als Mephisto im Gedächtnis, weil er angenehm überdreht wirkt und eine Energie an den Tag legt, die Faust (Mathias Znidarec) und Gretchen (Ella Gaiser) stellenweise fast etwas blass wirken lässt. Die beiden haben zwar jeder für sich Momente, in denen sie sprachlich nicht präzise, dafür aber emotional ganz im Stück sind, im Ganzen und im Spiel miteinander schaffen sie es aber nicht, den Abend zu tragen.

Moritz Schönecker hat seine Hausaufgabe solide gemacht, da sie aber schon so viele große Namen vor ihm und mit Bravour gelöst haben, fällt das nur leider gar nicht auf und war vielleicht sogar ein Ding der Unmöglichkeit. Die Hausaufgabe der Jury von „Radikal Jung“ lautete, acht Inszenierungen zu finden, die außergewöhnlich sind. Acht Inszenierungen wurden gefunden, im Fall von Faust, dem am Ende einfach das Außergewöhnliche fehlt, ist die Aufgabe zwar erledigt, erfüllt ist sie nicht.

Paradise Lost (Regie: Sarah Holtkamp) – Studiobühne TWM

Am Anfang war….Gott? Der Teufel? Man weiß es nicht so genau, wenn es um die Entstehung der Welt geht. Je nachdem an was man glaubt und ob man überhaupt einen Glauben hat. „Paradise Lost“ in der Regie von Sarah Holtkamp erzählt die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies und hier war am Anfang der Text, so viel ist sicher. Und das ist eine ganze Menge, die es erst einmal zu bewältigen gilt, wenn man dieses Stück auf die Bühne bringen will und man bedenkt, dass man auch nicht so viel mehr Zeit hat als Gott damals, um etwas aus dem reichhaltigen Rohmaterial zu erschaffen.

Im Hintergrund irren im Video, das auf einem Monitor läuft, Adam und Eva (Benjamin Jorns und Marie Golüke) durch ein paradiesisches Dickicht, oder ist es eine Wüste? Das Video läuft immer weiter, alles weitere an Bühenbild wäre zu viel. Starkes Material braucht nicht viel Brimborium drum herum. Deshalb versucht die Inszenierung von Sarah Holtkamp, die gewaltigen Textblöcke mit zwei Schauspielern zu stemmen. Das ist zum einen mutig, zum anderen zeigt es die Stärke von Nina Buß und Philipp Wimmer in den Rollen von Eva und Gott, bzw. Adam und Satan. Denn mehr als die beiden braucht es nicht, um das Stück, das nur auf Sprache baut, lebendig zu halten. Nina Buß in ihrem blauen Etuikleid mit rotem Gürtel und roter Strumpfhose – DAS ist ein Kostüm ohne Kostüm zu sein!!! – wirkt als permanent apfelessende Eva mädchenhaft unbekümmert, nur um dann als Gott zum berechnenden Menschenlenker zu werden. Zur richtigen Zeit schafft sie es außerdem noch, die nötige Portion Verruchtheit zu transportieren. Und auch Philipp Wimmer im weißen Anzug gelingt der Spagat zwischen unschuldigem – wieder ist das Kostüm ein Statement – Adam, der mit seinem Gewissen hadert und Satan, der Eva zur Sünde verführt. Ja, diese Zwischentöne werden sehr gut transportiert, vor allem sprachlich leisten die beiden Darsteller fast durchgehend Präzisionsarbeit, was angesichts der Menge an Text große Anerkennung verdient.

Der einzige Wermutstropfen ist, dass diese gute und wichtige Arbeit an der Sprache, die hier geleistet wird, ein wenig auf Kosten der Interaktion untereinander und der Leichtigkeit geht, die der Inszenierung gut gestanden hätte. Paradise Lost ist aber in jedem Fall ein Überraschungspaket, was neben den Darstellern auch den klugen Regieeinfällen verdanken ist, die nie zu viel sind, sich nie aufdrängen, aber trotzdem Atmosphäre schaffen. Diesem Päckchen merkt man an, dass es mit viel Ambition geschnürt wurde und das zeigt sich auch beim Auspacken – Gott sei Dank!

Shinsai – Shattering Gods

Regie: Otone Sato

Manche Katastrophen kündigen sich langsam an, andere brechen plötzlich über uns herein. Wie ein Erdbeben. Doch was bleibt zurück, wenn alle Wurzeln herausgerissen wurden? Wir Menschen sträuben uns naturgemäß gegen Veränderungen, wenn sie plötzlich kommen und wir keine Chance haben, uns gegen sie zu wehren. Uns bleibt dann nur, neue Ordnung ins Chaos zu bringen, denn das ist uns als Lebewesen angeboren: Überleben als unser ureigenster Instinkt. Also ist ein Erdbeben, wenn wir es denn überstehen, auch immer ein Anfang.

Wenn man die Katastrophe von Fukushima inszenieren möchte, was eine große Aufgabe ist, liegt es deshalb nahe, mit einem Erbeben zu beginnen. „Shinsai – Shattering Gods“ beginnt im dunklen I-Camp mit einer Leinwand, auf der Schmetterlinge herumschwirren, über der Leinwand fliegen an der Decke weiße Vögel aus Papier. In dieser fast perfekten Szenerie gibt sich selbstvergessen eine japanische Tänzerin der einsetzenden Melodie hin. Als die Musik anschwillt und auf der Leinwand die bunten Schmetterlinge von einem Wirbel in namenloses Grau hinab gezogen werden, werden auch die Bewegungen der tänzerin wilder, ihr Körper wird ganz erfasst von den Erschütterungen um sie herum, bis sie zusammenbricht.

Der Zuschauer befindet sich nun mitten in einer der moderen japanischen Megastädte. Eine Ubanhn fährt ein. Und auch wenn sich auf der Bühne nur zwei Schauspieler – ein Mann und eine Frau, beides Japaner – befinden, kann man beim Zusehen vor dem inneren Auge die Menschenmassen ein- und aussteigen sehen. Der alltägliche Wahnsinn geht weiter, während sich die Katastrophe anbahnt. Was die beiden Schauspieler jetzt zeigen, ist ein Ausschnitt anonymer Normalität: Grauer Büranzug reiht sich an graues Kostüm, Aktentasche an Aktentasche, am Ohr jederzeit das Handy. Menschen, die anderen näher kommen, als es der Anstand selbst in dieser Situation erlaubt sind natürlicher Teil dieser Kulisse. Für Europäer erscheinen sie dennoch grotek bis charmant und haben deshalb die Lacher auf ihrer Seite, weil sie jedes Klischee bedienen. Auch die folgenden Szenen sind Alltagssituationen: Ein Pärchen im Einkaufszentrum, beim Karaokesingen und – anders kann es nicht sein – im Fotoautomat. Die beiden Darsteller setzen ihren ganzen Körper ein, alles was ihnen an Mimik und Gestik zur Verfügung steht, um die Erlebniswelt junger Japaner zu skizzieren und diese Inszenierung auf die Spitze zu treiben. Was anders ist als zuvor, ist die Stimme aus dem Off, die dazu aufruft, Ruhe zu bewahren, sich in die Mitte des Ganges zu begeben und Abstand zu den Fenstern zu halten. Wir befinden uns mitten in der Katastrophe und dieses Gebäude wird nicht einstürzen! Während draußen die Welt in ihren Grundfesten erschüttert wird, bleibt der Mikrokosmos der Darsteller davon unberührt. Doch das Unvermeidbare lässt sich nicht verhindern, bis dem Pärchen nur die Flucht hinter die Leinwand bleibt.

Das Erdbeben ist vorbei, was jetzt? Die Schauspieler reißen die Leinwand ein und es bleibt nichts mehr von der Anonymität der Großstadt. Das Pärchen, das nach der Flucht ins Private als letztem verbliebenen Rückzugsort in seinem Papierkasten wie in einem Puppenhaus sitzt, hält dem Publikum überdeutlich vor Augen, dass es jetzt nach dem atomaren Supergau um Individuen geht. Und die haben, während sie den Zusammenbruch der Welt draußen mit Jenga-Steinen nachspielen, als Überlebende Fragen an das Leben: Wenn du siehst, wie ich leide, würdest du mich erlösen? Könntest du töten? Was ist jetzt wichtig, was bleibt in Erinnerung? Die Schauspielerin kramt alte Schulhefte mit Gedichten gegen das Vergessen hervor, ihr Partner verstummt. Eine Entscheidung muss getroffen werden, denn beide sind immer noch da. So wählen die Darsteller den einzig möglichen Ausweg, eben weil er ihnen aufgrund des den Menschen angeborenen Reflexes natürlich erscheint: Überleben. Sie sitzen in ihrem Papierhaus, essen, telefonieren, reden. Und langsamt keimt die Hoffnung auf, dass sie mit dem Wortspiel, dass sie nun beginnen, auch ihren Alltag wieder aufnehmen und das Ende  gleichzeitg wieder der Anfang ist. Nur anders.

Ein sensibles Thema erfordert eine sensible Inszenierung und Otone Sato versteht es, die richtigen Töne zu treffen und die Brücke vom großen und lauten ersten Teil des Stückes zum kleinen privaten Rahmen und den leiseren Tönen im zweiten Teil ist sehr gut gelungen. Beide Darsteller schaffen es, ihre Energie in der Interaktion miteinander immer dem Rhythmus der Inszenierung anzupassen und dabei trotzdem in der Intensität ihres Spiels nicht nachzulassen. Dank der vielen starken Bilder, die Otone Sato für die unterschiedlichen Situationen findet, spielt es auch keine Rolle, wenn stellenweise die (Aus-)Sprache der Darsteller unter deren Spielfreude leidet. Denn gerade durch diese wird der Inhalt jeder Szene konsequent zum Publikum transportiert und findet dort treffsicher sein Ziel.

Schade, dass „Shinsai“ nicht mehr gespielt wird, denn eine Wiederaufnahme würde sich auf jeden Fall lohnen. Einfach weil man sich diese Bilder noch einmal anschauen möchte, um wieder etwas Neues zu entdecken.