Fressen-Lieben-Kotzen (Studiobühne TW)

Regie: Lars-Keke Altemann, mit: Marie Golüke, Martin Petschan und Benjamin Jorns

Kennt ihr die Toilettenphilosophie? Nein? Ich habe mir bis dato auch keine Gedanken gemacht, welche Arten von Toiletten es gibt, wie das, was ausgeschieden wird, hineinfällt und auf wie viele Arten es dann im Nichts verschwinden kann. Die Gedanken der namenlosen Schauspielerin in „Fressen Lieben Kotzen“  drehen sich  immer im Kreis, das Verschwinden des Ausgeschiedenen in der Toilette ist dabei fester Bestandteil ihres selbst gewählten Martyriums. Das Spiel läuft immer auf die gleiche Weise ab: Hungern – der tatsächliche Hunger nach Nahrung, der jedoch lange nicht so groß ist, wie der unstillbare Hunger nach Liebe. Dann Fressen – die Rebellion des Körpers und dem verzweifelten letzten Apetit auf das Leben nachgeben. Am Ende Kotzen – die selbst auferlegte Strafe für den Moment der Schwäche und Ausdruck ihres Selbsthasses.

Die Inszenierung von Lars-Keke Altemann wirft dabei die große Frage auf: Haben wir das Recht dazu, uns selbst zu zerstören? Oder stellt die Selbstzerstörung ein uns auferlegtes Tabu dar, weil der Körper heilig ist? Die Gedanken der Schauspielerin – gespielt von Martin Petschan und Benjamin Jorns – schweigen nie. Die Schauspielerin selbst – Marie Golüke – ist nicht mehr als eine leere Hülle, die von ihren inneren Dämonen, die sie permanent zur Selbstzerstörung zwingen und bis aufs Blut quälen, zerrissen wird. Die Qual findet auch bildlich einen Höhepunkt, wenn Marie mit Blut und Milch – war es Milch? – übergossen an ein überdimensionales Holzkreuz gefesselt wird. Überhaupt sind es die Bilder, die die Schauspieler schaffen, die den Zuschauer körperlich in ihren Bann ziehen, ihm Schmerzen zufügen und mit Marie aufschreien lassen, wenn Martin und Benjamin sie mit Seilen auspeitschen und gefesselt über den Bühnenboden schleifen. Man glaubt der Qual der Darsteller, weil sie echt ist – auch ohne den sehr starken Text.

Zusammenfassung: „Fressen-Lieben-Kotzen“ hat alles, was eine gute Performace braucht: Blut und diverse andere ekelerregende Substanzen, Schmerzen und nackte Haut. Ich bin trotzdem froh, als es vorbei ist, viel länger hätte ich nicht mehr durchgehalten. Ich verlasse die Studiobühne mit dem Gefühl, mich selbst gerade übergeben zu haben und das erschöpft mich.

Also auch wenn es anstrengend ist: Hingehen! Angucken!

(c) Martin Böck

Die Legende vom heiligen Trinker

„Die Legende vom heiligen Trinker“ – Eine Inszenierung des Theaterkollektivs What you see is what you get

„Wodka oder Jägermeister?“. Das werde ich am Eingang zum Club Rote Sonne von einem blonden Engel gefragt. Ich nehme Jägermeister. „Eigentlich müsste ich jetzt bei jedem mittrinken“, sagt der Engel weiter. „Da musst du aber ganz schön lange durchhalten“, stelle ich Blick auf die Menschenschlange hinter mir fest. Schon jetzt ist klar: Um den Alkohol und den Rausch kommt hier keiner herum. Ich gehe in den Club, wo mich dämmriges Licht und wummernde House Musik erwarten. Auf einem der gemütlichen Sitzpolster warte ich ab und sehe mich um. Alles sieht nach einem normalen Clubabend und nicht nach Inszenierung aus. Ein kluger Schachzug von Regisseurin Julia Müller und Dramaturgin Doro Streng. Die Atmosphäre gefält mir und nach einiger Zeit entdecke ich unter den Gästen ein paar Leute in etwas „abgerissenen“ Klamotten. Das müssen die Schauspieler sein. Die Musik wird plötzlich lauter, dann ganz leise und es geht los:

Karl Knorr fängt an, zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Mannes, ein Obdachloser aus Schlesien. Der Trinker, der unter einer Brücke an der Seine lebt (gespielt von Steffen Hofmann), trifft durch Zufall einen geheimnisvollen Fremden, der ihm 200 Franc leiht. Hier beginnt für den Trinker  sein ganz persönliches  Wunder „und innerhalb des Wunders gibt es nichts Verwunderliches.“ Mit dem Geld in der Tasche gibt er sich dem Rausch hin. Dem Rausch und den Frauen, die allesamt von Pola O´Mara mit kindlicher Spielfreude verkörpert werden, die einfach schön anzusehen ist. So schnell wie das Geld gekommen ist, ist es dann auch wieder verloren und die kleine heilige Therese, die unbekannte Schuldnerin des heiligen Trinkers, geht leer aus. Wieder unter der Seine-Brücke angekommen, wird der Trinker jedoch abermals durch ein Wunder und wieder durch einen Fremden gerettet und der Kreislauf des Rausches wiederholt sich. Nachdem unser Trinker sein Geld schließlich zum dritten Male verschleudert hat, stirbt er doch noch genau dort, wohin er niemals mehr zu kommen glaubte: In der Kapelle der kleinen heiligen Therese.

Eine Geschichte, die es wert ist, erzählt und inszeniert zu werden. Und auch die Art, wie Julia Müller sie inszeniert, finde ich sehr passend. Man befindet sich auf einer großen Party, in mitten der Schauspieler, die die Geschichte erzählen und spielerisch alles geben, um sich und die Zuschauer in einen Rauschzustand zu versetzen. Und das gelingt ihnen auch. Das Publikum tanzt, trinkt und feiert mit. Die Inszenierung funktioniert als Party nicht zuletzt durch die Musik von Florian Peter aka Bostro Pesopeo. Dass es dabei manchmal etwas zu laut wird, man in der Menschenmasse nichts sieht und so ein Teil des Spiels der Darsteller und auch der Geschichte verloren geht, stört dabei am Ende nicht wirklich, weil man es eigentlich kaum mitbekommt. Denn schon nach kurzer Zeit ist man, obowohl als Zuschauer gekommen, zu einem Teil der Legende vom Trinker geworden. Und ich gebe ihm Recht: „Dabei gibt es nichts Verwunderliches“. Dass die Geschichte irgendwann zu ihrem Ende kommen muss, ist schade, aber es gibt eine einfache Lösung: Weiterfeiern!

Weitere Vorstellungen der „Legende vom Heiligen Trinker“ am 6.9 und 7.9 in der Roten Sonne. Das Gute daran: Zwischen Party und Theater müsst ihr euch nicht entscheiden, an diesem Abend bekommt ihr beides.

Le voile noir du pasteur – Romeo Castellucci

So, das wird jetzt also mein erster Artikel hier und das gleich über ein Stück, das ich – das muss ich zu meiner Schande gestehen – nur halb verstanden habe. Und von der  Hälfte, die ich verstanden habe, habe ich wohl einen klitzekleinen (oder auch größeren) Teil verschlafen…glaube ich zumindest. Aber ich fange mal von vorne an:

Da waren wir eine Woche in Rennes – Bretagne – zum Theaterfestival und wollten neben den Stücken, die auf dem Festival von Amateurtruppen inszeniert wurden und von denen einige sehr sehenswert waren, auch mal „richtig“ ins Theater gehen. Also haben wir uns Karten besorgt für „Le voile noir du pasteur“ von Romeo Castellucci. Meine Mitbewohnerin für die Woche in Rennes – ebenfalls Theaterwissenschaftlerin – hatte das Stück schon am Abend vorher gesehen und anscheinend hatte Castellucci für ganz schön Wirbel gesorgt und auch wenn ich anfangs nur ins Theater gehen wollte, um zu sehen, was die Franzosen so machen, war ich dann doch ganz schön gespannt. Das war morgens. Vor dem Theaterbesuch lag jedoch noch ein ganzer Probentag und als wir uns endlich zum TNB (Théâtre Nationale de Bretagne) aufmachten, war ich schon zum Umfallen müde, meine Laune war im Keller, aber meine Erwartungen immer noch hoch. Keine gute Mischung.

Der Saal ganz dunkel, die Bühne auch. Plötzlich unvorstellbarer Lärm. Ich schrecke mit einem Satz aus dem Halbschlaf und aus meinem Sitz, in dem ich mich zurückgelehnt hatte. Vorne bläst eine Windmaschine hinter einer durchsichtigen Leinwand Blätter durch die Gegend, mittendrin ein Mann mit einem Gerät das aussieht, wie eine Kettensäge. Oder bilde ich mir das ein und es war doch nur ein Laubpuster? Das geht minutenlang so, die sich anfühlen wie Stunden und lässt mich in meinem Bedürfnis nach Schlaf einfach nur unglaublich aggressiv werden. Endlich wieder Black. Auf die Leinwand wird nun projiziert: „Le voile noir du pasteur“ („Die schwarze Kutte des Pastors“ – falls ich das richtig übersetzt habe). Parallel dazu liest eine Stimme mit. Es folgt Text – auf französisch. Leider viel zu schnell, als dass ich etwas davon hätte verstehen können mit meinen mangelhaften Französischkenntnissen. Deshalb kann ich den Beitrag des Textes zum Stück an der Stelle nicht beurteilen, nur, dass es sich, wie die Szene vorher schon, sehr in die Länge zieht durch die monotone Stimme, die immer den Leinwanddtext mitspricht. Das nächste Bild auf der Bühne empfinde ich als eines der schönsten im Stück. Die ganze Bühne ist ein mit Teppich ausgelegter Raum mit einem Schreibtisch im Vordergrund und einem Fenster an der linken Seite, dessen Konturen durch Licht angedeutet wurden. Mir gefällt auf Anhieb die Atmosphäre des Raumes, der in seiner Ausstattung sehr üppig ist und endlich keht auch etwas Ruhe ein, nachdem meine Nerven durch die beiden Szenen vorher sehr strapaziert worden waren. Es geht lediglich ein Mann, der am Schreibtisch sitzt, immer wieder aus dem Zimmer, kommt zurück, macht sich auf dem Schreibtisch zu schaffen und geht wieder hinaus. Man wartet – vergeblich. Es passierte nichts. Höhepunkt der Szene und für mich auch des ganzen Stückes ist ein Lichtspiel, bei dem man den Eindruck hat, dass ein Zug direkt durch das Fenster, an dem der Mann steht, in das Zimmer fahren würde inklusive entsprechender Geräschkulisse. Ich bin zum ersten Mal ehrlich beeindruckt.

Was dann kommt…zunächst nichts Aufsehenerregendes. Ein Mann Trägt einen hohen Spiegel, stellt ihn in die Raummitte und schaut sich an. Erleichtert bin ich schon wieder dabei, in Halbschlaf zu versinken, als ich merke, wie meine Sitznachbarin hörbar um Atem ringt. Auf der Bühne sitzt eine Frau vor eben jenem Spiegel,den vorher auch der Mann benutzte – und reisst sich weinend die Haare aus. Natürlich nicht alle, aber ich finde die Aktion einfach zu sinnlos, um mit ihr mitzuleiden und trotzdem macht sich ein leichtes Ekelgefühl bei mir breit, von ihrem Weinen bin ich genervt bis peinlich berührt. Als sie die Bühne verlässt, kommt an ihrer Stelle wieder ein Mann mit einem Spiegel. Er legt ihn auf den Boden und beginnt, sich auszuziehen, bis er vollkommen nackt ist. Ok, schon zu oft dagewesen, denke ich und mache in Gedanken einen weiteren Minuspunkt für das Stück, als er sich plötzlich auf den Spiegel kniet, sich einen länglichen Gegenstand nimmt – was es ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen – und es sich in sein Hinterteil schiebt. Muss das sein? Ich will eigentlich weggucken, aber ich bin zu gebannt von dem, was der da macht. Ja, was macht er da eigentlich? Die Reaktionen im Zuschauerraum gehen von Lachen, bis Weggucken über Ausdrücke des Eckels. Ich mittendrin und weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin in dem Moment einfach Voyeur und schäme mich nicht mal. Den ganzen restlichen Abend und auch heute noch, wenn ich an diese Szene denke, stelle ich mir die Frage: MUSSTE das sein?? WAS war das? Aber diese Fragen sind wohl bei Castellucci einfach unwichtig, habe ich mir sagen lassen und gebe dem Recht. Wichtig ist nur die Wirkung. Die ist – zumindest bei mir – aber leider nicht angekommen, fürchte ich. Bis auf ein schönes Bild – das oben beschriebene Zimmer – erinnere ich mich dann nur noch an Boden-Nebel mit dem die Bühne und der vordere Zuschauerraum geflutet wurden, ansonsten baute sich für mich keine wirkliche Atmosphäre auf. Das mit dem Nebel war dennoch ganz nett und passierte wohl irgendwann zwischen der Szene mit dem Mann und dem Stock im A….und dem Zeitpunkt, als ich dann doch kurz eingenickt bin. Was aber nicht an dem Stück lag, wie ich betonen möchte, sondern wirklich nur an meiner Verfassung.

Ich habe vorher erst einmal ein Castellucci-Stück gesehen und  es gefiel mir besser als der „Voile noir du pasteur“. Der Abend im TNB Theater – ob ich ihn gut oder schlecht fand, kann ich bis heute nicht sagen- er war eine Erfahrung.