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Bluthochzeit – Miloš Lolić

Volkstheater

Text sprechen // Stimmung statt Text

Eine Hochzeit soll stattfinden. Man munkelt, die Braut war bereits einmal verlobt. Die Hochzeit findet statt: „Die Braut erwache am Morgen der Hochzeit!“ Der ehemalige Geliebte und Verlobte, der mittlerweile selbst verheiratet ist, entführt die Braut von den Feierlichkeiten und flieht mit ihr in den Wald. Der Bräutigam verfolgt sie zu Pferd; er trägt ein Messer bei sich. Am nächsten Morgen kehrt die Braut allein aus dem Wald zur Schwiegermutter zurück, die beiden Männer sind tot. Sahnehäubchen der Dramaturgie ist die bereits bestehende blutige Geschichte der Familien der beiden Anwärter um die Braut: die Familie des Geliebten tötete einst Vater und Bruder des Bräutigams.
Bluthochzeit – ein roter Vorhang verschließt den Blick auf die Bühne. Er sticht sofort ins Auge, denn sonst beginnt im Volkstheater nie etwas mit geschlossenem rotem Vorhang. Er öffnet sich und in kurzer Distanz dahinter befindet sich ein zweiter Vorhang. Auch dieser ist rot, zwar in keinem so kräftigen Farbton wie der erste, aber immerhin rot. Die auftretenden Schauspieler bringen vergoldete Stühle mit auf die Bühne und stellen sie in eine Reihe frontal zum Publikum. Wer in einer Szene anwesend ist steht auf, tritt vor und spricht ins Auditorium. Die Schauspieler spielen nicht auf der Bühne, sie sprechen Text. Das zum Teil gleichzeitig. Dazu kratzt beständig jemand mit dem Fuß am Boden entlang, tippt, klopft mit dem Schuh auf den Boden. Es wird geschnippt und geklatscht. Klingende Körper, rhythmische Körper. Unter dem gesprochenen Text liegt also ein Rhythmusgeflecht. Oder liegt es darüber? Auf alle Fälle entsteht Unruhe, das Zuhören wird anstrengend und es gärt in einem. Und auf der Bühne wird weiter nicht gespielt.
Die Hochzeit. Der zweite Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf einen dritten, dunklen Vorhang frei, der in der Mitte einen Spalt breit offen ist. Nebel ist zu erkennen, sphärisches Licht. Über Minuten wird der Satz „Die Braut erwache am Morgen der Hochzeit!“ wiedeholt. Einzeln, im Sprechchor, versetzt. Der ehemalige Geliebte erscheint – allein und zu Pferd, seine Frau kommt zu Fuß nach. Der Braut ist sein Auftauchen unangenehm. Noch immer wird ins Publikum gesprochen. Alles tanzt, wer anwesend ist, steht mit dem Gesicht zum Publikum uns spricht. Während den Hochzeitsfeierlichkeiten verschwindet der Geliebte mit der Braut: Sie fliehen in den Wald. Der Bräutigam nimmt die Verfolgung auf. Alle ab.

Im Wald. Bräutigam, Braut und Geliebter sitzen in einer Dreiersitzgruppe auf Höhe der Hälfte der Bühnentiefe, links von der Mitte. Die anderen Schauspieler stellen sich mit Geäst als Kopfbedeckung an die hintere Bühnenmauer. Nebelschwaden ziehen über die Bühne, beleuchtet von zunächst orangem, bald aber bläulichem Licht. Der Geliebte spielt auf einer Gitarre, die durch Effektschleifen gejagt wird. Die Braut singt Töne und Seufzer. Der Bräutigam klopft auf ein Mikrofon. Auch bei diesen beiden findet eine starke Klangbearbeitung statt. Es wird immer lauter und lauter, schließlich schreien sich Braut und Geliebter in ihr Mikrofon gegenseitig Liebe, Lust und Vergängnis entgegen. Wieder Töne, Gitarre, Klopfen. Lauter, immer lauter bis alles in überlautem Tieffrequenz-Bass Wummern und Dröhnen kulminiert. Trotzdem ist eine weitere Steigerung dieser sphärischen Empfindung möglich: Rote Blütenblätter rieseln über die ganze Breite der Bühne zu Boden. Und ab dieser Szene im Wald ist man versöhnt mit Schultheaterspiel davor, mit den Geräuschen, mit allem.

Der Schluss folgt rasch, die Braut kehrt allein zur Schwiegermutter zurück, beteuert ihre Reinheit und wünscht sich den Tod. Der zweite Vorhang schließt sich nach einer Stunde und niemand weiß, dass die Aufführung am Ende ist. Dann stellt man sich die Frage: Ist die Aufführung zu Ende? Irgendwann beginnt jemand zu klatschen.  Man wird mit vielen Fragen entlassen und die Menschen reden über das Gesehene.

Text: Federico García Lorca

Regie: Miloš Lolić
Kostüme: Maria Jelesijević
Musik: Luca Ivanović


Die Hermannsschlacht – Armin Petras

Römer in Calvin Klein Shorts

Ein Berg aus Schaumstoffquadern. Zwei Scheinwerfer fahren von oben herunter ins Blickfeld des Zuschauerraums und leuchten die Bühne aus; später kommen zwei weitere dazu. Ein Streichquartett spielt auf der Bühne.

Armin Petras Römer tragen schicke Anzüge in bester James Bond Manier – mit Fliege versteht sich – wahlweise sind sie auch in weißen Unterhosen unterwegs. Die Germanen dagegen sind in Kleidung gesteckt, die an tausendjährige zwölf Jahre angelehnt ist. Je mehr sie zivilisiert werden, desto kürzer werden die Röcke und desto höher die Absätze.

Hermann erhält als Geschenk ein Paar Schuhe – den Höhepunkt der zivilisierten Welt. Er verrät Varus, und um die germanischen Stämme hinter sich zu scharen, lässt er ein germanisches Mädchen vergewaltigen und gibt es als Tat des Feindes aus. Wie war das nochmal mit Polen 1939?

Seine Gattin Thusnelda heißt Hermann guttun mit dem Römer, dem sie auch immer mehr verfällt, bis ihr Mann sie aufklärt, dass dieser nur an ihren Haaren interessiert sei, um sie nach dem Sieg seiner Kaisern als Geschenk zu schicken. Sie wird zur Bärin und rächt sich grausam.

Die Germanen bauen auf offener Bühne mit Hilfe der Schaumstoffquader mehrmals das Bühnenbild um. Der Berg wird zu Stegen, einer unebenen Landschaft, auf der man aufpassen muss, wohin man seinen Fuß sitzt, quasi ein politisches Parkett. Eine Mauer wird aufgetürmt, oben nehmen die Germanen Platz und halten Ausschau. Das farblose Licht der Scheinwerfer erzeugt Atmosphäre: mal leuchten sie das Geschehen peinlich genau aus, mal tauchen sie die Bühne in mystische Verklärung. Dazu trägt auch der zum Teil sehr witzig eingesetzte Nebel bei.

Katharina Hackhausen, Horst Kotterba, Peter Kurth, Lasse Myhr, Jochen Noch, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper und Michael Tregor, sowie das Modern String Quartett wirken in ihren Rollen schwer und verbissen, aber dann auch wieder so leicht.

Die kurzzeitige Verwendung des irgendwas-Deutschen trägt eine gewisse Heiterkeit ins Ohr des Zuschauers.

Nach zwei Stunden sind die Römer geschlagen, Germanien gerettet und ein Schwert zur E-Gitarre geworden (was auch immer die Aussage dieses letzten Scherzes sein soll). Man steht auf, ist platt, geht hinaus und fragt sich: was war das denn? Die Inszenierung ist einfach unglaublich dicht gepackt und man muss erst einmal eine Weile verdauen. Letztendlich, wenn man selbst nicht mehr plattgebügelt ist, bleibt ein zufriedenes Gefühl im Magen zurück, diese Inszenierung gesehen zu haben, die dieses im dritten Reich missbrauchte Stück reanimiert.


Die Dreigroschenoper – Christian Stückl

Manege frei!

Christian Stückl inszeniert Bertolt Brechts Dreigroschenoper am Volkstheater als bunten Jahrmarktsrummel rund um Macheath, Polly, Peachum und das restliche Gesindel.

Die Story ist folgende: Macheath, genannt Mackie Messer, Mörder und Dieb lebt in Soho, dem Schmuddel-Bezirk Londons zur Zeit des Stücks. Er heiratet Polly Peachum, die Tochter des Bettlerkönigs (alias „Ärmster Mann Londons“) gegen den Willen des Vaters, der ihn nun innerhalb einer Woche hängen sehen will – noch vor der Hochzeit der Königin. Ansonsten, so droht er, wird ein Bettlerauflauf genanntes Fest in ewig ungute Erinnerung rücken. Auch Mackies bezahlter bester Freund Polizeiinspektor Tiger Brown sieht sich gezwungen, sich von ihm zu lösen.

Was einem die Bühne schon beim ersten Anblick entgegen schreit, bestätigen die Kostüme: Retro-Jahrmarkt ist angesagt. Für beides verantwortlich ist Stefan Hageneier, den über die Passionsspiele Oberammergau eine lange Zusammenarbeit mit Christian Stückl verbindet. In der ersten Hälfte des Abends bilden ein Bretterboden mit drehbarem, senkrecht ausfahrbarem Gesicht – das Firmenlogo von Peachum & Co. – und eine bemalte Leinwand im Hintergrund den Raum. Später wird diese dann abgenommen und entblößt ein Holzgittergerüst. Ist Mackie in diesem Raum, in sich selbst gefangen? Dann sitzen sie alle darin, wie im Kolosseum, um seiner Hinrichtung beizuwohnen. Der Mund des Firmenlogo-Gesichts tut sich als Symbol des Kapitalismus des Öfteren auf, um Figuren auszuspucken oder zu verschlucken.

Schlechte Nachrichten noch bevor die Vorstellung beginnen kann: Stefan Ruppe, der Darsteller des Peachum ist krank und kann nicht spielen, wird aber wie schon in den vorangegangenen Aufführungen von Christian Stückl persönlich ersetzt. Und der macht seine Sache sogar richtig gut, so dass man voller Abscheu auf einen durchtriebenen Kapitalisten blickt. Frau Peachum (Ursula Maria Burkhart) ist eine Trinkerin, ihr Wesen ekelt einen an. Die Tochter Polly, gespielt vom Ensemble-Neuzugang Sybille Lambrich, wirkt einfältig und dumm. Auch Polizei-Inspektor Tiger Brown (Tobias van Dieken) wirkt nicht mit Klugheit gesegnet. Und Macheath (Pascal Fligg) selbst wirkt wie ein Tier, vor allem als sich Lucy (Kristina Pauls), eine seiner Geliebten, im Gefängnis an ihn ranmacht. Einen äußerst unterhaltsamen Auftritt hat Thomas Kylau als Pfarrer. Die Figuren präsentieren sich als Typen, die sich nicht entwickeln. Aber es macht Spaß den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie über die Bühne Fegen und Drive ins Spiel bringen. In Ballungsszenen stehen 26 (!) Schauspieler auf der Bühne, eine kleine Entschuldigung für die lang geratene Beschreibung nur der wichtigsten Personen.

Schön herausgearbeitet sind die Frauen in Mackie Messers Leben: Polly, die er am kürzesten kennt, die er heiratet und die ihn unbewusst als erste verraten wird. Spelunken-Jenny (Xenia Tiling) kennt er am längsten. Er war ihr Zuhälter und lebte ein halbes Jahr mit ihr zusammen. Sie verrät ihn zweimal – bewusst. Jenny ist sein Judas, die Szene des ersten Verrats verwirklicht Stückl als letztes Abendmahl: plastikbrustbehängte Huren und fummelnde Diebe bilden die Jüngerschar. Lucy will Mackies Leidenschaft, aber für sich allein und konkurriert mit Polly in einem Duett um ihn. Für mich einer der Höhepunkte des Abends.

Am Dramentext wurde für diese klassische Inszenierung nicht sehr viel gestrichen – 3 Stunden mit Pause –, doch man wird so gut unterhalten, dass man die Zeit beinahe vergisst. Dazu trägt nicht zuletzt Kurt Weills brillante Musik, gespielt von einem achtköpfigen Orchester und mit einer positiv überraschenden gesanglichen Leistung der Schauspieler, bei.

Es gäbe noch zu viel zu sagen, aber es ist besser Ihr schaut euch Die Dreigroschenoper am Volkstheater selbst an. Mein persönliches Fazit ist: die Version, die Christian Stückl uns bietet, mag nicht die innovativste sein, aber sie ist gründlich und unterhält. Es ist einfach wie es sein muss: Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren. Ein Moritatensänger singt eine Moritat.


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