„I can’t stop coming“ – multiple Orgasmen auf der Probebühne 3/ Münchner Kammerspiele

Mutig, aber zuweilen etwas platt kommt die Inszenierung des 2. Jahrgangs Regie daher. Von allem ein bisschen zu viel – das ist der Eindruck, den ich schon beim Betrachten des Bühnenbilds habe: Liegestuhl, Boule-Ausrüstung und Schaukelpferdchen sind da nur der Anfang. In den ersten Minuten schleppen die fünf Protagonisten noch so allerhand auf die mit Granitsteinchen übersäte Bühne.

Die „theatrale Collage“ von Katharina Bianca Mayrhofer ist dazu laut – die Darbietung umfasst Minnesang, Stöhnen, Laute (wobei man nicht immer sagen kann, was sie darstellen, aber das ist wohl so gewünscht) und Texte u.a. von Valentin Brenner und Walther von der Vogelweide. Besonders herausstechend sind aber die Gedichte, die aus Kommentaren von Youporn-Filmen entstanden sind. Ja, man kann dort auf der Plattform direkt Feedback zum Gesehenen geben.

Dabei ist der Ansatz gut: die übersexualisierte Gegenwart in der immer grenzenloser werdenden Gesellschaft bildet den Mittelpunkt der Inszenierung. Das Stück schwächelt deshalb, weil die Erkenntnisse, die es hat, nicht neu sind und auch nicht weiterführend. Die sexbetonte Moderne hat schon allerhand Beachtung gefunden, die Einwände sind nicht überraschend. „Das hier ist ein Porno und keine Amazon-Rezension“, sagt die Pornodarstellerin zum jungen Mann, der mit seinen Gedanken ins Philosophische abzuschweifen vermag. Dass gerade die Generation Y immer mehr abstumpft und sich keine Zeit mehr nimmt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, ist sicherlich richtig beobachtet.

Es wollen aber zu viele Themen hier Beachtung finden. Die Frau als Objekt, die nur für die männliche Lust da ist auf der einen Seite, die uns erlösende Liebe auf der anderen. Spätestens im Epilog, als Freuds Penisneid ausführlich zur Debatte steht, weiß ich nicht mehr, wo die Inszenierung hingeht.

Ein lustiger Einschub sind die expliziten Erklärungen einiger etwas nicht ganz so bekannter Sexpraktiken wie z. B. Bukkake. Die Liebe, die auch mit ins Spiel kommt, wirkt hier dann aber irgendwie fehl am Platz.

Mit: Nurit Hirschfeld, Eva-Maria Kapser, Ilja Roßbander, Frederik Schmid, Alina Stiegler, Jeff Wilbusch. Mehr zum Stück hier.

 

 

 

Witz und Wahn mit Gatsby im Volkstheater

„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu“ – F. Scott Fitzgerald.

Etwas Vergangenes loslassen – so wichtig wie natürlich im Leben. Etwas, das Jay Gatsby (Max Wagner) nicht gelingt und ihm schließlich zum Verhängnis wird.

Dieser Lebemann hat scheinbar alles, wovon man(n) träumen kann: Ein prächtiges Anwesen, Reichtum, Prestige, ein umwerfendes Aussehen und eine geheimnisvolle Aura. Niemand weiß schließlich so richtig, wie er es zu diesem Reichtum und Ruhm gebracht hat. Gatsby lebt den amerikanischen Traum. Alles, was er tut, hat allerdings nur eine Intention: Er will Daisy (Constanze Wächter), seine verlorene Liebe, zurückgewinnen. Gatsby hofft, sie mit seinem opulenten Lebensstil beeindrucken zu können und will ihr jetzt das bieten, was er vor Jahren – als beide ein Paar waren – nicht bieten konnte. Dass beide sich längst verändert haben und Vergangenes nicht wie in einer Konserve überdauert, hat Gatsby nicht verstanden. Und so muss das Unglück seinen Lauf nehmen…

Die Inszenierung des erst 24-jährigen Abdullah Kenan Karaca ist beeindruckend witzig, ohne ins Lächerliche zu gehen. Es fasziniert, wie der Regisseur es schafft, die Leichtigkeit des Buches zu übernehmen und seinem Gatsby das Tragische zu nehmen. Der Roman ist für die Bühnenfassung am Volkstheater auf 90 Minuten zusammengestrichen, die Erzähler-Funktion entfällt komplett. Das Bühnenbild ist schlicht: Auf der kleinen Bühne des Volkstheaters befindet sich in der Mitte eine von Lichtröhren umrandete Fläche, auf der sich das ganze Geschehen abspielt. Von der Decke hängt eine Art Schaukel herunter. Alles ist sehr puristisch gehalten. Die Inszenierung konzentriert sich damit ganz und gar auf die Charaktere, was meiner Meinung nach sehr gut gelöst wurde. Die Kostüme passen zwar in die 20er-Jahre, könnten aber auch für heutige Upper-Class-Events verwendet werden. Der Gatsby des Volkstheaters ist zeitgemäß.

© Daniel Delang
© Daniel Delang

Das Ehepaar Daisy und Tom als Repräsentanten der High Society und Bussi-Bussi-Gesellschaft wird dem Zuschauer wunderbar tragikomisch dargeboten. Es ist zum Lachen – gleichzeitig aber ist es ein Lachen, das im Halse stecken bleibt. Das wird am Ende noch einmal auf die Spitze getrieben, wenn Daisy, Tom (Pascal Fligg), und Jordan Baker (Lenja Schultze) nach einem Autounfall symbolisch das tote Fleisch von Myrtel, der Geliebten Toms essen.

© Daniel Delang
© Daniel Delang

Max Wagner überzeugt als Jay Gatsby und lediglich die Momente, in denen Karaca ihn als maulendes Kind inszeniert, sind etwas überzogen. Fazit: Unbedingt anschauen, wenn noch eine der Restkarten an der Abendkasse ergattert werden kann!

Die nächsten Vorstellungen: 11. & 12. Januar sowie 05. & 06. Februar.

Mit Max Wagner (Gatsby), Lenja Schultze (Jordan), Constanze Wächter (Daisy), Jakob Geßner (Nick) und Pascal Fligg (Tom). Regie: Abdullah Kenan Karaca, Bühne: Yvonne Kalles.

Tanz-Performance im Schwere Reiter: „Seelenecho“

Um Liebe und Gewalt geht es in Seelenecho – ein Stück, das mit wenigen Worten und viel Körperausdruck überzeugt. Zu sehen war die Tanz-Performance im Schwere Reiter. Zwei Performer und vier Sängerinnen befinden sich verteilt im ganzen Raum, der rundherum mit Laub ausgelegt ist. Ein Triangel-Ton wird in einer Endlosschleife immer wieder gespielt.

Maria Anna Söllner und Manfred Kröll sind die Hauptakteure dieser Tanzperformance und geben alles, um die innere Zerrissenheit, gleichzeitig aber auch die Ausgeglichenheit darzustellen. Fließende Bewegungen wechseln sich ab mit ruckhaften Bewegungen, die Schmerz ausdrücken. Die Gewalt wird hauptsächlich mit der Stimme ausgedrückt – da vernimmt man mal ein kurzes Jaulen, dann wiederum ist es sehr eindringlich, wie der Schmerz mit der Stimme rübergebracht wird. Die Akteure reden wenig. Plötzlich fangen sie an, ihre Biografien zu erzählen. Erst einer nach dem anderen, später alle durcheinander.

Sehr schön und die perfekte Ergänzung ist Maria Anna Söllners Geigenspiel mit den Bewegungen Manfred Krölls. Lediglich in den Momenten, wo die Akteure ihre Schmerzschreie ausstoßen, wirkt das Stück bisweilen etwas anstrengend.

775_seelenecho_web
Foto ©: Linda Strehl
Tanz & Violine: Maria Anna Söllner / Manfred Kröll, Gesang: Désirée Rossa / Johanna Viktor u.a., Videos: Susanne Brandenburger, Licht: Rainer Ludwig,  Assistenz: Susanne Müller, Grafik: Saskia Kölliker, Fotos: Linda Strehl

Dann (1) – drei Zukunftsaussichten auf einmal

Im Pathos wird das Projekt „Dann (1) / Plattform für performative Zukunftsforschung“ gezeigt. Dafür werden dem Zuschauer drei unterschiedliche Voraussagen auf die Zukunft gegeben. Es geht darum, eine Zukunft zu zeigen, die im Futur II spielt: Das, was wir sehen, werden wir morgen schon gewesen sein, heißt es im Pressematerial. Es sollen performativ-experimentelle Kurzformate vorgestellt werden, man darf also gespannt sein.

Drei verschiedene Künstlergruppen machten sich zuvor auf experimentelle Weise ans Werk und präsentierten die Ergebnisse. Dafür wurde nicht nur direkt der Raum des Pathos-Theaters genutzt, sondern auch die Pathos Ateliers. In strömendem Regen waten wir nach einer kurzen Begrüßung gleich in letztere und schauen uns die erste Darbietung des Abends an:

Der Regisseur und Autor Emre Akal inszeniert zusammen mit Tunay Önder „Doyschland Impossible“. Zwei verschleierte Menschen sitzen an ihren Laptops. Im Hintergrund ist groß auf der Leinwand eine Gruppe von Frauen zu sehen, die Burka tragen und viel Bein zeigen. Paradox. Dazu läuft orientalische Musik. Eine der beiden verschleierten Personen, die am Tisch sitzen, beginnt, auf ihrem Laptop zu schreiben. Der Zuschauer kann die Gedanken, die sie niederschreibt, live auf der rechten Wand des Raumes via Beamer mitverfolgen. Es sind Gedanken, die sich um Rechte und Freiheit drehen. Die Person macht klar, dass sie aus Deutschland kommt und sozusagen frei gewählt hat, sich zu verschleiern. Nach einer langen Schreibphase fängt die vermeintliche Frau an zu reden – und man hört, dass sie ein Mann ist. Vorurteile sollen aus dem Weg geräumt werden. Emre Akal und Tunay Önder nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise; auf der Videoleinwand ist jetzt München zu sehen. Der Muezzin ruft zum Gebet. Sieht so die Zukunft aus?

Danach geht es zurück in die Haupträume des Pathos-Theaters. Die Gruppe TRANS.net, die den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf europäische Zusammenarbeit in den politisch-performativen Künsten legt, hat ihre Aufführung mit „Mensch und Recht“. TRANS.net, das sind Schauspielerin Linda Löbel, Regisseurin Ana Zirner, der Dramatiker und Regisseur Timo Krstin, Regisseur Franz-Xaver Mayr, Schauspieler Thomas Prazak sowie Bühnen-/Kostümbildner und Regisseur Korbinian Schmidt. Dieser Teil hat mir zugegebenermaßen von allen drei am wenigsten gefallen. So ganz habe ich nämlich nicht verstanden, was dem Zuschauer mitgeteilt werden soll. Es geht um Menschenrechte und deren nicht angemessene Vertretung – warum aber dafür die Beteiligten in den kommenden Minuten kreuz und quer durch den Raum laufen, ohne Zusammenhang die immer gleiche Zahlenfolge herunterbeten, bleibt unklar.

Die letzte Station des heutigen Abends ist „I want you back!“ von Hunger&Seide. Hier spielt sich alles auf der Leinwand ab. Die beiden Darstellerinnen Judith Al Bakri und Barbara Balsei befinden sich in typischen Alltagssituationen: Beim Frühstücken, Haare föhnen, Staub saugen, Brot schneiden. Das Ungewöhnliche: Alles spielt sich rückwärts ab. Man sieht also, wie das schon in der Pfanne bratende Spiegelei plötzlich wieder zurück in die Schale flutscht. Oder die Nudeln, die nach und nach aus dem Mund zurück auf den Teller kommen. Im Kontrast dazu setzen die beiden sich nach Beendigung des Videos real auf der Bühne an einen Tisch und stopfen sich nach Herzenslust das Essen, das sie mitgebracht haben, in den Mund. Diese dritte Zukunftsaussicht ist für mich die gelungenste an diesem Arbeit.

Eine Fortsetzung von Dann soll es Ende des Jahres geben.

„Der Firmenhymnenhandel“ auf Tour

Herrlich!

„Der Firmenhymnenhandel“ von Thomas Ebermann tourt durch Deutschland. Dafür machte die prominent besetzte Truppe auch in München im Rahmen des Import-13-Festivals im Pathos Halt. Das Stück dreht sich um zwei Geschäftspartner, die Unternehmen musikalische Unterstützung in Form sogenannter Firmenhymnen anbieten. Dieser ganz auf die jeweilige Firma abgestimmte Song soll Zusammengehörigkeitsgefühl und Motivation der Mitarbeiter erhöhen. Thomas Ebermann, Publizist und Ex-Grünen-Politiker hat dazu ein gesellschaftskritisches Stück geschrieben, das die Zuschauer oft zum Lachen bringen kann. Dafür gab es viel Applaus und Jubel.

Robert Stadlober, der den Firmenhändler spielt, kommt auf die Bühne (Astrid Noventa), die sterilen Büroalltag zeigt: Gläserne Wände, ein paar weiße Sessel und ein Chefzimmer, unverkennbar mit dem Selbstporträt im Hintergrund. Ein großer Beamer hängt an der Wand – sogleich wird ein Video eingespielt, das eine Gruppe von Mitarbeitern beim gemeinsamen Singen zeigt. Verschiedene Beiträge zur Firmenhymne – unter anderem von Stern TV – folgen.

Zusammen mit Felix Frohberg (Tillbert Strahl-Schäfer), der die Hymnen komponiert, möchte der Händler die Lieder, von denen er selbst nicht überzeugt ist, Managern andrehen. Die eigentliche Leidenschaft der beiden Jungunternehmer gehört der Musik – beide haben den Traum, eines Tages davon leben zu können.

Die Tochter des Chefs einer Glasfirma (Pheline Roggan) ist der Ansicht, dass eine Firmenhymne dem verstaubten Image des Unternehmens nicht schaden könnte und heuert die beiden an. Nun gilt es, den eigensinnigen Chef (Rainer Schmitt) zu überzeugen. Und dafür lassen sich die Händler viel einfallen. Geradezu absurd ist deren Begeisterung für die wirklich schwachsinnigen Claims. Kostprobe: „Wir sind Kaisers Tengelmann und in unserer Art Familie kommt’s auf jeden von uns an“ und „DHL-Pakete holen tut so gut“. Man mag kaum glauben, dass es Hymnen dieser Art wirklich gibt!

Sehr schön zeigt das Stück die bei vielen Arbeitnehmern vorherrschende Diskrepanz zwischen Traumjob und Broterwerb. Außerdem wird der Kunstbegriff ins Lächerliche gezogen. Weiter gibt es bitterböse Kritik an den gängigen „Seminaren“ für Top-Manager, etwa wenn diese mit einem Lama eine Woche durch die Pampa wandern, um „Führungsqualitäten“ zu schulen.

Aber nicht nur die Schauspieler auf der Bühne leisten etwas: Auf der Leinwand sind zahlreiche weitere prominente (unter anderem Nina Petri) zu sehen. Der Videoteil beschränkt sich alleine auf den Gesang – so kommt man als Zuschauer in den Genuss diverser Unternehmenshymnen. Ich hatte sehr viel zu Lachen und kann den „Firmenhymnenhandel“ nur weiterempfehlen.
Weitere Termine und Orte der Tour: 05.03. Mannheim – Alte Feuerwache, 06.03. Ulm – Roxy, 08.03. Zürich – Rote Fabrik.

Mit: Robert Stadlober, Pheline Roggan, Rainer Schmitt, Tillbert Strahl-Schäfer

Münchner Kammerspiele – Fegefeuer in Ingolstadt

Susanne Kennedys Inszenierung von „Fegefeuer in Ingolstadt“ an den Kammerspielen lässt sich mit einem Wort beschreiben: Interessant. Dass interessant beim Theater aber auch unglaublich anstrengend bedeuten kann, habe ich hier wieder einmal zu spüren bekommen. Für alle, die „Fegefeuer in Ingolstadt“ nicht kennen, lohnt es sich, die Inhaltsangabe vorher zu studieren. Teilweise sind Zusammenhänge schwer zu verstehen, was der Sprache Fleißers geschuldet ist.

Das Geschehen spielt sich unter Schülern ab, die als solche aber nur aufgrund von Kostüm und Maske nicht zu erkennen wären. Olga (Çigdem Teke) erwartet ein Kind von Peps, der aber eine neue Freundin hat. Ihr Mitschüler Roelle, gespielt von Christian Löber, ist Außenseiter und wird von den anderen als hässlich und stinkend beschimpft. Er erpresst Olga mit dem Wissen um einen von ihr geplanten Schwangerschaftsabbruch und stellt ihr nach, was die Eifersucht von Olgas Schwester Clementine (Anna Maria Sturm) weckt. Schließlich sieht sich Olga gezwungen, ihrem Vater von der Schwangerschaft zu berichten, da Roelle Gewalt anwenden will, um ihr nahe zu sein. Die junge Frau trifft nicht auf das erhoffte Verständnis und versucht, sich zu ertränken, wird aber von Roelle gerettet. Weitere Figuren sind Protasius und Gervasius, die ursprünglich als undurchsichtig beschrieben und hier etwas ins Lächerliche gezogen sind.

Weil er einem Hund die Augen ausstach, ist Roelle unterdessen von der Schule geflogen. Er gibt sich als Vater von Olgas Kind aus. Roelle glaubt nach einigen Streitereien mit Olga, dass er an ihrer neuen Außenseiterrolle schuld ist und will beichten. Den Beichtzettel isst er aber auf, weil er sich dann doch nicht traut.

Das Bühnenbild von Lena Müller ist schlicht weiß gehalten. Es ist ein Raum in einem Haus dargestellt, an der Wand hängt ein Kruzifix. Der Bezug zur Religion ist allgegenwärtig. Das Licht flackert und schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Ich habe zuerst an ein Irrenhaus gedacht, als ich die Bühne und die Figuren gesehen habe. Denn alle wirken krank, nicht zurechnungsfähig und erstarrt. Jeder bekämpft hier jeden, ein Miteinander gibt es nicht. Der Ton kommt vom Band. Die Schauspieler sind also in den rund 100 Minuten angehalten, das Playback mimisch einzuhalten. Das gelingt (bewusst?) nicht immer. Kennedy hat Peps und Hermine zudem ganz gestrichen und das Stück gekürzt.

Was am Anfang noch interessant wirkt – diese künstlich anmutenden Geschöpfe, die mehr Puppe als Mensch sind und nicht wirklich von der Stelle kommen – wird im Verlauf der Vorführung langweilig. Denn schon nach kurzer Zeit ist der weitere Verlauf absehbar. Ich ertappe mich dabei, mit den Gedanken abzuschweifen. Neben mir schnauft eine ältere Dame zunehmend genervter und als Roelle in der Szene mit dem Beichtzettel seine Handlungen immer wiederholt, bewegt sich der Zuschauer an der Grenze zum Ertragbaren.

Die letzte Szene dreht sich um eine Gebets-Litanei, die nicht enden wollend wieder und wieder und noch einmal von allen Darstellern eingesprochen wird. Trauten sich vorher nur wenige Zuschauer aus dem Saal, steht jetzt ein ganzes Rudel auf; einige klatschen verfrüht Beifall, um dem Geschehen auf der Bühne ein Ende zu machen. Jemand ruft „Na dann geht doch nach Hause, wenn ihr sowas nicht ertragen könnt.“ Recht hat er. Applaus gibt es trotzdem viel; als die Regisseurin die Bühne betritt, kassiert sie allerdings viele Buh-Rufe. Wer einen Hang zu Fleißers Texten hat und nicht auf leichte Kost steht, dem sei die Aufführung ans Herz gelegt. Ansonsten würde ich das Stück – obschon einige interessante Momente aufflackern – nicht zur Empfehlung aussprechen.

Es spielen: Christian Löber, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke, Heidy Forster, Marc Benjamin, Walter Hess, Edmund Telgenkämper. Weitere Vorstellungen sind am 17.02., 24.02., 04.03., 15.03., 21.03. sowie am 30.03.2013.

Jan Gehlers „Werther“ im Volkstheater

Werther, ein junger Mann ohne wirkliches Ziel, verliebt sich in Lotte, die sich ebenfalls angezogen fühlt. Das Dilemma: Sie ist schon Albert versprochen und möchte sich auch nicht von ihm trennen. Trotzdem will sich Werther damit nicht abfinden; sein Werben gibt er nicht auf. Für ihn endet die Liaison tragisch. Der 1983 geborene Regisseur Jan Gehler bringt im Volkstheater den Klassiker in einer sehr modernen Version auf die Bühne.

Die Briefe, die Werther bei Goethe an Wilhelm adressiert, werden hier gekürzt direkt an den Zuschauer gerichtet. Das Interessante ist, dass alle Figuren Werthers Text sprechen – es wurden die Passagen herausgesucht, welche jeweils passend für den Charakter sind. Neben Werther, Albert und Lotte sind noch Wilhelm und Sophie mit von der Partie. Alle stehen sie als Vertreter für unterschiedliche Erfahrungen mit der Liebe, alle haben sie etwas gemein: Für keinen der Figuren ist die Liebe leicht, jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Copyright: Arno Declair
Werther sieht am Ende nur den Selbstmord als Ausweg. Copyright: Arno Declair

Mara Widmann spielt die Lotte, die zwischen zwei Männern steht. Werther wird sehr gut von Pascal Riedel verkörpert, Sohel Altan G. spielt den Nebenbuhler Albert. Justin Mühlenhardt ist Wilhelm, der am Ende so von seinen Gefühlen überwältigt wird, dass er seine Geliebte und deren Ehemann umbringt. Die Nüchternste ist Sophie, gespielt von Lenja Schultze. Sie kommentiert das Geschehen, indem sie unglücklich ausgegangene Liebesgeschichten erzählt, ihre eigene jedoch für sich behält. Sie scheint mit dem Gefühl der Liebe abgeschlossen zu haben. Mit Hinzunahme der beiden Figuren Sophie und Wilhelm liegt der Fokus nicht mehr wie im Roman nur auf der tragischen Dreierkonstellation.

Copyright: Arno Declair
Copyright: Arno Declair

Das Bühnenbild (Sabrina Rox) ist unspektakulär. Eine weiße Treppe fungiert als Diagonale, die den Bühnenraum trennt. Oben befindet sich nur Lottes heile Welt, unten spielt sich das Geschehen im Gesamten ab. Da kommen dann auch viele Bierdosen und Clubsound zum Einsatz. Das alles trägt dazu bei, dass sich vor allem auch junge Leute angesprochen fühlen. Im Zusatzmaterial des Volkstheaters heißt es: „Es gibt so ein paar Stellen, wo jeder sich etwas „rauspicken“ kann – gerade, weil die Liebe jedem bekannt ist, gerade weil jeder Erfahrungen mit Liebe hat“. Dem kann ich nur zustimmen. Fazit des Abends: Ein Kaleidoskop der Liebe, das sehenswert ist!

Weitere Vorstellungen sind am 14.02., 15.02., 25.02., 01.03., 20.03., 21.03., 05.04., 06.04.

Der Firmling – „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist“

…sprach Karl Valentin.

Matthias Kauffmann hat im Rationaltheater an der Münchner Freiheit gewagt, eine Neuauflage des „Firmlings“ von Karl Valentin und Liesl Karlstadt zu inszenieren. Das Programmheft verspricht eine „tiefschwarze Valentiniade zum Lachen und Nachdenken“. Leider hat das Stück allenfalls unfreiwillige Komik zu bieten.

Mit einer Videoprojektion des alten Film-Originals beginnt der Abend noch recht vielversprechend. Ein Countdown zählt bis zum Beginn herunter, der Zuschauer darf gespannt sein. Doch was dann die folgenden zwei Stunden auf der Bühne zu sehen ist, ist enttäuschend.

Der eigentliche Sketch dreht sich um Firmling Pepperl und seinen Vater in einem Restaurant. Die beiden stoßen einen Tisch um, Alkohol fließt, das Lokal ist am Ende verwüstet. Im Original ist das wirklich komisch. Bei der Adaption habe ich das Gefühl, dass Effekthascherei an erster Stelle steht. Groß angekündigt ist das Schauspiel schon im Programmheft: Es gibt eigens ein Firmling-“Manifest“. So steht dort schon im ersten Paragraphen geschrieben, dass man Karl Valentin doch mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie Goethe oder Schiller behandeln müsse. In fünf Akte ist das Ganze aufgeteilt. Die Übergänge sind viel zu abrupt und in den ganz seltenen Momenten, in denen eine gewisse Tragikomik aufkommen könnte – das sind die Szenen, in denen Kauffmann die andeutungsweise schwierige Beziehung zwischen Pepperl und dem Vater thematisiert – wird wie aus dem Nichts der immer zwischen Szenen verwendete Rap „Achtung, Achtung“ eingespielt.

Auch ist alles einfach übertrieben – das Schauspiel, die Einfälle zur Szenengestaltung, das „Manifest“ und damit zugleich die hohen Ansprüche, die der Regisseur an sich selbst stellt.

Ich habe das Gefühl, dass hier jemand dachte: „Viel hilft viel“. Und dann ist da noch die Szene, in der Pepperl wirklich EWIG lange einen ganzen Rosenkranz betet. Das will provokant sein, läuft aber auf Langeweile hinaus: Unterhaltung geht anders. Einige haben das Theater frühzeitig verlassen…

Copyright: Florian Freund / Rationaltheater
Copyright: Florian Freund / Rationaltheater

Es spielen Anna März, Justus Dallmer und Julian Bayer.

Am 20. Januar ist die letzte Vorstellung im Rationaltheater. Danach zieht das Stück weiter nach Rosenheim, wo es am 01. Februar Premiere hat.

„Every victim needs a sacrifice“ – „Fräulein Else“ von Schnitzler im Haus der kleinen Künste

Else ist ein junges, lebensfrohes Mädchen. Bis jetzt. Sie macht Ferien weit weg von zu Hause und lässt es sich gut gehen. Als sie ein Telegramm von der Mutter erhält, wendet sich das Blatt: Der Papa hat ganze 30.000 Gulden veruntreut. Else soll mit Hilfe des reichen Dorsday dafür sorgen, dass er vor einer Gefängnisstrafe bewahrt wird. Dorsday ist durchaus bereit, das Geld zu leihen, hat aber eine Bedingung: Er möchte Else nackt sehen. Von nun an ist Else mal wahnsinnig, mal wütend, mal ruhig, mal verzweifelt und auch noch vieles mehr. Ihre Gedanken springen hin und her und versuchen, alles genauestens zu durchdringen und alle Möglichkeiten durchzuspielen.

Im Haus der kleinen Künste hat „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler Premiere. Das Ein-Mann-Stück bietet die Form des inneren Monologs, den die Darstellerin Lisa Eder gekonnt variiert. Sie verkörpert die Else lebensfroh und intensiv, aber auch einsam und unsicher. Sobald der Zuschauer meint, er sei hinter ihre Fassade gekommen, gibt es schon wieder eine weitere Facette an Else zu entdecken. Am stärksten sind die Passagen, in denen klar wird, dass sie keine Wahl hat – Else muss tun, was Dorsday von ihr verlangt, sonst kommt ihr Vater ins Gefängnis. Der Zuschauer sieht einerseits diese willensstarke, selbstbewusste Frau, andererseits die Verzweiflung aufgrund der Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt. Es hilft alles nichts – sie muss sich opfern.

Einladung_Fr.Else

Auf der Bühne befindet sich ein kleiner Tisch mit Wein und Essen. Bevor die Vorstellung anfängt, sieht das recht einladend aus – sobald Else die Bühne betritt, wird es aber dunkel und drei Lampen, die die Bühne nur karg mit kaltem blauen Licht beleuchten, werden angeknipst. Die Inszenierung von Johannes Seuffer wird unterstützt von Musik und Projektionen. So kommt es vor, dass die Darstellerin der Else inbrünstig „Bitte geh nicht fort“ von Marlene Dietrich imitiert. Die englischen Projektionen werden immer mal wieder eingestreut, passend zum jeweiligen Textabschnitt. Das ergibt durchaus manchmal Situationskomik.

Wer noch nie im Haus der kleinen Künste war, sollte sich das Keller-Theater dort unbedingt einmal ansehen. „Fräulein Else“ konnte mich überzeugen – und das, obwohl sie 90 Minuten lang fast ununterbrochen ihr Innerstes nach außen kehrte.

Vorstellungen gibt es noch am 14. & 15. Dezember.

Schnitzlers „Anatol“ in der Pasinger Fabrik

Im heimeligen Theater der Pasinger Fabrik „Viel Lärm um nichts“ wird Schnitzlers „Anatol“ in einer Inszenierung von Andreas Seyferth aufgeführt – Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, ist das Stück aktueller denn je.

Anatol ist das, was man in der heutigen Zeit einen „Player“ nennt. Er lässt sich von einer Frau zur anderen treiben, ist keiner treu und immer wieder auf der Suche – doch wonach eigentlich? Immer hat er den Anspruch an die Frauen, von ihnen auf das Höchstmögliche geliebt zu werden, aber ist nicht bereit, genauso viel zurückzugeben. Anatol lässt es erst gar nicht zu einer engeren Bindung kommen, seine Angst vor Anlehnung und Zurückweisung ist dafür viel zu groß. Insgeheim sehnt er sich aber nach der Liebe, wie in seinen Gesprächen mit Max, treuer Gefährte und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehend, immer wieder deutlich wird. Dieser Anatol, dargestellt von Hannes Berg, wirkt getrieben, innerlich zerrissen, nie hat der Zuschauer das Gefühl, dass er auch nur in einem Moment glücklich ist. Dauernd meint er, von den Frauen verraten zu werden, ist Pessimist, aber hat auch Angst vor der Wahrheit. Stephan Joachim hat ein Bühnenbild kreiert, das perfekt zur Stimmung der Figuren passt. Nur wenige Möbelstücke stehen dort vereinzelt, alle umhüllt von einer weißen Folie. Auch die Kostüme drücken das aus, was alle drei Hauptfiguren – Max, gespielt von Alexander Wagner, die Weibliche, Deborah Müller, die alle Damen des Stücks verkörpert, und Anatol – ausstrahlen: Leere. Neutralität. Allem ist die Farbe entzogen, auf der Bühne sieht man das abgestumpfte Dasein in seiner vollsten Pracht und hofft insgeheim, nie selbst so farblos zu werden. Die Figuren existieren eher, als zu leben und spielen alle ihre Rollen mit vorgegeben Masken, die sie – selbst, wenn sie wollten – nicht mehr ablegen können. Zu sehr sind sie ihnen schon in Fleisch und Blut übergegangen und die Menschen dahinter wirken nur noch wie Karikaturen ihrer selbst.

Zwischen den einzelnen Episoden des Einakters sorgen Urte Gudian und Ardhi Engl für Tanz- und Musikeinlagen. Stimmungsvolle Bilder werden damit vor und hinter einem durchsichtigen Vorhang erzeugt. Trotz Streichungen bleiben alle Episoden gut erhalten, nur „Weihnachtseinkäufe“ wird in Auszügen immer wieder in Verbindung mit Musik und Tanz eingestreut. Ist das Konzept dieser Inszenierung sonst sehr klar und stimmig, wäre hier interessant zu erfahren, wieso gerade diese Passage zerlegt wurde und welche Intention Andreas Seyferths dahintersteht. Berührend ist es, wenn Anatol in der „Episodenszene“ Max von seiner Begegnung mit Bibi berichtet. Hier kommt ganz klar seine tiefe Sehnsucht nach einer echten Liebe zum Vorschein, unterlegt von poetischer Musik. Doch trotzdem hat die Umsetzung auch eine Heiterkeit und etwas Leichtes, die Figuren wirken durchaus vielschichtig.

Deborah Müller und Hannes Berg glänzen in einer Inszenierung von Andreas Seyferth. Copyright Hilda Lobinger

Alle Schauspieler spielen sehr gut, herausragend ist Deborah Müller, die die ganze Gefühlspalette in den unterschiedlichen Frauenfiguren exzellent zum Ausdruck bringt. Eine schöne Rahmenhandlung bieten Anfang und Ende, wenn Anatol und Max als gealterte Männer auf der Bühne erscheinen. Hier werden Sequenzen aus „Anatols Größenwahn“ verwendet, etwa auch, wenn die Frauenfigur Berta auftritt. Wenn dann im Gespräch der beiden Männer Perlen als Metapher für Frauen thematisiert werden und Anatol fragt „Was wäre, wenn alle falsche Perlen gewesen sind und eine echte dabei war und ich habe sie nicht erkannt?“ endet der Theaterabend mit einem bitteren Nachgeschmack. Eine sehenswerte Inszenierung!